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Zecken: Die braunen Biester beißen wieder

Zecken können Krankheiten übertragen, die manchmal tödlich enden. Gefährdet ist jeder, der sich im Freien aufhält. Die Parasiten haben eine perfide Strategie, um an ihre Blutquelle zu kommen.

Von Silke Haas

Die Wärme lockt nicht nur die Menschen hinterm Ofen hervor, sondern auch Zecken aus ihrem Winterquartier. Der kalte und schneereiche Winter hat ihnen nichts anhaben können.

Zecken sind Parasiten: Sie können nur überleben, wenn sie einen Wirt - Mensch oder Tier - finden, auf dem sie sich festsetzen und Blut saugen können. Sie lauern ihren Opfern auf, im Gras, in Sträuchern oder niedrigen Gehölzen. Entgegen der weit verbreiteten Ansicht springen sie nicht von Bäumen. "Das ist biologisch Unsinn. Zecken können nicht springen", sagt Prof. Jochen Süss. Er leitet am Friedrich-Loeffler-Institut das Nationale Referenzlabor für Krankheiten, die durch Zecken übertragen werden. "Warum sollten sie auch springen und riskieren, ihr Opfer zu verfehlen? Keine Zecke klettert höher als eineinhalb Meter."

Zecken stehen auf Männerblut

Ihre potenziellen Wirte erkennen Zecken an Erschütterungen, am Schweißgeruch, der Körperwärme und am ausgeatmeten Kohlendioxid. An den Vorderbeinen haben sie ein hochsensibles Sinnesorgan, das Hallersche Organ, das die Signale wahrnimmt. Auf der Spitze von Grashalmen warten sie auf Witterung.

99 Prozent ihres Lebens verbringen Zecken mit dem Warten auf ein Opfer. Sie sind Hungerkünstler: Rund zwei Jahre können sie auf Nahrung verzichten. Nähert sich schließlich ein potenzieller Wirt, klammert sich die Zecke blitzschnell an alles, was sie streift: Fell, Haut oder Kleider. Einmal gelandet, sucht sie sich in aller Ruhe einen Platz für ihre Blutmahlzeit.

Wer der Zecke zum Opfer fällt, entscheidet die individuelle Schweißzusammensetzung. "Männer werden häufiger attackiert als Frauen", sagt Süss. "Vielleicht liegt es daran, dass sie früher die Jäger und Sammler waren", mutmaßt er lachend.

Zeckenstiche tun nicht weh

Hat die Zecke ihren Saugplatz gefunden, bevorzugt zwischen den Beinen, in den Kniekehlen, den Achseln, im Nacken und am Haaransatz, reißt sie mit ihren messerscharfen Mundwerkzeugen die Haut auf. Sie gräbt sie eine Höhle in die Haut, die voll Blut läuft und die sie immer wieder leer saugt. Sie filtert Nahrungsstoffe aus dem Blut und spuckt überschüssige Flüssigkeit und Speichel wieder in die Wunde. Über den Speichel werden Krankheitserreger übertragen.

Um Schmerzen und das Anschwellen der Wunde zu verhindern, spritzt die Zecke betäubungs- und entzündungshemmende Stoffe in die Verletzung. Im Gegensatz zu einem Mückenstich ist der Zeckenstich deshalb schmerzfrei und schwillt in der Regel auch nicht an. Der Wirt scheuert und kratzt sich nicht - unbemerkt und ungestört kann die Zecke Blut zapfen.

Zeckenzement ist kratzresistent

Eine erwachsene Zecke bleibt auf ihrem Wirt, bis sie sich voll gesogen hat - bei einem Weibchen kann das bis zu zwölf Tagen dauern. Mit vielen kleinen Widerhaken verankert sie ihren Stechrüssel in der Haut. Um nicht blutschwer abzufallen, produzieren Zecken einen speziellen Klebstoff, den Zeckenzement, der sie fest mit dem Wirt verbindet. Zecken kann man deshalb nicht einfach wegkratzen oder abstreifen. Wenn die Zecke satt ist, löst sie sich selbst aus der Haut und fällt ab.

