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Selbstversuch Ein Jahr ohne Alkohol - so stark hat mich die Erfahrung verändert

Susanne Kaloff spricht über ihr alkoholfreies Jahr
Autorin Susanne Kaloff (48) hat ein Jahr lang auf Alkohol verzichtet - und trinkt auch nach dieser Zeit kaum noch Alkohol. Dafür hat sie gute Gründe, wie sie im Gespräch mit dem stern erzählt.
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Bye bye, Sekt! Tschüss, Gin Tonic! Autorin Susanne Kaloff hat bewusst ein Jahr lang auf Alkohol verzichtet. Im Gespräch mit dem stern berichtet sie über ihre Erfahrungen - negative wie positive.

Das Wochenende steht vor der Tür – die beste Zeit um auszugehen, zu feiern, Alkohol zu trinken. Was sind Ihre Pläne?

Ausgehen ist für mich nicht mehr das, was es mal mit 20 war. Ich gehe gerne ins Kino oder mit Freundinnen in ein Restaurant für leckeres Essen. Seit über einem Jahr verzichte ich dabei auf Alkohol. In den ersten zehn Minuten eines Abends fühlt sich das komisch an. Und in den letzten zehn auch.

In den letzten zehn? Das müssen Sie bitte erklären.

Weil meine Mitmenschen dann meist angetrunken sind. Und ich nicht. Alkohol ist überall, jeder trinkt ihn.

Sie haben einen Selbstversuch gewagt und ein Jahr lang ohne Alkohol gelebt. Dabei - so schreiben Sie in Ihrem Buch - waren Sie davor oft auf Feiern, auf denen der Crémant wie Wasser geflossen sei. Wie kam es zu dem Sinneswandel?

Alkohol entfremdet, verändert und bewirkt, dass die Menschen Masken aufhaben. Das habe ich auch an mir selbst festgestellt. Ich war neugierig und wollte wissen, wie es ohne ist.

Gab es einen Schlüsselmoment?

Mein Entschluss geschah nicht aus Reue, auch nicht als Reaktion auf einen Kater. Die Entscheidung fiel an einem ganz normalen Abend im Oktober 2016. Ich saß mit meinen Freundinnen in meinem Lieblingsrestaurant. Wir haben Rotwein getrunken. Nach dem ersten Glas kam die Frage auf: Wollen wir noch eins bestellen? Und ich habe mir gedacht: Es ist doch alles schön so, wie es ist. Es ist ein perfekter Abend. Warum sollte ich daran etwas ändern wollen? Statt Wein habe ich Wasser bestellt und habe diese Entscheidung ganz still getroffen - nur für mich. Das war der Startpunkt.

Die meisten Menschen hören nach einer durchzechten Nacht mit dem Alkohol auf.

Klar habe ich auch schon mal zu viel getrunken. Erst ein paar Monate zuvor. Ich war feiern mit Freundinnen. Wir haben es fürchterlich übertrieben, noch einen Wein und noch einen getrunken, weil es so lustig war. Und dann bin ich im Mojo-Club auf der Hamburger Reeperbahn gestolpert und auf die Nase gefallen. Das war drei Monate vor dem Abstinenz-Entschluss. Ab diesem Zeitpunkt hatte es wohl in mir gegoren. Zumindest fühlt sich das im Nachhinein so an. Ich habe gedacht: Wie doof, dass ich so werde, wenn ich zu viel getrunken habe. So will ich nicht sein.

Die Unterzeile Ihres Buches "Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend" über das alkoholfreie Jahr lautet "Ein Trip in die Freiheit". Warum?

Ich war körperlich nie von Alkohol abhängig. Aber ich denke, dass viele emotional an ihm hängen. Auch ich. Das merkte ich an Weihnachten: Wie traurig ich da war, dass ich die Festtage ohne ein Schlückchen Champagner verbringen würde. Oder das Essen ohne ein Glas Rotwein. Dabei geht es ja nicht gleich um eine ganze Flasche. Durch meinen Selbstversuch konnte ich mich von diesen Gefühlen lösen. Das empfinde ich als sehr befreiend.

Die Abstinenz hat nicht nur positive Dinge zu Tage gefördert. Einige Menschen haben sehr ablehnend reagiert.

Die Reaktionen waren teilweise sehr heftig. Zu heftig für ein Thema, das scheinbar niemanden etwas angeht. Mein Nicht-Trinken hat zum Teil unterschwellig aggressive Gefühle ausgelöst. Es kamen Sprüche wie: 'Ach, sonst bist du schon noch allen sinnlichen Vergnügungen zugetan?' Was soll das? Was will derjenige damit sagen? Dass ich prüde bin, weil ich keinen Alkohol trinke? Diesen Vorwurf habe ich übrigens auch zu hören bekommen. Der Umkehrschluss wäre ja dann, dass wir Alkohol trinken, um dem Sex mehr zugewandt zu sein. Ist das nicht eigentlich traurig?

