HOME
Interview

Virologe über Coronavirus: "Szenarien mit Tausenden von Toten in Deutschland halte ich für überzogen"

Hunderte Kranke, sechs Tote und ein Erreger, der sich von Mensch zu Mensch überträgt: Das Coronavirus aus China beunruhigt Menschen weltweit. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit spricht über die Gefahren, die von dem Virus ausgehen. Und warum Deutschland für den Ernstfall gut vorbereitet wäre.

Coronavirus in China: Eine Frau und ein Junge tragen Atemmasken zum Schutz vor dem Virus

Das Virus löst Symptome aus, die denen einer Lungenentzündung ähneln. Zum Schutz vor der Krankheit tragen Reisende in Beijing, China, Atemschutzmasken. 

Getty Images

Die beunruhigenden Nachrichten aus China scheinen zur Zeit nicht abzureißen: In dem bevölkerungsreichen Staat verbreitet sich eine Lungenkrankheit, ausgelöst durch ein neuartiges Virus, das vermutlich aus Tieren stammt. Die meisten Fälle sind bislang in der 11-Millionen-Metropole Wuhan aufgetreten - Einzelfälle auch in umliegenden Ländern wie Thailand und Südkorea. 300 bestätigte Infektionen und sechs Tote gibt es bislang - und Experten rechnen mit weiteren Erkrankten. Beobachtern bereitete es zuletzt große Sorge, dass die Zahl der Infizierten sprunghaft angestiegen ist. Woran liegt das?

Der stern sprach mit dem Virologen Prof. Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin über den Erreger. 

In China greift ein Virus um sich – die Zahl der bestätigten Fälle liegt inzwischen bei 300. In der Berichterstattung ist von einem "mysteriösen" Virus die Rede. Herr Prof. Schmidt-Chanasit, was ist bekannt über den Erreger?

Eigentlich ist das Virus gar nicht so mysteriös. Es handelt sich um ein Coronavirus, das eng mit dem bekannten Sars-Erreger verwandt ist. Die chinesischen Wissenschaftler haben das Virus relativ schnell charakterisieren können, sein Erbgut wurde bereits sequenziert. Das alles sind wichtige Schritte, um Tests auf den Erreger entwickeln zu können – und die nun auch entwickelt sind. Natürlich gibt es aber offene Fragen. Zum Beispiel: Ist das – salopp gesagt – ein schlimmes Virus? Oder ein eher harmloser Erreger? Es sieht aktuell danach aus, dass die Sterblichkeit durch den Erreger nicht besonders hoch ist. Durch das Sars-Virus ist beispielsweise einer von zehn Infizierten gestorben. Bei diesem Virus scheint die Sterblichkeit aktuell eher niedriger zu sein, zum Beispiel bei einem von 100 oder einem von 1000 Infizierten zu liegen. Was wir ebenfalls bereits wissen ist, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

Wie kann man sich so eine Übertragung vorstellen?

Durch eine Tröpfcheninfektion. Ein Beispiel: Ein Erkrankter liegt im Krankenhaus, hustet viel und muss sich vielleicht auch übergeben. Wenn Ärzte und Pflegekräfte nicht ausreichend geschützt sind und mit diesen Ausscheidungen in Kontakt kommen, können sie sich infizieren. Aktuell wissen wir noch nicht, wie gut diese Übertragung abläuft. Es gibt Viren, die sich sehr leicht übertragen lassen, Masern beispielsweise oder auch Windpocken. Bei anderen Viren – etwa Ebola – muss man stärker exponiert sein, um sich zu infizieren.

Das Virus ist ein Coronavirus. Was ist über diesen Virustyp bekannt?

Coronaviren sind eine große Virusfamilie, die weltweit vorkommt, vor allem in Tieren. Dadurch gibt es eine hohe Variabilität, das heißt: Es gibt viele unterschiedliche Coronaviren und manchmal gelingt es ihnen, vom Tier auf den Menschen überzuspringen. Diese Viren werden dann als zoonotische Viren bezeichnet, zu denen auch Ebola und das Lassa-Virus zählen. Führt ein Erreger nun zu einer Infektion beim Menschen, ist es für Forscher von großem Interesse, ob sich das Virus auch weiter von Mensch zu Mensch verbreitet und wie gut ihm das gelingt. Wenn der Erreger das nicht schafft, und der Ursprung der Viren eliminiert ist, wäre der Ausbruch relativ schnell vorbei.

Das Virus stammt offenbar von einem Tiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan. Was für Tiere wurden dort verkauft?

Eigentlich ist es ein Fischmarkt, auf dem auch Meeresfrüchte verkauft wurden. Wir gehen derzeit aber nicht davon aus, dass dieses Virus von Meerestieren, also Fischen oder anderem Getier stammt, sondern doch eher von Säugetieren, beispielsweise Fledermäusen. Man kann davon ausgehen, dass auf dem Markt nicht nur Fische, sondern auch andere Tiere gehandelt wurden. Möglicherweise gab es auch außerhalb des Marktes Tiere, zum Beispiel Marder, die den Erreger verbreitet haben. Auffallend ist, dass nicht alle Infizierten tatsächlich auf dem Markt gewesen sind.  

