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TBC bei Tieren auf dem Vormarsch: Die Rückkehr der Rinderseuche

Rinder-Tuberkulose galt als ausgerottet, doch nun ist sie zurück. Nach Fällen im Allgäu trat die stark ansteckende Krankheit auch in Niedersachsen auf. Eine Bäuerin erkrankte bereits.

Von Gordon Päschel und Johannes Röhrig

Kurz vor Schichtende am 31. Mai 2013 kommt es auf dem Gelände des Jade Schlachthofs in Wilhelmshaven zu ungewöhnlicher Betriebsamkeit. Eine ganze Schlachtpartie - 211 Tiere - muss entsorgt werden. Die Rinderhälften werden zunächst verladen wie sonst auch, es soll im Betrieb kein Aufsehen geben. Dann werden sie in den Hinterhof gebracht. Dort landet das Fleisch in vier silbrig-metallenen Containern. Eine auf Tierkörperbeseitigung spezialisierte Firma aus dem Oldenburgischen holt die großen Behälter schließlich ab.

Die Tiere waren verseucht: Rinder-Tuberkulose. Mit so etwas ist nicht zu spaßen. Anfang des Jahres trat Rinder-TBC zunächst im Oberallgäu auf. Mehr als 700 Tiere mussten dort gekeult werden, 29 Milch- und Zuchtbetriebe wurden zeitweise unter Quarantäne gestellt. Nun erreicht die Seuche Niedersachsen, das Bundesland mit der intensivsten Viehhaltung. "In dem Betrieb lag eine unheimliche Durchseuchung vor", sagt der für den Schlachthof zuständige Veterinäramtsleiter Norbert Heising. "In so einem Ausmaß haben wir das hier noch nie erlebt."

Für den Menschen ist Rinder-TBC gefährlich, weil die Bakterien über Rohmilch oder den Verzehr von nicht vollständig durchgegartem Fleisch übertragen werden können. Gerade bei Rindfleisch ist diese Art der Zubereitung weit verbreitet: Das blutige Steak, das Carpaccio, der luftgetrocknete Schinken können so zum Risikoträger werden. Aus der Schlachtung in Wilhelmshaven sei kein Fleisch in den Handel gekommen, teilen Aufsichtsbehörden und Betrieb auf Anfrage mit, auch nicht als Tierfutter. Der Jade Schlachthof gehört zum Fleischriesen Tönnies. "Die Tiere sind komplett entsorgt worden", so das Unternehmen.

Die Seuche gilt eigentlich als ausgerottet

Der TBC-Fall aus Wilhelmshaven ist nicht nur wegen des hohen Grads der Verseuchung besorgniserregend. Bislang ist zudem ungewiss, wie die Tiere infiziert wurden. Außerdem besitzt der Fall eine politische Dimension, denn er wirft Fragen auf, wie mit der Rückkehr von Rinder-TBC in der Praxis umgegangen werden soll. Die Seuche gilt seit 1997 in Deutschland offiziell als ausgerottet. Für die meisten Veterinäre und Landwirtschaftsminister war Tuberkulose bislang kein Thema.

Das zeigt sich auch im aktuellen Fall. Wie sich herausstellt, war schon vor der Schlachtung in Wilhelmshaven klar, dass die Rinder infiziert sein könnten. Sie stammen aus einem TBC-verseuchten Bestand. Eine gefährliche Partie also. Trotzdem wurden die Tiere von der Veterinäraufsicht und den Landesbehörden unter Auflagen zur Schlachtung freigegeben. Ausgerechnet das niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Grünen Christian Meyer segnete die Aktion ab. Warum nur? Dahinter steht offenbar wirtschaftliches Kalkül. Über die Tierseuchenkasse muss das Land für Teile der Verluste des Landwirts haften.

Die kranken Rinder stammen nach stern-Recherchen von einem Milch- und Zuchtbetrieb in Hemslingen östlich von Bremen. Dort waren bereits am 2. und 3. Mai insgesamt 107 Tiere positiv auf Tuberkulose getestet worden. Sie wurden gekeult. Bei den benachbarten Bauern löste der hohe Befall in der Umgebung damals Alarm aus. Auch umliegende Höfe bei Rotenburg an der Wümme mussten ihr Vieh einem TBC-Schnelltest unterziehen.