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Alkohol ist ein Superheld. Die Volksdroge Nummer Eins. Er vermag große Sachen: Er tröstet, er sediert, er beruhigt. Er drückt Sachen weg, die sonst an die Oberfläche kämen. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum das Thema so starke Emotionen auslöst. Ich denke, dass ich den Leuten einen Spiegel vorhalte und auch eine Alternative aufzeige, indem ich nichts trinke. Gewollt habe ich das aber nie. Ich habe zu keiner einzigen Freundin gesagt: Das musst du auch mal machen. Obwohl ich sonst immer gerne ungefragt meinen Senf dazu gebe.

Haben Sie sich wie ein Außenseiter gefühlt?

Es ist ja so: Wir wollen alle in einem Boot sitzen und schunkeln und Spaß haben. Und jetzt komme ich um die Ecke und ziehe auch noch Alkohol durch den Kakao. Wo wir uns doch alle schon gesund ernähren und keinen Zucker mehr essen. Dann kommen Sätze wie: 'Ein bisschen Spaß muss doch sein. Ein bisschen Gemütlichkeit muss doch sein.' Ich frage mich: Ist es ohne Alkohol nicht auch gemütlich? Ich habe mich oft traurig und leer gefühlt, und ja, auch ausgeschlossen.

Wie kommen Sie mit dieser Rolle zurecht?

Mittlerweile sehr gut. Diese negativen Gefühle sind weitgehend verschwunden. Ich habe gelernt, Alkohol mit Abstand zu betrachten. Es ist ein Perspektivwechsel. Ich kann nicht erwarten, dass auch mein Umfeld anders auf Alkohol blickt. 

Wer keinen Alkohol mehr trinkt, zieht oft Misstrauen auf sich. Haben Ihnen die Leute ein Alkoholproblem unterstellt?

Nie direkt. Aber viele Leute wollten dieses Thema für sich abklopfen und sagten Sätze wie: 'Naja, ich weiß ja für mich, das ist nicht mein Thema. Ich bin keine Suchtperson.' Ich habe nie gesagt, dass ich eine war. Oder: 'Alkohol ist nicht mein Problem. Ich kann damit aufhören – von jetzt auf gleich. Rauchen, oh, das würde mir schwer fallen.' Bei diesen Worten haben sie an ihrem Glas Wein genippt. Das war schon paradox.

Was hat sich durch die alkoholfreie Zeit verändert?

Eine ganze Menge, geistig und körperlich. Ich schlafe tief und fest, bin kaum noch krank und habe seit Ewigkeiten keine Aspirin mehr genommen. Ich fühle mich ausgeglichener. Das Drama ist aus meinem Leben verschwunden. Ich bin ruhiger geworden. Und klarer.

Fehlt Ihnen etwas?

Mir fehlen weder Geschmack noch Wirkung von Alkohol, aber manchmal vermisse ich dieses "Scheiß doch drauf"-Gefühl. Dieses Gefühl von "Wir leben nur heute und heute lassen wir es krachen". Dieser kleine Wahnsinn. Aber ich finde es ohne Drama auch sehr schön. Das kann man langweilig finden.

Sind andere Dinge in Ihr Leben getreten?

Für mich war es nicht nur ein Trip in die Freiheit, sondern auch nach innen. Die alkoholfreien Monate waren extrem bewusstseinserweiternd. Ich mache zwar seit Ewigkeiten Yoga und meditiere, aber habe mich noch einmal von einer anderen Seite kennengelernt. In Situationen, die unangenehm sind. Oder traurig. Ein gutes Beispiel ist der Auszug meines Sohnes. Da stand ich abends in seinem leeren Zimmer, nach mehr als 20 Jahren Zweisamkeit. Jede Mutter wird nachfühlen können, dass es einem dann nach einem Glas Rotwein ist. Und wenn man dann nur eine Tasse Tee zur Hand hat – gute Nacht. Diese und so viele andere Erfahrungen haben mich aber gelehrt, dass ich diese Situationen aushalten kann. Dass nicht jede Leere und jedes Loch gestopft werden muss. Und dass es auch mal okay ist, wenn es gerade doof ist. Ich muss das nicht mehr wegdrücken, nicht mehr kleiner, erträglicher machen durch ein Glas Wein. Es ist okay. Das ist die Übung, die ich gelernt habe. 

Trinken Sie heute wieder Alkohol?

In ganz seltenen, besonderen Momenten lasse ich mir einen Schluck eingießen zum Anstoßen. Ich will da auch nicht zu eng und dogmatisch sein. Meist stelle ich das Glas danach unauffällig beiseite. Wie schön, dass ich das selbst entscheiden kann.

Selbstversuch: Ein Jahr ohne Alkohol - so stark hat mich die Erfahrung verändert

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