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Umweltzonen: Drei Farben für gesunde Luft

Dreckschleudern müssen draußen bleiben: Zum Jahresbeginn haben Berlin, Köln und Hannover ihre Innenstädte für Autos mit hohem Schadstoffausstoß gesperrt. Das soll die Feinstaubbelastung senken. Für die Gesundheit der Anwohner können die Umweltzonen schon bald positive Folgen haben.

Von Claudia Wüstenhagen

In Berlin, Köln und Hannover ist es bereits ernst: Autos mit hohem Schadstoffausstoß, insbesondere alte Diesel-Fahrzeuge, haben in der Innenstadt nichts mehr zu suchen. Mit Beginn des Jahres 2008 sind die Stadtzentren zu "Umweltzonen" erklärt worden. Wer sein Auto nicht außerhalb der City abstellen möchte, muss seit dem ersten Januar eine von drei farbigen Feinstaub-Plaketten an die Windschutzscheibe kleben. Grün bedeutet sauber, gelb steht für mittelmäßig; Autos mit rotem Aufkleber sind gerade noch gestattet. Fahrzeuge, die keine Plakette erhalten, sind im City-Bereich von nun an verboten. Mit Hilfe der Plakettenpflicht wollen die Städte die Feinstaubbelastung in der Innenstadt senken. Denn die lag in den vergangenen Jahren vielerorts deutlich über dem EU-Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

Kurzfristig wird vor allem das Herzinfarktrisiko sinken.

"Aus meiner Sicht sind die Plaketten sinnvoll", sagt Annette Peters. Sie leitet die Abteilung Epidemiologie von Luftschadstoffwirkungen beim Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt, das zum Helmoltz-Zentrum München gehört. "Für die Personen, die innerhalb der Umweltzonen leben, dürften sich die Gesundheitsauswirkungen deutlich reduzieren, da ein Teil der gesundheitsrelevanten Schadstoffe eliminiert wird." Kurzfristig sei vor allem damit zu rechnen, dass Personen mit Atemwegserkrankungen unter weniger Symptomen leiden würden und das Herzinfarktrisiko in diesen Städten abnehme.

"Wir beobachten vermehrt Todesfälle in Regionen mit hoher Feinstaubbelastung", sagt Peters. Sie und ihre Kollegen gehen davon aus, dass sich die Lebenserwartung eines Menschen durch Feinstaub durchschnittlich um neun Monate verringert. Laut einer EU-Studie sterben in Deutschland jedes Jahr 65.000 Menschen an den Folgen der Feinstaubbelastung. Europaweit sind es 310.000. Der größte Anteil, so Peters, sei durch Herzerkrankungen zu erklären. Denn gerade dem Herz-Kreis-System können die winzigen Partikel im Feinstaub gefährlich werden. Sie sind so klein, dass sie beim Einatmen nicht in Nase und Rachen haften bleiben, sondern in die Lunge geraten, wo sie sich ablagern und Entzündungsprozesse hervorrufen können. Die Entzündungen in der Lunge können wiederum zu einer Entzündungsreaktion im Blut führen und somit eine Arterienverkalkung verstärken. "Hinzukommt, dass gerade die ultrafeinen Partikel auch direkt in die Blutbahn gelangen können", sagt Peters. Experimente mit Tieren hätten gezeigt, dass sich dadurch die Gerinnungsfähigkeit des Blutes erhöhe, was Infarkte begünstigt. Außerdem gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Feinstaubpartikel die Kontraktion und Entspannung des Herzmuskels beeinträchtigen würden, was ein weiterer Risikofaktor für Herzerkrankungen ist.

Feinstaub beeinträchtigt das Lungenwachstum von Kindern.

Darüber hinaus würden gerade Menschen mit Atemwegserkrankungen wie Asthma kurzfristig die positiven Auswirkungen der Umweltzonen spüren. "Die Erfahrungen bei den Olympischen Spielen in Atlanta waren sehr beeindruckend", sagt Peters. Im Jahr 1996 hatte ein dreiwöchiges, vollständiges Fahrverbot anlässlich der Wettkämpfe in Atlanta dazu geführt, dass deutlich weniger Menschen mit asthmatischen Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten. Zwar ist die Einrichtung der Umweltzonen in Berlin, Köln und Hannover wesentlich weniger drastisch, doch Peters rechnet mit ähnlich positiven Folgen. Mittel- und langfristig werden voraussichtlich nicht nur Asthmatiker profitieren. Studien haben gezeigt, dass Feinstaub das Lungenwachstum bei Kindern beeinträchtigt, was zu einem geringeren Lungenvolumen und Atmungsproblemen führt. Untersuchungen in den USA haben außerdem einen Zusammenhang zwischen Feinstaub und Lungenkrebs gefunden. Ehe sich das Fahrverbot für Autos mit hohem Schadstoffausstoß in der Krebsstatistik niederschlägt, dürften allerdings einige Jahre vergehen.

Die Feinstaubpartikel in Autoabgasen sind besonders schädlich.

Der Straßenverkehr ist allerdings nicht die einzige Feinstaubquelle. Die winzigen Partikel werden auch von Industrieanlagen und Heizungen in die Luft geblasen. Dennoch ist Epidemiologin Peters der Ansicht, dass die Gesundheitsgefahr deutlich sinkt, wenn Autos mit hohem Schadstoffausstoß künftig aus den Innenstädten verbannt werden. "Von den Abgasen eines Industrieschornsteins in 200 Metern Höhe kommt bei uns wenig an, aber die Autos fahren direkt dort, wo Menschen leben", sagt Peters. Die positiven Auswirkungen der Umweltzonen seien ihrer Ansicht nach sogar größer einzuschätzen als die Feinstaubkonzentration selbst abbilden würde. Denn gerade die Partikel, die von Autos in die Luft geblasen würden, seien besonders gesundheitsschädlich. Das liegt vor allem daran, dass die Rußpartikel besonders winzig sind und daher gut in die Lunge gelangen können. Zudem hätten diese Partikel eine große Oberfläche, erklärt Peters. Tierversuche hätten gezeigt, dass die Größe der Oberfläche bestimmt, wie schädlich Partikel seien.

Die Expertin hält es daher für wichtig, dass sich die Feinstaub-Plaketten auch in anderen Städten durchsetzen. Zudem könne es aus gesundheitspolitischer Sicht sinnvoll sein, den Grenzwert langfristig weiter zu senken. Der liegt derzeit bei 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft, und darf nur an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. "Wir haben in Studien keinen Schwellenwert für Feinstaub feststellen können. Gesundheitliche Schäden treten auch bei niedrigeren Konzentrationen auf", sagt Peters. Die Umweltzonen seien aber immerhin ein erster Schritt, auch wenn sie die Ausnahmeregelungen für problematisch hält. "Wie stark die positiven Folgen sind, hängt jetzt aber davon ab, wie streng sich die Autofahrer an die neuen Regeln halten", sagt sie.

Zumindest am ersten Tag schien es, als würden die Autofahrer in Berlin, Köln und Hannover die neuen Plaketten akzeptieren. Die Deutsche Umwelthilfe hatte in den drei Städten mit eigenen Teams 2000 Fahrzeuge kontrolliert und festgestellt, dass bei etwa drei Viertel aller Wagen bereits eine Plakette an der Windschutzscheibe klebte. Bis Anfang März wollen andere Kommunen nachziehen und ebenfalls Umweltzonen einrichten, darunter Stuttgart, Mannheim und Tübingen. Frankfurt/Main wird neben anderen Städten voraussichtlich im Sommer folgen, München im Oktober.

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