Synästhesie Wenn nichts ist, wie es scheint

In jeder Disko wandelt die Lightshow den Rhythmus der Musik in tanzende Farben um. Doch es gibt auch Menschen, die Bilder sehen, wo alle anderen Töne hören. Ein Talent, das schnell einsam macht.

Für Matthias Waldeck klingt Klaviermusik rot und sieht aus wie eine Reihe nach oben offener Halbkugeln. Der 47 Jahre alte Fotograf aus Hameln ist ein so genannter Synästhetiker: Seine Sinne sind ungewollt mit einander verschmolzen. In Deutschland gibt es nach Schätzungen von Experten rund 150.000 Betroffene. Einige von ihnen haben sich am Samstag im ersten öffentlichen Synästhesie-Cafe in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) getroffen, um über ihre ungewöhnlichen Wahrnehmungen zu sprechen.

"Andere Mensch-Variante"

Menschen wie Matthias Waldeck sind nicht verrückt, sondern völlig gesund. «Synästhesie ist keine Krankheit», erklärt der Direktor der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie an der MHH, Prof. Hinderk Emrich. Und doch nehmen Synästhetiker ihre Umwelt völlig anders wahr als Menschen ohne verknüpfte Sinne. Die genaue Ursache kennen die Wissenschaftler noch nicht. «Synästhetiker sind einfach eine andere Mensch-Variante», meint Emrich.

Jeder Buchstabe hat eine andere Farbe

Alexandra Bauer hat ihre besondere Fähigkeit in der Grundschule entdeckt, als die Mengenlehre mit farbigen Stäbchen erklärt wurde. «Mir ist aufgefallen, dass die Zahl 10 für mich einfach nicht orange war wie dieses Stäbchen», berichtet sie. Die Bremerin verbindet Zahlen und Buchstaben mit bestimmten Farbeindrücken. «Texte sind für mich bunt. Nur das Z, das ist schwarz», sagt sie. Als Kind sei diese Wahrnehmung völlig normal für sie gewesen. «Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass die Buchstaben für andere nicht bunt waren.»

Ausgestoßen in der eigenen Familie

Manche Synästhetiker fühlen sich einsam, denn Mitmenschen können mit den verschmolzenen Sinneseindrücken oft rein gar nichts anfangen. «In meiner Familie bin ich eine Ausgestoßene. Die halten mich alle für verrückt», sagt eine Teilnehmerin des Synästhesie-Cafes. Die meisten Betroffenen seien jedoch glücklich mit ihrer Fähigkeit, sagt Hinderk Emrich.

Ein bisschen Synästhesie steckt in Jedem

Matthias Waldeck bemerkte seine Synästhesie als Jugendlicher im Musikunterricht, als er das Rheingold von Wagner als «eine Linie rüber zum Fenster» beschrieb. Das so genannte Farbenhören ist die häufigste Art der Sinnesverschmelzung, wobei eine Farbe oder eine geometrische Form fest mit einem bestimmten Ton verbunden sind. «In Andeutungen hat jeder Mensch Synästhesie», erklärt Psychiater Emrich. Bei den meisten sei sie nur nicht voll ausgeprägt.


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