Eigentlich durfte das Fleisch nicht zum Schlachter

Die Rechtslage sieht für solche Fälle strenge Maßnahmen vor. Befallene Höfe müssen gesperrt, befallene Tiere gekeult, die Milch vernichtet werden. Die betroffenen Betriebe bleiben so lange unter Quarantäne, bis Intensivtests die Gesundheit des Restbestands ohne Zweifel belegen. "Im Verdachtsfall wird der ganze Bestand gesperrt", teilt das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit FLI mit. Von gesperrten Betrieben dürften demnach keine Tiere an Schlachthöfe geliefert werden, so das Institut. Eine Schlachtung schließt das FLI aus.

Auch der Hof in Hemslingen wurde unter Quarantäne gestellt. Dazu muss man wissen: Jeder Milchbauer, dessen Tierbestand von einer meldepflichtigen und nicht kurierbaren Krankheit befallen ist, drängt auf umgehendes Keulen der Herde. Nur so kann die Sperrung bald aufgehoben und der Betrieb nach dem Desinfizieren neu gestartet werden. Den Wert des Viehs bekommt das Gehöft von der Tierseuchenkasse ersetzt, wo Viehzüchter und Milchbauern pflichtversichert sind. Dem Landwirt kann es also finanziell egal sein, ob die Tiere beseitigt oder geschlachtet werden. Hauptsache, sie kommen schnell vom Hof.

Nach dem TBC-Nachweis bei 107 Tieren standen die Behörden in Hemslingen vor der Wahl, auch die anderen gut 200 Tiere des Hofs vorsorglich zu keulen. Oder sie am Leben zu lassen und einem weiteren zeitaufwendigen Testverfahren zu unterziehen. Der Anwalt des Bauern drängte derweil aufs Tempo. Da entdeckten die Ämter einen dritten Weg, beschrieben in einem Nebensatz der "Verordnung zum Schutz gegen die Tuberkulose des Rindes". Danach kann "die zuständige Behörde ... Ausnahmen für das Verbringen von Rindern zur sofortigen Schlachtung" genehmigen. So kam es: "In Abstimmung mit dem Ministerium in Hannover", sagt der für das Gehöft zuständige Kreisveterinär Joachim Wiedner, "erging die Anordnung: Töten durch Schlachten des Restbestands".

Hinter der Entscheidung steckt ökonomisches Kalkül. Die Tierseuchenkasse kann sich Aufwendungen teilweise vom Land erstatten lassen. Offensichtlich sollten die gesunden Tiere des TBC-Hofs bei der Fleischbeschau im Schlachthof aussortiert und das nicht befallene Fleisch – sozusagen haushaltsschonend - verkauft werden. Angeblich ging es um rund 100.000 Euro, die gesundes Fleisch wert gewesen wäre.

Das Fleisch ist verseucht

Zwei Schlachthöfe, heißt es, lehnten die Annahme der Risikofracht ab. Erst der Tönnies-Betrieb im gut 160 Kilometer entfernten Wilhelmshaven griff beherzt zu. Es war ein Fehlgriff. "Viele Schlachtkörper wiesen pathologisch-anatomische Veränderungen etwa an den Organen auf", teilt das Landwirtschaftsministerium in Hannover auf stern-Anfrage mit. Und das Unternehmen gibt an, schon bei den ersten Lymphknotentests seien rund 25 Prozent derart auffällig gewesen, dass man die Schlachtung ganz abgebrochen habe.

Keulen oder Schlachten? "Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten", verteidigt das Unternehmen die Aktion, sei es fraglich, "ob man auf Verdacht Rinder töten und entsorgen sollte, wenn man die Möglichkeit hat, nach der Schlachtung sicher festzustellen, ob sie nun erkrankt sind oder nicht". In der Rückschau wäre die "Bestandstötung am besten gewesen", sagt ein Veterinär.

Inwieweit Minister Meyer persönlich in die Schachtgenehmigung eingebunden war, lässt sein Sprecher offen. Allerdings gibt er über eine betrübliche Weiterung in dieser Geschichte Auskunft: Die Frau des Bauern in Hemslingen sei mittlerweile schwer erkrankt, bestätigt das Ministerium. An Tuberkulose.

Gordon Päschel und Johannes Röhrig

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