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Teil 3: Yoga & Meditation

Hatha, Mantra, Zen: Was asiatische Weise ersannen, um das irdische Leiden zu überwinden und sich selbst zu finden, kann auch gestressten Europäern helfen.

Sie schnurren, seufzen und stöhnen. Yoga ist wohl doch nicht nur eine stille Kunst komplizierter Körperverrenkungen. Der Ausdruck von Entspannung und wohliger Zufriedenheit, aber auch von Frust und Erschöpfung muss erlaubt sein. Oder haben Sie schon einmal versucht, wie ein Flamingo auf einem Bein zu stehen und dann - das macht Ihnen allerdings kein Flamingo mehr vor - den Rücken zu krümmen und dabei das Knie des anderen Beines von beiden Händen umfasst zur Stirn zu führen? Bis oben hinauf, ganz langsam, mit gleichmäßigem Atem und ohne blaue Flecke für Sie oder jemanden in Ihrer Nähe? Kurz nach einer dieser traditionell "Asana" genannten Übungen, liegen die gut 20 Frauen und der eine Mann in der Berliner Yogaschule flach auf dem Rücken, lassen die Köpfe zwischen den Schultern rollen, und wem es danach ist, der wackelt dazu mit den Füßen oder gähnt genüsslich. Das also sollen indische Weise den ewigen Harmonien des Kosmos in Jahrtausenden abgerungen haben. Die Lehrerin Anna Trökes jedenfalls ist zufrieden. Vor drei Jahrzehnten hat sie angefangen, Yoga zu unterrichten - weil die Übungen ihr selbst geholfen hatten, nach einer schweren Wirbelsäulenverletzung wieder auf die Beine zu kommen. Aber Yoga ist mehr als Körperkräftigung. Er kann zu tiefer Entspannung führen und zu spiritueller Erfahrung. Immer stärker hat die Zahl der Interessierten in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Drei bis vier Millionen, so schätzt der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY), dehnen heute zwischen Würselen und Weißwasser regelmäßig ihre Sehnen und Bänder, bis die Füße endlich verwegen asiatisch auf den Oberschenkeln ruhen. Oder sie versuchen, "Kundalini"-Energie zu wecken, die zusammengerollt wie eine Schlange irgendwo in ihrem Becken schlummern soll. Anna Trökes bestätigt das, obwohl sie Hatha-Yoga lehrt, der sich aus der tantrischen Tradition entwickelt hat, und nicht Kundalini-Yoga oder Bhakti, Kriya oder Raja, dessen besonders klassische Form manchmal Ashtanga heißt, obwohl unter diesem Namen heute auch neumodischere Konzepte geübt werden, die aber vielleicht schon gar kein Yoga mehr sind, sondern eher so etwas wie Aerobic mit Räucherstäbchen. Alles klar? Spätestens jetzt dürften Sie verstehen, dass Yoga ohne Lehrer nicht geht.

Für das theoretische Drumherum interessiere sich allerdings kaum jemand, sagt Anna Trökes. Höchstens zehn Prozent der "Regelmäßigen", die Woche für Woche bei ihr zu den Asanas auf der Matte liegen, sitzen oder stehen und dafür einen Beitrag bezahlen, wie ihn auch ein Fitnessstudio verlangt: 50 Euro im Monat. Die meisten Teilnehmer kommen zum Yoga, weil die Bandscheiben sie plagen oder weil auch Schäfchenzählen sie nicht mehr in den Schlaf bringt vor lauter Tohuwabohu rund um den Thalamus. Und dann locken vielleicht nach unbefriedigenden Versuchen mit Rücken-Workout oder Atemtraining eines Tages die Heil versprechenden Künste magerer Yogis mit ihren kaum fassbar verknoteten Gliedern und andere östliche Mirakel. Mundpropaganda, milder Sozialdruck im immer sehr weltoffenen Freundeskreis - du hast noch nie meditiert? - und gekonntes Marketing der Anbieter tun ein Übriges. Schließlich sind da noch die prominenten Vorbilder: Tibetfan Richard Gere zum Beispiel und Madonna, Wolfgang Joop und Nina Hagen. Für jeden etwas oder jemand. So boomt der Markt des Meditativen.