Die Zahl der bestätigten Infektionen ist zuletzt sprunghaft angestiegen – auf rund 300. Eine ungewöhnliche Entwicklung?

Nein, das ist nicht ungewöhnlich. Es wurden Tests entwickelt, neben China auch an der Charité, und diese werden nun vermehrt eingesetzt. Dabei werden nicht nur schwerkranke Patienten getestet, sondern auch Menschen mit milderen Symptomen. Das erklärt den plötzlichen Anstieg der Infektionen. Wo mehr getestet wird, gibt es auch mehr Diagnosen.

Video: Coronavirus breitet sich weiter aus

Experten vermuten, dass weit mehr Menschen infiziert sein könnten – die Rede ist von mindestens 1700 Infizierten. Wie erklärt sich der Unterschied zwischen der Zahl der bestätigten Fälle und der vermeintlich hohen Dunkelziffer?

Zahlen wie diese basieren auf Modellierungen. Und speziell diese Modellierung wurde auf Grundlage der Infektionen, die außerhalb Chinas aufgetreten sind, gemacht. Die Annahme: Bevor beispielsweise ein Fall in Thailand auftritt, muss es deutlich mehr Fälle geben als die, die bislang bekannt sind. Und darauf basierend werden dann Berechnungen gemacht.

Ist grundsätzlich auch mit einer Ausbreitung in Europa und Deutschland zu rechnen? Oder halten Sie das für unwahrscheinlich?

Das hängt jetzt ganz stark davon ab, wie gut sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt. Auf diese Daten müssen wir noch warten. Sollte sich das Virus sehr gut übertragen, ist es durchaus denkbar, dass das Virus auch in Europa auftritt. Die Frage ist in diesem Fall: Wäre das schlimm? Im Moment gibt es sechs bestätigte Todesfälle, die Sterblichkeit scheint angesichts der Zahl der Infizierten eher niedrig zu sein. Und Coronaviren gibt es weltweit, auch hierzulande. Das sind ganz normale Erreger. Nichts Dramatisches.

Gibt es Schutzmaßnahmen, die ergriffen werden können, sollte das Virus doch gefährlicher sein als bislang angenommen?

Deutschland wäre in einem solchen Fall sehr gut vorbereitet. Wir können Verdachtsfälle in den entsprechenden Laboren diagnostizieren und Patienten schnell isolieren und behandeln. Darüber hinaus müssen zunächst keine weiteren Vorkehrungen getroffen werden.

Das Virus soll eng verwandt mit dem Sars-Erreger sein – ein Virus mit relativ hoher Sterblichkeit. Kann man daraus ableiten, dass der chinesische Erreger gefährlicher ist als andere Viren?

Nein, das kann man nicht. Auch wenn diese enge Verwandtschaft besteht, können doch einzelne Mutationen dazu führen, dass sich dieses Virus deutlich anders verhält. Wir müssen jetzt abwarten, was die epidemiologischen Daten aus China darlegen.

In China steht dieses Wochenende das Neujahrsfest an – Hunderttausende Menschen reisen quer durch das Land. Experten rechnen mit einer vermehrten Ausbreitung des Virus. Ist das realistisch?

Ja, definitiv. Wenn die Mensch-zu-Mensch-Übertragung gut funktioniert, ist mit einer weiteren Ausbreitung insbesondere in Asien zu rechnen.

In Thailand wurden bislang Einzelfälle gemeldet. Sie sind gestern von dort zurückgekommen und hatten Forschungseinrichtungen besucht. Wie ist Ihr Eindruck von vor Ort?

Die Kollegen in Thailand haben hervorragend reagiert, das Virus gut diagnostiziert und direkt an die WHO gemeldet. Ähnlich sieht das in Japan, Südkorea und China aus. Im Gegensatz zum Sars-Ausbruch, über den lange Zeit geschwiegen wurde, hat das jetzt gut funktioniert. Es wurde nichts versäumt.

Sie sind Virologe. Ist der aktuelle Ausbruch für Sie besonders spannend zu verfolgen oder gehört er eher zum Tagesgeschäft?

Es ist immer mal wieder die Rede von neuartigen Viren. Die sind aber nicht wirklich "neu", sondern neu ist nur, dass sie erstmals in der Bevölkerung aufgetreten sind. Damit haben wir regelmäßig zu tun. Nichtsdestotrotz ist ein solcher Ausbruch natürlich spannend, man weiß nicht, wie sich das Ganze entwickeln wird. Mit Blick auf die aktuellen Zahlen bin ich aber entspannter als noch vor einiger Zeit. Szenarien mit Tausenden von Toten in Deutschland halte ich für überzogen.

Wissenscommunity