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Interview

Felicitas Rohrer: Pillen-Prozess gegen Bayer: "Ab diesem Zeitpunkt war ich klinisch tot"

Mit 25 Jahren erkrankte Felicitas Rohrer an einer Lungenembolie. Sie hält die Antibabypille "Yasminelle" für die Ursache und klagt gegen den Pharmakonzern Bayer. Der stern sprach mit ihr über die Krankheit, den Prozess - und die Angst vor dem Tod.

Felicitas Rohrer hält eine Packung der Antibabypille Yasminelle in der Hand

"Als ich aus dem Koma erwachte, war mein Körper am Boden": Felicitas Rohrer erkrankte 2009 an einer Lungenembolie (Archivbild aus 2015)

Picture Alliance

Frau Rohrer, Sie klagen gegen den Pharmakonzern Bayer. Ein weltweit tätiges Unternehmen, das zuletzt einen Jahresumsatz von rund 35 Milliarden Euro erwirtschaftete. Bereitet Ihnen die Größenordnung keine Sorgen?

Natürlich belastet mich der Prozess. Aber bislang habe ich meine Klage keinen Augenblick lang bereut. Ich möchte es zumindest versuchen, und nicht zuletzt wünsche ich mir Gerechtigkeit. Bayer soll vor Gericht Rede und Antwort stehen. Das sind sie mir, aber auch anderen Frauen schuldig, die nicht mehr vor Gericht ziehen können. Sei es, weil sie aufgrund der Pilleneinnahme behindert wurden oder gestorben sind. Ein derart großer Konzern muss für seine Produkte Verantwortung tragen. Deshalb muss es einen Prozess und ein Urteil geben.

Was werfen Sie Bayer konkret vor?

Bayer hat mit den Antibabypillen der Yasmin-Familie, also Yasmin, Yasminelle und Yaz, Medikamente auf dem Markt gebracht, die aufgrund des enthaltenen Hormons Drospirenon unverhältnismäßig gefährlich sind. Mit Drospirenon besitzen die Pillen ein bis zu doppelt so hohes Thromboserisiko als Pillen der älteren Generation. Auf dieses höhere Thromboserisiko wurde aber nicht im Beipackzettel hingewiesen. Nach acht Monaten Pilleneinnahme habe ich eine Thrombose und eine doppelseitige fulminante Lungenembolie entwickelt. Ich hatte einen Atem-und Herzstillstand und konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Pillen der dritten und vierten Generation werden oft verordnet - trotz der bekannten Risiken. Wie erklären Sie sich das?

Bayer hat die drospirenonhaltigen Antibabypillen beworben: Durch sie könne man sein Gewicht halten, außerdem würden sie Haut und Haare verbessern. Sie verschenkten Pillenschachteln mit Schminkspiegeln und versuchten so, junge Frauen unter 30 Jahren gezielt anzusprechen. Dabei sind die Pillen für Erstanwenderinnen in diesem Alter besonders gefährlich. Leider herrscht auch die Meinung vor, dass neue Präparate besser und sicherer seien. Das ist bei den Antibabypillen nicht der Fall. Sie müssen lediglich verhüten, und das machen ältere Präparate mit geringerem Thromboserisiko genauso gut. Die angeblichen Zusatznutzen der neueren Generationen bringen ein höheres Erkrankungsrisiko mit sich. Das wollen aber viele verschreibende Frauenärzte nicht sehen.

Man könnte auch argumentieren: Zahlreiche Frauen nehmen die Pille ohne Probleme ein. Nebenwirkungen sind daher die Ausnahme.