In der Ruhe liegt die Kraft

Seit einigen Jahrzehnten schon, intensiver aber erst in den vergangenen Jahren, finden die asiatischen Übungen auch das Interesse von ganz und gar westlich orientierten Wissenschaftlern. Weil die Zahl der Praktizierenden überall wächst. Und weil vor allem das Instrumentarium der Hirnforscher erst seit kurzem gut genug ist, um die komplizierten Fragen zu untersuchen, die sich beim Yoga und der Meditation stellen. Was genau passiert in unserem Körper, wenn wir unsere Glieder zur "balancierenden Katze" ordnen oder zum "sterbenden Käfer"? Wenn Zen-Schüler immer wieder "Shikantaza" üben, bei dem der Geist auf nichts als das Sitzen selbst konzentriert sein soll? Oder wenn wir den Atem im Stil des yogischen "Pranayama" kontrollieren und dazu ein Mantra denken? Inzwischen haben Forscher herausgefunden: Herz und Kreislauf profitieren nachweislich von solchen Übungen, ebenso Gelenke und Muskulatur, und auch das Immunsystem wird offenbar gestärkt. Denn die Ausgeglichenheit, zu der Yoga und anderes Meditieren führen können, macht widerstandsfähiger gegen die alltäglichen Widrigkeiten und Aufregungen - in der Ruhe liegt die Kraft.

Ein Allheilmittel allerdings kann auch der weiseste Yogi nicht versprechen. Und wer den falschen Weg geht oder den richtigen falsch, wird sich womöglich schaden. Es ist wie beim Sport: Den grundsätzlichen Nutzen wird heute keiner mehr bestreiten. Aber allzu viel ist trotzdem ungesund, und was den einen gut tut, muss nicht für alle empfehlenswert sein. Doch welche Körper und Geist verknüpfende Technik ist für wen zu empfehlen?

Da gibt es die ganz alten Übungssysteme, deren Ursprung irgendwo in den archaischen Zeiten des indischen Subkontinents liegt, aber auch modernere Formen, für westliche Geschmäcker ein bisschen aufgepeppt und verweltlicht. Wer sich trotzdem nicht für die indischen Techniken begeistern kann, findet zumindest in Großstädten noch viele andere Methoden, um nicht nur den Körper fit zu halten. Vom sanfteren autogenen Training bis zur strengen Zen-Meditation streckt sich inzwischen ein reiches Spektrum der Seelenwellness, aus dem jeder wählen kann wie an der Käsetheke im Feinkostladen. Doch während da normalerweise nur der Geschmack leiden kann, weil die Lebensmittelaufsicht Schlimmeres zu verhüten weiß, ist das Testen von Brücken ins Transzendente nicht gar so risikoarm. Denn was als ruhiger Tripp beginnen mag, kann in unerwartete spirituelle Abenteuer führen.

Fast immer gibt es darum für die Innenreise als Wegbegleiter einen Lehrer. Was schon deshalb sein Gutes hat, weil sich vieles an Praxis und Verständnis einfach nicht aus Büchern saugen lässt. Zudem bringt jeder ganz eigene Voraussetzungen mit, schreitet bei den Übungen mit eigenem Tempo voran und reagiert auf die gewonnenen Erfahrungen auch auf eigene Weise. Da kann guter Rat nicht schaden. Ob sich aber einer Yogalehrer nennt oder Meister der Meditation, ist noch immer weitgehend in sein Ermessen gestellt. Keine einzige Prüfung ist bei uns vorgeschrieben, um ein mit eindrucksvollen Sanskritsymbolen geschmücktes Schild neben die Türklingel schrauben zu dürfen, das auf kompetente Seelenführung hoffen lässt. Natürlich ist es einem Guru aus eigener Gnade gesetzlich untersagt, sich auf das geschützte Feld der Psychotherapie zu wagen oder sonst wie medizinisch Hand anzulegen. Aber wo genau verläuft die Grenze? So bleibt reichlich Raum für Scharlatane, Möchtegernheilige und Beutelschneider. Und das nicht nur im Dunstkreis hirnwaschender Sekten.