So lange sollte man aber nicht warten: Zecken sollten sofort entfernt werden. "Eine normale Pinzette ist dazu völlig ausreichend. Ist keine zur Hand, geht es auch mit spitzen Fingernägeln", sagt der Zecken-Experte. Die Zecke möglichst hautnah fassen und herausziehen oder drehen. Die Drehrichtung ist egal - entgegen landläufiger Meinung haben Zecken kein Gewinde. Vor "alten Hausmitteln" wie dem Beträufeln mit Kleber oder Öl warnt Süss: "Die Atemorgane der Zecke befinden sich in ihrem Hinterleib. Werden diese verstopft, spuckt die Zecke im Todeskampf Speichel in die Wunde und kann so vermehrt Erreger abgeben."

Sie übertragen FSME und Borreliose

Die bekanntesten und häufigsten Krankheiten, die Zecken übertragen, sind Borreliose und eine schwere Form der Gehirn- beziehungsweise Hirnhautentzündung (FSME: Frühsommer-Meningoenzephalitis).

Die FSME ist eine virale Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sind Zecken mit dem FSME-Virus infiziert, wird dieses in der Regel kurz nach dem Stich übertragen - über den Speichel, den die Zecke in die Stichwunde abgibt.

Die meisten infizieren sich in der Freizeit

Anstecken kann man sich nur in bestimmten Regionen: Betroffen sind vor allem Bayern, Baden-Württemberg, aber auch einige Gebiete im Saarland, in Rheinland-Pfalz, Hessen, Thüringen und Sachsen.

Früher galten nur Förster, Jäger oder Landwirte als gefährdet - Berufsgruppen, die viel im Freien arbeiten und daher besonders häufig mit Zecken in Kontakt kommen. Heute infizieren sich etwa 90 Prozent aller Patienten in ihrer Freizeit mit dem Virus. "Wer nicht geimpft ist und sich infiziert, hat Pech gehabt", so lautet die klare Ansage von Jochen Süss. Eine Therapie gegen FSME gibt es nicht. "Ist sie einmal ausgebrochen, kann man nur versuchen, die Symptome zu lindern. Es ist daher besonders wichtig, die Infektion von vornherein zu verhindern. Und das geht nur mit einer Schutzimpfung", so der Zecken-Experte. Der Impfstoff hat keine schweren Nebenwirkungen und wird von der Krankenkasse bezahlt.

Verlauf der Krankheit

FSME verläuft typischerweise in zwei Phasen. Sie beginnt mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Symptome, die auch bei einer Sommergrippe auftreten. In den meisten Fällen ist sie damit auch schon folgenlos überstanden. In der zweiten Phase kann das Virus jedoch das zentrale Nervensystem befallen. Bei der milderen Form erkrankt der Betroffene an Hirnhautentzündung. Die Symptome sind hohes Fieber, starke Kopfschmerzen und Nackensteife. In der stärkeren Variante, der Gehirnentzündung, sind nicht nur die Hirnhäute, sondern das ganze Gehirn betroffen. Als weitere Symptome können Bewusstseins-, Sprach- und Schluckstörungen, psychische Veränderungen oder Lähmungserscheinungen auftreten. Etwa ein bis zwei Prozent der Patienten sterben.

FSME-Infektionen nehmen zu

In den vergangenen Jahren erkrankten immer mehr Menschen nach einem Zeckenbiss an der gefährlichen Hirnhautentzündung. Allein 2004/05 stieg die Zahl der Infektionen um über die Hälfte ang. Als Gründe werden die globale Erwärmung, aber auch bessere Diagnostik und höhere Sensibilität und Aufklärung der Ärzte und der Betroffenen genannt. Professor Jochen Süss hat noch eine weitere Erklärung parat: Die Explosion der Ölpreise. "Wird Ihnen das Öl zu teuer, besinnen Sie sich auf Ihren alten Kamin, gehen in den Wald und holen Holz - und schwups fallen Sie der Zecke zum Opfer."

