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Lieferprobleme Warum in Apotheken die Medikamente knapp werden

Pillen in Blistern
Lieferprobleme sorgen dafür, dass in den Apotheken die Medikamente knapp werden.
© apomares / Getty Images
Ob Fiebersäfte, Antibiotika oder Krebsmedikamente – derzeit sind viele Arzneimittel nicht mehr lieferbar. Warum es zu den Lieferengpässen kommt und wie der Alltag in der Apotheke aussieht.

Fiebersäfte für Kinder sind in vielen Apotheken derzeit Mangelware. Monatelang waren rund 125.000 Brustkrebspatientinnen von einem Lieferengpass des Medikamentes Tamoxifen, das zur Nachsorge eingesetzt wird, betroffen. Ob es nun der tägliche Blutdrucksenker, die Insulin-Spritze oder ein Antibiotikum bei einer Infektion ist – Medikamente sind (über-)lebenswichtig. Doch es gibt Lieferprobleme.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet derzeit bei 270 Medikamenten einen Lieferengpass (Stand: 10.08.2022). Die tatsächlichen Lieferprobleme dürften aber größer sein. "Die Liste berücksichtigt nur sogenannte versorgungsrelevante Arzneimittel. Zusätzlich müssen die Medikamente auf der Liste auch verschreibungspflichtig sein. Viele Medikamente, beispielsweise auch Fiebersäfte für Kinder, werden deshalb dort nicht berücksichtigt. Dadurch ist die Zahl der Lieferprobleme viel größer als die Liste darstellt", sagt Thomas Preis. Er ist Apotheker in Köln und Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein.

Erst geraume Zeit, nachdem Thomas Preis Lieferprobleme schon in seiner Apotheke zu spüren bekommt, äußern sich Hersteller zu einem Lieferengpass. Ein großes Problem für Apotheker:innen. Wissen sie nicht frühzeitig über Lieferengpässe Bescheid, können sie nicht planen, sich nicht nach alternativen Therapien umschauen, sich nicht mit Ärzt:innen besprechen. "Wenn wir erst bei der Bestellung beim Großhandel merken, dass ein Medikament nicht lieferbar ist, dann ist das viel zu spät."

Lieferengpass problematisch, wenn es keine Alternativen gibt

Warten zu Hause nur noch ein oder zwei Tabletten im Blister, könnte es bei einem Lieferengpass mit dem direkten Nachschub des gewohnten Medikaments eng werden. "Ein Lieferengpass ist als eine über zwei Wochen hinausgehende Unterbrechung einer üblichen Auslieferung oder eine deutlich erhöhte Nachfrage, die das Angebot übersteigt, definiert", erklärt Thomas Preis. Die Lieferprobleme seien im Allgemeinen für Patient:innen kein Problem, wenn es ein Alternativmedikament mit dem gleichen Wirkstoff und in gleicher Stärke auf dem Markt gebe. Es könne vor allem bei älteren Patient:innen aber zu Gewöhnungsproblemen kommen, wenn die Tablette immer grün war und plötzlich gelb ist. Oder die Verpackung eine andere. "Problematisch wird es, wenn wir einen Versorgungsengpass haben. Das ist der Fall, wenn keine Alternativmedikamente mit dem gleichen Wirkstoff zur Verfügung stehen", sagt Thomas Preis.

Thomas Preis
Thomas Preis ist Apotheker in Köln und Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein.
© AVNR

Ein Beispiel ist Tamoxifen. Der Östrogen-Hemmer schützt Brustkrebspatientinnen vor einer erneuten Erkrankung und ist in der Nachsorge wichtig. Monatelang kam es in Deutschland zu Lieferproblemen. "Für Tamoxifen gibt es keine gleichwertige Alternative, wenn das Medikament nicht lieferbar ist. Es muss auf eine andere Therapie umgestiegen werden", sagt Preis. Doch eine solche Therapieumstellung geht in diesem Fall mit einer höheren Nebenwirkungsrate für die Patientinnen einher, informiert die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG).

Warum es zu den Lieferengpässen bei dem Brustkrebsmedikament kam, hatte verschiedene Gründe. Tamoxifen ist ein sogenanntes Generikum, es liegen keine Patentrechte mehr auf dem Medikament und mehrere Hersteller können es produzieren. Allerdings haben immer mehr Zulieferer die Produktion von benötigten Inhaltsstoffen eingestellt, weil sie nicht mehr rentabel war. Eine weitere mögliche Ursache war ein Anstieg der Verschreibungen seit dem ersten Quartal 2020 im zeitlichen Zusammenhang mit den Lockdown-Maßnahmen der Covid-19-Pandemie, heißt es von der DGGG.

Viele Arzneimittel betroffen

Doch für Patient:innen ist es nur wenig tröstlich, wenn das lebenswichtige Medikament nicht lieferbar ist. Sie können im Zweifel nicht mehr bestmöglich behandelt werden – unabhängig davon, welche Gründe genau den Lieferengpass ausgelöst haben. Auch Thomas Preis bekräftigt: "Werden Alternativen eingesetzt, hat es zur Folge, dass Patient:innen nicht mehr die optimale Therapie erhalten. Das kann schlecht für den weiteren Verlauf der Erkrankung sein."