Das ist kein Grund, gleich alles zu meiden, was nur in etwa so klingt wie die mystische Meditationssilbe OM, die Mutter aller Mantras. Denn die meisten von uns verfügen über genügend Bodenhaftung für die Unterscheidung der Geister. Zudem gibt es zumindest in einigen besinnlichen Disziplinen seriöse Berufsverbände, die weiterhelfen und auf Wunsch auch eine vertrauenswürdige Schule empfehlen. Und eine Probestunde zum gegenseitigen Beschnuppern sollte eigentlich immer kostenlos sein oder wenigstens auf einen späteren Kurs angerechnet werden.

Schon in den Hütten und Höhlen der Ersten unserer Art wurde meditiert, wie Paläoanthropologen aus inspiriert gefertigten Artefakten und Felsmalereien schließen. Nicht nur die äußere Welt unserer fünf Sinne erkunden zu wollen, sondern auch die innere, gehört zum Menschen offenbar wie Essen und Trinken. Doch wir wissen fast nichts über die Techniken und religiösen Hintergründe aus jener Vorzeit. Ein klareres Bild vermitteln die ersten schriftlichen Überlieferungen zum Thema. Die vor etwa 4000 Jahren in der altindischen Sprache Sanskrit enstandenen "Veden" zum Beispiel, die späteren "Upanischaden" und besonders ein von einem noch nicht eindeutig identifizierten Weisen namens Patanjali verfasstes Werk, das die Kenntnisse der Zeit zusammenfasst. In den "Yoga-Sutras" des Patanjali begegnen wir einem imposanten, allerdings zumindest für abendländische Hirne strapaziösen System von Materie und Geist, Diesseits und Jenseits und den vielfältigen, zumeist rituellen Wegen von der einen Seite zur anderen und zurück - dem klassischen Yoga, der auch unter dem Namen Raja-Yoga bekannt ist, "Königs-Yoga".

Damit ist schon gesagt, was letztlich hinter allen Formen des Yoga steht, auch wenn das heute meist nur noch verschwommen zu entdecken ist: eine strikte Scheidung der sinnlich erfahrbaren Welt hier und einer in letzter Konsequenz allein als wahr angenommenen Wirklichkeit dort - auf der nur durch beharrliche Übung zu erreichenden "anderen Seite". Was wir sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken ist der orthodoxen Lehre des Yoga nach nichts als "Maya", Illusion. Das klingt verwirrend kompliziert, ist es auch, leitet sich aber dann doch ziemlich einfach aus der letzten und ewigen Frage unserer Art ab. Vor Jahrtausenden bewegte sie auch schon jene Menschen zutiefst, die beim Ringen um eine Antwort nach und nach den Yoga entwickelten: Was bleibt von uns nach dem Tod?

Das "dritte Auge"

Wer sich auf den Weg nach innen begibt, muss darauf gefasst sein, nicht nur Frieden und strahlendes Glück zu finden, sondern auch das Wissen um unsere Vergänglichkeit, zusammen mit Angst und Bangen. Wer sich darauf einlässt, das "dritte Auge" zu öffnen, kann vom sich bietenden Anblick überfordert werden. Etwa, weil nun plötzlich das beleuchtet wird, was Jahre oder gar Jahrzehnte verdrängt und verschüttet im Dunkel seelischer Tiefen ruhte.

Trotzdem ist der Yoga alles andere als ritualisierter Trübsinn. Gedacht ist er von jeher als Weg der Befreiung vom Leiden. "Alles ist Leiden für den Weisen", schreibt Patanjali. Die Welt als "Jammertal", dieses düstere Bild kennt auch die alte christliche Überlieferung. Patanjali versinkt durch sein unerfreuliches Urteil nicht im Pessimismus. Vielmehr verheißt ihm seine Tradition einen Weg hinaus aus dem als allgegenwärtig empfundenen Schmerz. Dass der Yoga Hoffnung auf Licht im Leben und Glück macht, erklärt vielleicht schon seine bis heute ungebrochene Anziehungskraft. Auch wenn dabei nicht jeder die radikale Weltverneinung teilen wird, die eher fundamentalistischen Yogalehren zugrunde liegt. Und Leiden muss ja nicht immer gleich die schmerzvolle Einsicht in das unausweichliche Ende zumindest unserer hiesigen Existenz sein. Die ständigen Verspannungen in der Schulter oder die blutdrucktreibende Hektik im Büro sind schließlich auch echtes Leid, selbst wenn gröber gestrickte Zeitgenossen das auf mimosenhafte Empfindlichkeit schieben mögen.

