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Lungenkrankheit: Tausende Corona-Infizierte: Warum das Virus in Italien stärker grassiert als anderswo in Europa

Während das Coronavirus anfangs nur in Asien auftrat, hat es sich mittlerweile auch in Europa stark ausgebreitet. Experten gehen davon aus, dass der Herd dafür Italien war. Dort gibt es mittlerweile mehrere Tausend Infizierte – Tendenz steigend. Wieso ist das so?

Coronavirus: Mediziner aus Italien – "Früher oder später werden wir alle dieses Virus haben"

Nirgends in Europa haben sich so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert wie in Italien: Bei fast 7500 Menschen wurde die neuartige Lungenkrankheit bis Sonntagabend nachgewiesen. Knapp 370 von ihnen sind gestorben. Zum Vergleich: In Deutschland sind rund 950 Infizierte registriert. Die italienische Regierung hat am Sonntag drastische Maßnahmen ergriffen und den Norden abgeriegelt (mehr dazu lesen Sie in unserem Ticker).

Aber wieso gibt es ausgerechnet in Italien so viele Fälle? Und wieso breitet sich das Virus dort offenbar stärker aus als in anderen europäischen Ländern? Die Zeitung "Corriere della Sera" hat drei Experten dazu befragt und vier Gründe analysiert.

1. Die Welle wurde erst erkannt, als sie schon zu groß war

Massimo Galli ist Professor für Infektionskrankheiten an der Universität Mailand. Er ist überzeugt: Das Virus hat sich vermutlich ab Ende Januar in Italien ausgebreitet. Bloß: Wer es ins Land gebracht hat, ist völlig unklar. Der sogenannte "Patient Null" blieb bis heute unbekannt.

Der Grund: Die meisten Corona-Patienten bilden kaum oder nur milde Symptome aus. Auch "Patient Null, wer auch immer er ist, hatte keinen Grund zu der Annahme, dass er infiziert war", sagte Galli dem "Corriere". Er oder sie steckte daher unbewusst weitere Menschen an – das Virus konnte sich ungehindert ausbreiten, vor allem in der sogenannten Roten Zone im Norden des Landes. "Wir bemerkten das Feuer erst, als es bereits den größten Teil des ersten Stocks verbrannt hatte", so Galli. Als die Gesundheitsbehörden erkannt hätten, womit sie es zu tun hatten, sei die Welle längst zu groß gewesen.

2. Die "Super-Verbreiter" 

Paolo Bonanni, Professor für Hygiene an der Universität von Florenz, brachte eine weitere Komponente ins Spiel: die sogenannten "Super-Verbreiter". Sie könnten der Grund sein, warum sich das Virus, obwohl es mittlerweile bekannt ist und es Versuche zur Eindämmung gibt, in Italien immer noch rasend schnell ausbreitet. 

Bonannis Theorie: In bestimmten "Subjekten" habe sich "der Mikroorganismus in Mengen repliziert, die viele Menschen innerhalb kurzer Zeit infizieren können". Ein "Super-Verbreiter" könne daher mehr Menschen anstecken als es bei einer normalen Ausbreitung einer grippalen Erkrankung üblich sei. Laut Bonanni sei nicht auszuschließen, dass es in Italien einen oder mehrere Super-Verbreiter gebe.

3. Italien testet auch symptomfreie Patienten

Ein weiterer Grund für die hohen Fallzahlen in Italien ist laut Fabrizio Pregliasco, Virologe an der Universität in Mailand, die hohe Testfrequenz der Italiener. Während in anderen Ländern nur auf Covid-19 getestet werde, wer Symptome zeige, "wurden bei uns auch zahlreiche Tests durchgeführt an Risikopersonen", so Pregliasco. Damit sind vor allem Kontaktpersonen von Infizierten oder potenziell Infizierten gemeint.

Aufgrund der höheren Testfrequenz gebe es auch mehr identifizierte Kranke, so der Virologe. Zum Vergleich: In Deutschland werden Kontaktpersonen von Corona-Patienten in der Regel nicht sofort getestet, sondern zunächst in häusliche Isolation geschickt. Sofern sie keine Symptome ausbilden, findet meist kein Test statt – manche Infektionen bleiben so unerkannt.

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4. Italien als "Labor" für andere Länder 

Hygiene-Professor Bonanni geht davon aus, dass sich die Fallzahlen in anderen Ländern wahrscheinlich auch deswegen nicht so massiv erhöhen wie in Italien, weil man dort von den Erfahrungen profitiert, die die Italiener im Umgang mit dem Virus bereits gemacht hätten: "Im Moment sind wir im Verlauf der Epidemie ein Stückchen voraus, andere Länder werden erst später dort ankommen, wo wir jetzt schon sind."

So könnten zum Beispiel Eindämmungsmaßnahmen in anderen Ländern schon früher angewendet werden, wenn sie sich in Italien als wirksam erwiesen hätten. "Wir sind in jeder Hinsicht eine Art Labor für andere Nationen", so Bonanni. 

Quellen: "Corriere della Sera", Nachrichtenagentur ANSA

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