Natürlich gibt es Menschen, die sagen: 'Ihr seid ja nur Einzelfälle.' Meiner Meinung nach ist jede Erkrankung, jeder Todesfall einer zu viel. Die Pille ist kein lebenserhaltendes Medikament, für das es sich lohnt, solche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen - im Gegenteil, sie wird von gesunden jungen Frauen genommen. Auf dem Markt gibt es Pillen der zweiten Generation, die genauso gut verhüten und deutlich weniger Thrombosen verursachen. Zumal die Dunkelziffer meines Erachtens nach recht hoch ist. Ich bekomme immer wieder Mails von Eltern, die schreiben, sie brächten den Tod ihrer Tochter erst jetzt mit der Pille in Verbindung. Überall auf der Welt gibt es Betroffene. In den USA sind es um die 9000 Frauen, die Bayer auch schon außergerichtlich mit knapp zwei Milliarden US-Dollar entschädigt hat. In vielen europäischen Ländern sind Klagen gegen Bayer anhängig. Hier von Einzelfällen zu sprechen ist falsch und perfide.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 11. Juli 2009, den Tag, an dem Sie in das Universitätsklinikum Freiburg eingeliefert wurden?

Mir ging es bereits seit einigen Wochen nicht gut: Ich bekam schlecht Luft, war ständig erschöpft und wachte nachts immer wieder mit Atemnot auf. Ich war sogar im Krankenhaus und bei Ärzten, aber keiner hat die Symptome richtig gedeutet. Am Morgen des 11. Juli bin ich dennoch mit meinem Freund nach Freiburg gefahren. Dort hatte ich eine Sprachprüfung für einen deutsch-französischen Journalismus-Studiengang. In der Uni angekommen, wurde mir plötzlich schwindlig, ich kollabierte und wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich furchtbare Schmerzen im ganzen Oberkörper und glaubte zu ersticken. Der Notarzt brachte mich in das Uniklinikum, wo ich einen Atemstillstand und daraufhin einen Herzstillstand hatte. Sie haben mich defibrilliert, aber mein Herz hat dennoch nicht wieder angefangen zu schlagen. Ab diesem Zeitpunkt war ich klinisch tot.

Die Ärzte konnten Sie dennoch retten.

Ja, die Ärzte öffneten meinen Brustkorb, durchtrennten das Brustbein. So hatten sie freie Sicht auf meine Lunge. Dann holten sie mit einer Art Pinzette die Blutgerinnsel aus meinen Lungenflügeln. Währenddessen war ein Arzt ausschließlich dafür zuständig, mein Herz zu massieren und zu pumpen. So hielt er meinen Blutkreislauf aufrecht. Diese Vorstellung finde ich auch heute noch gruslig.

Die Ärzte berichteten ihren Eltern, dass sie aufgrund der Schwere der Krankheit lediglich eine Überlebenschance von unter drei Prozent hatten. Dennoch wachten Sie aus dem Koma auf, sogar ohne messbare Hirnschäden. Welche bleibenden Schäden haben Sie davongetragen?

Direkt nach der Operation wurde ich an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, da mein Körper nicht mehr eigenständig funktionieren konnte. In der ersten Zeit wurde ich also künstlich beatmet und ernährt. Als ich aus dem Koma erwachte, war mein Körper am Boden. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft zu sitzen, zu kauen und zu laufen. Ich musste von anderen gewaschen werden – mit 25 Jahren! Das Vertrauen in meinen Körper war weg, er fühlte sich wie eine Art Fremdkörper an. Außerdem habe ich auch heute noch eine wahnsinnige Angst vor dem Tod. Immer wieder kommt diese Panik in mir auf: Ich bin dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen – wann kommt er wieder, um mich zu holen? Ich leide an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, habe ein Lymphödem in einem Bein, habe zahlreiche Narben am Oberkörper und muss blutgerinnungshemmende Medikamente einnehmen.


Risiko einer venösen Thromboembolie bei Einnahme hormoneller Kontrazeptiva, kombiniert mit dem Östrogen Ethinylestradiol (Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2014)

Enthaltenes GestagenGeschätzte Fälle pro 10.000 Frauen und Anwendungsjahr
Zum Vergleich: Nichtschwangere, die keine Pille nehmen2
Levonorgestrel5 bis 7
Norgestimat5 bis 7
Norethisteron5 bis 7
Gestoden9 bis 12
Desogestrel9 bis 12
Drospirenon9 bis 12
Etonogestrel6 bis 12
Norelgestromin6 bis 12
ChlormadinonacetatNoch zu bestätigen/weitere Studien werden durchgeführt
DienogestNoch zu bestätigen/weitere Studien werden durchgeführt
NomegestrolacetatNoch zu bestätigen/weitere Studien werden durchgeführt

Sie machen die Pille Yasminelle mit dem Wirkstoff Drospirenon für ihre Krankheit verantwortlich. Was macht Sie so sicher, dass die Pille die Lungenembolie ausgelöst hat?