Bei uns im Westen hat sich vor allem der so genannte Hatha-Yoga durchgesetzt. Auch wenn er stark körperbetont wirkt: Selbst den Meistern des Hatha geht es im Letzten um Erleuchtung oder "Samadhi", wie die höchste Ebene der Bewusstseinserfahrung auf Sanskrit oft heißt. Natürlich ist niemand gezwungen, ihnen bis dahin zu folgen. Sogar in Indien gibt es Schulen, in denen die Asana-Übungen des Yoga wie eine Art Gymnastik gelehrt werden, als reines Körpertraining, das Beweglichkeit und Kraft steigern soll und sonst nichts. Wenn Sie die Verachtung klassisch orientierter Lehrer nicht stört, weil Sie immerhin körperlichen Nutzen aus Ihren regelmäßig geübten Asanas ziehen, können Sie es ruhig dabei bewenden lassen. Wundern Sie sich aber nicht, wenn Sie beim Fortschreiten auf Ihrem Weg doch noch Lust auf mehr bekommen sollten.

Die einzelnen Yogaformen sind keine eindeutig umrissenen Sammlungen von Übungen und Ansichten. Selbst Hatha ist nicht Hatha. Das gilt in Indien und auch in Deutschland. Oft sind es die Namen ihrer Gründer, anhand derer sich die verschiedenen Schulen zumindest oberflächlich unterscheiden lassen. Manchmal verrät die Bezeichnung die spezielle Technik oder das angestrebte Ziel: "3HO" heißt zum Beispiel eine weltweit agierende, Ende der sechziger Jahre gegründete Yogagruppe, deren drei H im Namen für "healthy, happy, holy" (gesund, glücklich, heilig) stehen. Auch östlichen Traditionen verbundene Seelenführer haben offenbar schnell die Wunderkraft eines knackigen Slogans entdeckt. Was beim Waschmittel ratsam ist, gilt auch hier: mit offenen Augen prüfen.

Fällt das Urteil befriedigend aus, dürfen wir sie schließen. Was dann passiert, hängt davon ab, für welchen Weg wir uns entschieden haben - und wie weit wir ihn gehen wollen. Auch der körperbetonte Hatha-Yoga kennt zumindest in seinen fortgeschritteneren Formen die Meditation. Bei uns im Westen verstehen wir darunter üblicherweise die stille Innenschau, bei der die Lider gesenkt sind. In Asien hingegen werden auch Meditationen geübt, die offenen Auges und machmal in Bewegung durchgeführt werden. Das gilt sogar für bestimmte ursprüngliche Kampfarten wie Tai-Chi und Qigong oder das mit Zen getränkte Schwertfechten Kendo.

Der im Buddhismus wurzelnde Zen zählt sicher zu den forderndsten meditativen Systemen, die je ersonnen worden sind. Sein Ziel ist "Satori", die Schau des eigenen absoluten Wesens. Das klingt wie auf den Punkt gebracht und ist doch kaum in Worte zu fassen. Denn schon die Hauptübung des Zen, "Zazen" genannt, "Sitzen in Stille", ist nach dem Verständnis von Zen-Meistern keine Meditation, sondern - nun ja, Zazen. Vielleicht hilft es, solches Ausharren nach peniblen Haltungsregeln - ganz sicher völlig unzureichend - als absichtsloses Erspüren des Augenblicks zu umschreiben. Absichtslos soll es sein, weil schon der Wunsch nach Erleuchtung oder Satori als Abkommen vom Weg gilt. Und der unendlich kurze Augenblick des Jetzt soll erspürt werden, weil er, so wird gelehrt, das Einzige ist, was wirklich ist. So fließen alle Gedanken und Sinneswahrnehmungen durch den "Sitzenden" hindurch. Sein Blick soll blind sein dabei, nichts fixieren, sein Kopf das Nicht-Denken denken. Kann uns etwas fremder erscheinen? Dabei ist Versunkenheit nicht erst durch fernöstliche Meister zu uns gebracht worden. Kontemplation, Betrachtung, übten auch viele christliche Mystiker: die asketischen Wüstenväter, Bernhard von Clairvaux, dazu die berühmten Spanier Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz. In Deutschland blühte die Mystik mit Weisen wie Hildegard von Bingen und Mechthild von Magdeburg, Meister Eckhard und Johannes Tauler. Jüdische Gläubige kennen die Meditation der Chassiden und der Kabbala. Und auch der Islam hat eine mystisch-meditierende Richtung hervorgebracht: den Sufismus, bekannt vor allem durch den rhythmischen Drehtanz der mönchischen Derwische.