Borreliose droht überall

Borreliose wird durch Bakterien - die Borrelien - verursacht. Deren Verbreitung ist nicht auf bestimmte Gebiete beschränkt: Borreliose kommt überall vor, wo Zecken leben. "Wenigstens fünf Prozent und maximal 50 Prozent der Zecken sind mit Borrelien durchseucht", sagt Süss. Aber auch nach einem Zeckenbiss besteht laut Süss kein Grund zur Panik. "Wird die Zecke schnell entfernt, lässt sich eine Übertragung von Borrelien nahezu ausschließen. Die Bakterien brauchen etwa zwölf bis 16 Stunden, bis sie vom Darm der Zecke in den Rüssel und über den Speichel in die Wunde gelangt sind."

Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass sich Menschen mit Borreliose anstecken. Die Erkrankung ist tückisch, denn ihre Symptome sind nicht eindeutig, sondern außerordentlich vielfältig. Ist es zu einer Infektion mit Borrelien gekommen, entwickelt sich bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen die so genannte Wanderröre (Erythema migrans). Ein paar Tage später kann man um die Saugstelle eine rötliche Hautentzündung beobachten, die sich am Körper ausbreitet. Die verräterische Wanderröte tritt aber nicht immer auf.

Auch Symptome, die der einer Sommergrippe ähneln wie Müdigkeit, Angeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen oder Fieber können Hinweise für eine Borreliose im Frühstadium sein. Die Anzeichen werden aber nicht selten fehlgedeutet. Betroffene sollten ihren Arzt daher immer über den Zeckenbiss informieren. "Borreliose ist im Frühstadium mit Antibiotika gut zu behandeln. Rechtzeitig erkannt, liegt die Heilungschance bei 100 Prozent", sagt Süss. Wird die Borreliose nicht therapiert, plagt sie den Patienten langfristig: Die Borrelien rufen immer wieder neue Krankheitsschübe hervor.

Kein zuverlässiger Schutz

Einen vorbeugenden Schutz etwa eine Impfung gegen Borreliose gibt es nicht. Auch langärmlige Shirts, Hüte oder lange Hosen wehren die braunen Biester nur bedingt ab. "Die sind so klein und krabbeln durch jeden Bund", sagt Zecken-Kenner Süss. Am besten den Körper nach jedem Spaziergang gründlich nach den kleinen Parasiten absuchen und die unwillkommenen Gäste sofort entfernen. Bei Kindern sollte besonders sorgfältig der Haaransatz abgesucht werden: Zecken lauern meist in 80 bis 150 Zentimeter Höhe, der typischen Kopfhöhe von Kindern.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Entwicklungszyklus der Zecke

In jedem Entwicklungsstadium eine Blutmahlzeit

Nach dem Schlüpfen durchläuft die Zecke drei Stadien: Larve, Nymphe und die erwachsene Zecke. Sie benötigt in jedem Stadium eine Blutmahlzeit und sucht sich einen Wirt. Larven sind winzig klein, sie messen etwa einen halben Millimeter. Ihre ersten Opfer sind daher kleine Tiere - Igel, Ratten oder Mäuse. Für Menschen droht in der Regel keine Gefahr, da die Beißwerkzeuge der Larve die menschliche Haut nicht durchdringen können. Haben sich die Larven voll gesogen, verlassen sie ihren Wirt und häuten sich zur Nymphe.

Die Nymphe ist geschlechtslos und ungefähr doppelt so groß wie die Larve. Ehe sie sich einen Wirt sucht, lebt sie an zeckentypischen Orten wie Gräsern, im Unterholz und an Sträuchern. Als Wirt sucht sich die Nymphe Vögel, Eichhörnchen, Igel oder Füchse. Aber auch Menschen sind willkommen. Nach ihrer Blutmahlzeit wird sie zur erwachsenen, geschlechtsreifen Zecke. Auch in diesem Stadium muss sie erst einmal ihren Hunger mit Blut stillen. Weibliche Zecken saugen erheblich mehr Blut als männliche, um ihre bis zu 3000 Eier bilden zu können. Ein voll gesogenes Weibchen wiegt nach der Mahlzeit rund 200 mal mehr als ein ungesogenes.

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