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"Wir und Corona": Künstler sind "Stachel im Fleisch der Gesellschaft", sagt Leslie Mandoki. Und fordert neue Leitbilder

Der Musiker Leslie Mandoki floh aus Ungarn – und schaffte es zum Star, mit einem Freundeskreis von Udo Lindenberg über Markus Söder bis hin zu Viktor Orbán. In der Krise fordert Mandoki: Diese Gesellschaft muss sich ändern, sonst ist sie nicht gewappnet für das, was da kommt.

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Leslie Mandoki? Das war doch, das ist doch: Genau. Der von Dschinghis Khan. "Moskau, Moskau/Wirf die Gläser an die Wand/Russland ist ein schönes Land". Sehen Sie sich das ruhig nochmal auf Youtube an, das beschwingt. Mandoki trägt da mitunter einen grünen Seidenanzug – und diesen Schnauzer, der bis heute sein Markenzeichen ist. Sonst hat der Mandoki von heute, er ist jetzt 67, freilich kaum noch etwas gemein mit der Trallala-Welt der Schlager.

Seit Jahrzehnten ist er ein erfolgreicher Musikproduzent und Musiker mit Vorlieben für Jazz und Rock. Mit Lionel Richie hat er gearbeitet und mit Phil Collins, sein Tonstudio in Tutzing am Starnberger See bei München gilt als eines der besten im Land. Er ist ein Tausendsassa: Für Volkswagen und Audi hat er Musik komponiert, aber auch ein Wahlkampflied für Angela Merkel geschrieben: "An jedem neuen Tag" hieß das. Und mit dem Ensemble der "Mandoki Soulmates", im Kern eine Gruppe von Stars, die zu Mandokis Freunden gehören, nimmt er immer wieder Alben auf und geht auf Tour. "Living in the Gap + Hungarian Pictures" heißt das jüngste Doppelalbum.

Dabei gelingt es Mandoki offenbar, in vielerlei Hinsicht verbindlich, integrierend zu wirken. Zu seinen Freunden zählt er Udo Lindenberg ebenso wie den CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Über Söders Auftreten in der Coronakrise sagt Mandoki: "Jeder hat sehen, hören und spüren können, dass Markus Söder dort stand, wo ein Kapitän auf der Brücke stehen muss, wenn der Sturm aufzieht". Es ist kein Geheimnis, dass Mandoki auch zu Viktor Orbán, dem ungarischen Regierungschef, exzellente Kontakte hält. Aus Ungarn ist Mandoki in den 70er Jahren nach Deutschland geflohen.

Auch Musiker sollen in der Coronakrise Stellung beziehen, meint Mandoki

Was das alles mit der Coronakrise zu tun hat? Mandoki ist ein leidenschaftlicher, politischer Kopf. Ihn treibt um, was in der Gesellschaft geschieht – und vor allem glaubt er, dass auch Musiker sich einmischen müssen. Künstler seien, sagt Mandoki im stern-Podcast "Wir und Corona", "Stachel im Fleisch der Gesellschaft". Deshalb hat er gemeinsam mit Musiker-Freunden ein Lied aufgenommen, Titel: "We say thank you". Damit bedanken sich die Musiker bei den Helfern in der Krise. Aber Danke sagen, findet Mandoki, reicht nicht. Er fordert neue gesellschaftliche Leitbilder. In dem Gespräch kritisiert Mandoki, dass sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren zu sehr an Leitbildern wie der Gier und der vermeintlichen Alternativlosigkeit orientiert habe. "Als Musiker sag' ich: Wir müssen in unseren Liedern, unseren Songs, zu einem Leitbild stehen, und das ist Achtsamkeit und ist Menschlichkeit – nicht Gier", sagt Mandoki in dem Gespräch.

Dabei wendet sich der Musiker besonders gegen die Jagd nach Spekulationsgewinnen, gegen "Spekulanten" – und hier auch gegen den CDU-Politiker Friedrich Merz. Anfang April schon hatte Mandoki in einem stern.de-Interview gesagt: "Wenn Friedrich Merz Kanzler wird, der bei BlackRock Aufsichtsrat war und ein Vertreter des Finanzkapitalismus ist, haben wir nichts gelernt. Wir müssen den Spekulanten ihre Macht entreißen". In dem Podcast erzählt Mandoki nun von den Reaktionen auf diese Kritik an dem Kandidaten für den CDU-Vorsitz. "Es gab etliche Anrufe und auch etliche SMS von ganz oben", sagt Mandoki. "Aber ich bleibe ganz stabil bei meiner Meinung, dass eine Wirtschaft für die Menschen da sein muss. Der Mehrwert muss durch Menschen entstehen und nicht durch Spekulation".

Wir sollen uns fragen: Was vereint uns alle?

In dem Podcast spricht Mandoki, der sich immer wieder für die Pressefreiheit stark macht, über sein Verhältnis zu Viktor Orbán und dessen Notstandsgesetz in der Coronakrise. Das Gesetz sieht Haftstrafen für Journalisten von bis zu fünf Jahren für die Verbreitung vermeintlicher Falschnachrichten vor. In vielen EU-Ländern und bei Journalistenverbänden stieß das Gesetz auf erhebliche Kritik. Die EU-Justizkommissarin hat allerdings Anfang Mai geurteilt, das Notstandsgesetz verletze keine demokratischen Grundrechte.

Mandoki spricht auch über die finanzielle Notlage, gerade junger Musiker in der Krise, über Diskussionen mit seinen drei erwachsenen Kindern über Generationengerechtigkeit – und über die Frage, wie man gleichzeitig mit Markus Söder und Udo Lindenberg befreundet sein kann. Dabei ist Mandokis Botschaft im Kern die eines Integrators: Achtet weniger auf das, was euch trennt, sondern eher auf das, was euch verbindet – sonst fliegt euch alles um die Ohren.

"Die Erde weint weiter", sagt Mandoki in dem Gespräch. "Viele Themen, die unsere Gesellschaft gespalten haben, müssen wir jetzt überwinden, weil sonst überwinden wir nicht, was diese Pandemie mitgebracht hat, nämlich die nächste Krise. Deshalb: Wake up. Don't forget your first revolution. Lasst uns idealistisch sein, lasst uns visionär sein. Lasst uns miteinander verbinden und nicht bashen, sondern miteinander Verständnis haben für unterschiedliche Positionen, diskutieren und dann anschließend ein Bier trinken miteinander. Hoffentlich könnten wir das bald wieder".

Das Gespräch mit Leslie Mandoki hören Sie hier im Podcast.

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