Die Methoden und Techniken variieren. Erst recht die religiösen und philosophischen Lehrgebäude, aus denen sie hervorgegangen sind. Die Gehirne aber, die sie erdacht haben, sind zumindest biologisch gesehen grundsätzlich die gleichen. Ob bei unseren Vorfahren in den Eiszeithöhlen des französischen Périgord, den Mönchen eines japanischen Zen-Klosters oder beim autogenen Training hierzulande. Es ist aus dieser Sicht auch kein gravierender Unterschied, ob Buddhisten beim Yoga ein Mantra meditieren, fromme Katholiken den Rosenkranz durch die Finger gleiten lassen oder Muslime an ihrer Gebetsschnur einem der 99 "schönen Namen" Allahs nachsinnen. Was also ist es, das so viele mit dem Wunsch erfüllt, wenigstens ab und an nach innen abzutauchen? Und was passiert dann in den Köpfen?

Meditieren ist trainierbar

Noch tasten sich Forscher vor bei der Beantwortung solcher Fragen. Und oft stehen sie dabei unter dem Verdacht, sie wollten, was doch spirituell sei, in puren Biologismus zwängen und mit Genschnipseln erklären, was ein Gott geschenkt habe. Zumindest der Dalai Lama hat da allerdings eine deutlich entspanntere Haltung. Seit Jahren schon setzt sich das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus für ein Forschungsprojekt ein, bei dem vor allem in amerikanischen Labors untersucht wird, was beim Meditieren eigentlich geschieht. Seit Ende der neunziger Jahre versenken sich tibetische Mönche darum auch verdrahtet und fixiert in den engen Röhren von Computertomografen. Dabei zeigt sich, dass die Meditation besonders solche Bereiche des Gehirns aktiviert, in denen die "guten Gefühle" entstehen und auch innere Bilder. Besser noch: Auch wer nicht in einem buddhistischen Kloster lebt und zuvor nie die Versenkung geübt hat, kann sein Hirn offenbar trainieren wie ein tibetischer Lama. Das beweisen Vergleichsstudien mit durchschnittlichen Westlern.

In Deutschland ist 2000 ein erstes Forschungsnetzwerk geknüpft worden, das sich mit den biologischen, medizinischen und psychologischen Aspekten des meditierenden Menschen befasst. So untersuchen Wissenschaftler an der Abteilung für klinische und physiologische Psychologie der Universität Gießen eine Fähigkeit des Gehirns, die als Absorption bezeichnet wird und ohne die es keinem Meditierenden möglich wäre, sich auf ein Mantra zu konzentrieren oder gar das "Nicht-Denken" zu üben wie im Zen. Wir kennen dieses Phänomen auch aus alltäglicheren Situationen: Ein fesselnder Roman, Musik oder eine knifflige Bastelarbeit können unseren Geist gefangen nehmen und dabei alle Gedanken und Empfindungen so restlos aufsaugen, dass die Welt um uns herum verschwimmt oder gar ganz verschwindet. Die Aktivitäten eines Gehirns scheinen dann so stark gebündelt und begrenzt wie ein Laserstrahl. Aber offenbar sind nicht alle Menschen dazu in der Lage. Die Absorptionsfähigkeit eines Gehirns scheint eine Begabung zu sein, die unterschiedlich stark ausgeprägt ist, wie zum Beispiel Tests an der Universität Gießen gezeigt haben. Das könnte erklären, warum manche mit Leichtigkeit abschalten, andere aber nur mühevoll oder überhaupt nicht in einen meditativen Zustand gelangen können - und warum für solche Menschen ein körperorientiertes Entspannungstraining passender ist als tief spirituelle Versenkungstechniken.