Die Lieferprobleme betreffen allerdings nicht nur Fiebersäfte oder Brustkrebsmedikamente. "Alle Arten von Medikamenten sind aktuell betroffen: Antibiotika, Psychopharmaka, Schmerzmittel, Medikamente bei Krebserkrankung, Blutdruck und Asthma. Medikamente für Erwachsene und Kinder. Tabletten, Kapseln, Säfte und Ampullen und Zäpfchen", erzählt Preis. Er schätzt, dass die tatsächlichen Lieferprobleme mindestens dreimal so hoch sind, wie in der Liste des BfArM angegeben. Der Apotheker warnt aber davor, Medikamente zu hamstern. Dazu gebe es keinen Grund. Es sei aber wichtig, sich rechtzeitig ein neues Rezept für Medikamente zu besorgen, die man regelmäßig nimmt, und es in der Apotheke vorzulegen, damit man keine Probleme bei der Fortsetzung der Einnahme habe.

Lieferprobleme machen sich in Apotheke bemerkbar

Die Lieferprobleme machen sich in der täglichen Arbeit des Apothekers und seiner Kolleg:innen bemerkbar: "Durch die stark zunehmenden Lieferprobleme müssen die Apotheken immer mehr Zeit aufwenden, um eine sichere Versorgung der Patient:innen zu gewährleisten. Die Apotheken wenden mittlerweile mehr als zehn Prozent ihrer Arbeitszeit dafür auf, um mit Patient:innen, Arzneimittelgroßhändlern, Arzneimittelherstellern und Ärzt:innen bei Lieferengpässen nach Alternativen zu suchen."

Thomas Preis schildert: "Die Anzahl der nicht verfügbaren Rabattarzneimittel hat sich von 4,7 (2017) über 9,3 (2018) auf 18,0 (2019) Millionen Packungen innerhalb von zwei Jahren fast vervierfacht." Pharmahersteller und Krankenkassen handeln sogenannte Rabattverträge aus. Dadurch erhalten die Krankenkassen einen Rabatt auf den Herstellerpreis. Dafür erhalten alle Versicherten der Krankenkasse im Normalfall nur dieses Rabattarzneimittel. "Durch die Corona-Pandemie haben wir viel mehr Freiheiten und brauchen uns nicht in jedem Fall an die Rabattverträge zu halten. Wir setzen uns dafür ein, dass es auch in Zukunft so bleibt. Das Abweichen von den Rabattverträgen, wenn es nicht anders geht, ist auch viel besser für die Patient:innen, weil sie schneller versorgt werden."

Vielfältige Urachen für Medikamentenengpass

Warum es zu den Lieferproblemen kommt, hat nicht nur eine Ursache: "Ein wichtiger Auslöser sei die Zentralisierung der Herstellung der Wirkstoffe auf Asien – ganz besonders Indien und China. Durch die Corona-Pandemie kommen noch zusätzliche Risikofaktoren hinzu. Die Lieferketten sind gestört. Entweder fallen Produktionsstätten in China aus oder Lieferungen können nicht schnell genug transportiert werden", sagt Thomas Preis. Ein weiteres Problem sei der ständige Kostendruck im Gesundheitswesen, der zur Folge habe, dass immer mehr Pharmaunternehmen sich aus der Produktion von wenig lukrativen Arzneimitteln zurückziehen. "Das erleben wir zurzeit bei Fiebersäften für Kinder. Für Paracetamol-Fiebersäfte gibt es nur zwei Hersteller. Aufgrund einer starken Erkältungswelle zu Beginn des Sommers reichten die Produktionskapazitäten nicht mehr aus. Die alternativ einsetzbaren Säfte mit Ibuprofen waren auch schnell ausverkauft. Das Gleiche gilt für Zäpfchen sowohl mit Paracetamol als auch Ibuprofen. Wir Apotheker schauen jetzt mit Sorge auf den kommenden Winter. Denn unsere Vorbestellungen für viele Erkältungsprodukte sind kurzfristig komplett storniert worden. Im Ausnahmefall können Apotheken auch Fiebersäfte in ihren Laboren selbst herstellen. Das ist aber sehr personal- und zeitintensiv. Trotzdem ist unser Ziel, keine Patient:innen unversorgt zu lassen."

Recherchen des BfArM zeigten zu Beginn der Corona-Pandemie laut Medienberichten, dass 19 Arzneimittel-Wirkstoffe in der chinesischen Stadt Wuhan produziert werden. 17 davon seien für Deutschland versorgungsrelevant. In der umliegenden Provinz Hubei sind es insgesamt sogar 136 Arzneimittel, deren Wirkstoffhersteller dort ihren Sitz haben. 48 der betroffenen Wirkstoffe werden als versorgungsrelevant für Deutschland eingestuft. "Die Stadt Wuhan mit der Provinz Hubei ist eine wichtiges Zentrum für die weltweite Arzneimittelwirkstoffproduktion. Vor zwei Jahren war dort der Ausgangspunkt der weltweiten Corona-Pandemie. Dort werden allein für Deutschland etwa 150 wichtige Arzneiwirkstoffe produziert. Davon haben 60 Wirkstoffe eine erhebliche Versorgungsrelevanz für Bürgerinnen und Bürger. Ein Produktions- oder Ausfuhrstopp würde in kürzester Zeit zu erheblichen Versorgungsproblemen in Deutschland und weltweit führen", sagt Thomas Preis.

"Wir brauchen eine Grundversorgung in Deutschland mit lebenswichtigen Medikamenten, dazu gehören Antibiotika, Blutdruckmittel, Krebsmedikamente und Medikamente für Kinder. Im Moment haben wir da in Europa fast nichts mehr zu bieten. Früher war Deutschland die Apotheke der Welt – das ist aber schon lange vorbei und wir sind abhängig von Fernost", schildert der Apotheker die Lage. Es sei deshalb wichtig, sich von der Abhängigkeit der Arzneimittelproduktion in China und Indien zu befreien.

Quellen: DGGG, BfArm, Apotheke Adhoc,Pharmazeuitische Zeitung


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