Ich hatte zum Zeitpunkt der Einnahme keine bekannten Risikofaktoren. Ich bin Nichtraucherin, nicht übergewichtig, sportlich und hatte keine vorhergehende Operation. Ich war auch davor 25 Jahre lang gesund, hatte nie Beschwerden oder Krankheiten. Ich habe also damals zu keiner Risikogruppe gehört.

Warum haben Sie sich zu der Klage entschlossen?

Ich denke in kleinen Schritten: Die Aufmerksamkeit soll zunächst auf das Thema gelenkt werden. Irgendwann, so hoffe ich, ist der öffentliche Druck so groß, dass Bayer die Pille vom Markt nehmen muss. Und natürlich hoffe ich auch juristisch auf einen Erfolg. Ich wünsche mir ein Gerichtsurteil und damit Gerechtigkeit. Auch wenn dies nicht mehr das mildern kann, was mir oder anderen widerfahren ist.

Ein medizinischer Gutachter konnte vor Gericht die Ursache der Gesundheitsprobleme nicht eindeutig klären. Das zuständige Landgericht Waldshut-Tiengen in Baden-Württemberg hat eine Empfehlung abgegeben: Ein Vergleich oder eine außergerichtliche Einigung seien die beste Lösung, der Prozess könnte sonst noch Jahre dauern. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag?

Mein Anwalt und ich verschließen uns diesem Vorschlag nicht. Der Anwalt von Bayer hat sich aber klar dagegen ausgesprochen, da er keine Grundlage dafür sieht. Was meiner Meinung nach natürlich lächerlich ist, denn gäbe es keine Grundlage für meine Forderungen, wäre meine Klage gar nicht angenommen worden. Es gäbe keinen noch immer laufenden Prozess und es wäre nicht jetzt schon zum zweiten mündlichen Verhandlungstag gekommen. Ende des Jahres wird das Gericht nun entscheiden, wie es weitergeht.


Anmerkung der Redaktion:

Der stern hat den Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer gebeten, zu den wesentlichen Aussagen des Interviews Stellung zu beziehen. Bayer hat schriftlich geantwortet und bestätigt, dass am 18. Oktober 2018 vor dem Landgericht Waldshut-Tiengen eine Verhandlung im Verfahren Rohrer gegen die Bayer Vital GmbH stattgefunden hat. In dem Verfahren gehe es um Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen, schreibt das Unternehmen. "Grundlage ist die Behauptung der Klägerin, sie habe durch die Einnahme des kombinierten oralen Kontrazeptivums Yasminelle mit dem Gestagen Drospirenon eine Lungenembolie erlitten." Bayer verweist in der Stellungnahme auf das positive Nutzen-Risiko-Profil von oralen Kontrazeptiva wie Yasminelle bei bestimmungsgemäßer Einnahme. Man sei davon überzeugt, dass in der Produktinformation "angemessen über die Risiken von Yasminelle informiert wurde".

Weiter heißt es: "In der Verhandlung ging es um die Frage, ob die Lungenembolie durch die Einnahme von Yasminelle verursacht worden ist. Der vom Gericht bestellte Sachverständige hat dazu das von ihm erstellte Gutachten erläutert und ist dabei auch auf Fragen des Gerichts und der Parteien eingegangen. Eine abschließende Bewertung der Frage eines Ursachenzusammenhangs durch das Gericht unter Würdigung des Ergebnisses der Beweisaufnahme steht aus. Diese gilt es jetzt abzuwarten. Insofern bitten wir um Verständnis, dass wir der abschließenden Bewertung durch das Gericht nicht vorgreifen und uns zu den weiteren Schritten vorerst nicht äußern möchten.

Bayer hat großes Mitgefühl mit dem Schicksal von Frau Rohrer und mit Patienten, die unsere Produkte anwenden und von ernsten gesundheitlichen Beschwerden berichten - unabhängig von deren Ursachen."

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