Neuere Untersuchungen des schwedischen Karolinska-Instituts in Stockholm lassen zudem vermuten, dass auch unsere Fähigkeit zur "Selbsttranszendenz" eine biologische Basis hat. Damit ist die je nach Persönlichkeit unterschiedlich ausgeprägte Eigenschaft eines Menschen gemeint, über sich hinaus zu denken und spirituelle, auch religiöse Wirklichkeiten in sein Leben einzubeziehen. Beim Meditieren ist das sicher eine hilfreiche Begabung - und auch ein Weg zum Glück. Denn ein Schlüssel zum Verständnis der Selbsttranszendenz ist offenbar Serotonin - ein Botenstoff, der von Forschern schon länger mit Glücksgefühlen und dem "Belohnungsapparat" in unseren Köpfen in Verbindung gebracht wird. Wie alle anderen "Neurotransmitter" wird Serotonin von so genannten Rezeptoren, winzigen chemischen Sensoren, wahrgenommen, die in den verschiedenen Regionen des Gehirns unterschiedlich dicht verteilt sind. Wenn Rezeptoren Serotonin entdecken, führt das zu bestimmten, genetisch vorgegebenen Reaktionen im Gehirn und in der Folge auch im restlichen Körper - wir sind "gut drauf". Riskante Erfahrungen mit einem hohen Serotonin-Pegel bestätigen diese Beziehung: bei Konsumenten harter Drogen. Bei ihnen zeigt sich aber auch die Kehrseite. Auf den hohen Gipfel glücklichen Empfindens folgt das tiefe Tal. Eine Erfahrung, die so gut wie alle Mystiker ganz ohne Drogen geteilt haben, wenn sie die immer wieder beschriebenen Zeiten der "Trockenheit" durchstehen mussten. Ein bestimmter Serotonin-Rezeptortyp zeigte bei den Untersuchungen in Schweden eine außerordentlich starke Verbindung zu der per Fragebogen gecheckten Spiritualität der Probanden. Dieses Resultat legt eine genetische Begabung auch für den Hang zum Transzendenten nahe. Damit müssen Götter und geistig-geistliche Erfahrungen nicht gleich als pure Kopfgeburten abgetan werden. Andererseits bestätigen solche Studien, dass bei der Reise nach innen nicht alle den gleichen Weg gehen können oder sollten.

Was auch immer solche Untersuchungen in Zukunft zutage fördern werden, niemand muss sich von wissenschaftlichen Theorien und ein paar noch ziemlich vagen Vermutungen abschrecken lassen, selbst zu meditieren oder den Yoga zu üben. Denn letztlich kann nur die eigene Erfahrung lehren, wovon die Weisen aller Zeiten und Kulturen immer wieder in poetischen Bildern berichtet haben, weil der analytische Verstand kapitulieren musste.

Sonst geht es einem womöglich wie dem Karpfen in einer alten Geschichte, die vielleicht mehr klar macht als manche hochgelehrte Abhandlung: Nach einem ihrer Ausflüge auf das Land, so wird erzählt, kehrt die Ente ins Wasser zurück und wird vom Karpfen gefragt, wo sie gewesen sei. Der Fisch kennt das Land nicht, und so fragt er, ob man im Land atmen könne, ob die Sonne durch das Land scheine und ob das Land denn auch plätschere. Nachdem die Ente alle diese Fragen hilflos verneint hat, stellt der Karpfen verächtlich fest, dann sei es ja wohl nicht sehr weit her mit dem Land.

Frank Ochmann

Wissenschaftliche Beratung: Prof. Edzard Ernst, Lehrstuhl für Komplementärmedizin, Universität Exeter; Dr. Ulrich Ott, Abteilung für Klinische und physiologische Psychologie, Universität Giessen

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