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"Cherry"-Verfilmung Nico Walker – Elitesoldat, drogensüchtiger Bankräuber und nun Leinwandheld

200 Einsätze absolvierte Nico Walker im Irak.
200 Einsätze absolvierte Nico Walker im Irak.
© Amazon / PR
Nico Walker zog als netter Junge in den Krieg. Als er wiederkam, war er innerlich tot und begann Banken auszurauben. Nun wurde seine Geschichte von Anthony und Joe Russo verfilmt.

Nico Walker war ein perfekter Soldat, doch nach seinem Einsatz fiel er in eine bodenlose Dunkelheit. Er nahm Drogen und überfiel Banken, der Veteran brachte seinen Irak mit nach Hause in den Mittleren Westen. Als er schließlich nach einer Verfolgungsjagd erwischt wurde, schrieb er im Gefängnis den ehrlichsten Roman über die Interventionskriege von heute ("In 200 Einsätzen kämpfte er im Irak - zu Hause wurde er ein drogensüchtiger Serienbankräuber"). Jetzt wurde "Cherry" verfilmt.

Mit vier Marvel-Filmen verdient

Das Buch wurde von "Washington Post" und "New York Times" gefeiert. Verfilmt wurde es von Anthony und Joe Russo – bisher für die Marvel-Epen "Captain America: Civil War" und "Avengers: Infinity War" bekannt. "Wir kommen aus dem unabhängigen Filmemachen", sagte Joe Russo der "Los Angeles Times". "Steven Soderbergh hatte dieses Motto: "Einer für dich, einer für sie." Für Marvel haben wir vier große Filme gemacht. Wir hatten also das Gefühl, dass wir einen großen "für uns" verdient haben. "

Nico Walker sprach mit der "London Times" über sein Buch. "Ich kam am 21. Oktober 2019 aus dem Gefängnis, genau dann, als sie mit den Dreharbeiten begannen. Ich wurde vorzeitig entlassen, weil meine Mutter an Leukämie erkrankt war." Seine ganze Karriere kommt ihm heute "seltsam" vor, denn vor dem Gefängnis hatte er nie ans Schreiben gedacht.

Kein Lügen

"Die größte Regel, die ich mir selbst auferlegt habe, war, die Art von eklatanten Lügen zu vermeiden, die man in Kriegsfilmen sieht", so Walker. Matthew Johnson Miteigentümer eines winzigen Verlags brachte Walker dazu, seine Geschichte aufzuschreiben und seinen Stil zu finden. Zuerst habe Walker geschwollen geschrieben, so Johnson zu dem Blatt, so als habe er zu viel "Krieg und Frieden" gelesen. "Er versuchte, in dieser stilisierten, antiquierten Art zu schreiben. Ich sagte: 'Hör auf, so zu tun, als würdest du mit einem Straußenfederkiel schreiben. Schreib einfach so, wie du sprichst.'"

Cherry ist ein beunruhigender Roman. Walker schildert den Krieg, so, wie er ist, darin dem Film "Combat Obscura" ("Dieser Kriegsfilm zeigt das rohe Gesicht des Kampfes") von Jacob Miles Lagoze nicht unähnlich. Wegen des Anschlags von 9/11 meldete er sich freiwillig. Er wurde als Kampf-Mediziner zugelassen und zog mit dem 167. gepanzerten Regiment ins "Dreieck des Todes" in den Irak. Nach etwa fünf Minuten in dem Land war ihm klar, dass er und alle anderen "reingelegt" wurden. Er sei naiv in dem Glauben in den Krieg gezogen, er würde Menschen helfen. "Es war offensichtlich, dass einige hochrangige Leute einen Haufen Geld aus der Situation machten, denn alles, was wir wirklich tun mussten um den Krieg zu beenden, war, nicht mehr dort zu sein."

Langeweile und Grauen 

In "Cherry" wechseln fast komische Alltagsszene mit grauenhaften Details. "Rodgers liegt in einem Leichensack. Ein aufgeschreckter Sergeant namens Edwards glaubt, dass noch mehr von ihm im Truck ist. Er zeigt auf eine Fettschicht, die an den Überresten des Fahrersitzes entlangläuft." Auf einer Patrouille sahen sie plötzlich Rauch, dann fanden sie einen brennenden Humvee. Die verkohlten Leichen waren nicht mehr zu erkennen. Als Walker einen Toten aufheben wollte, schmolzen seine Latexhandschuhe. "Dieser Geruch ist etwas, das du bereits kennst", schreibt er in "Cherry". "Es ist in deinem Blut codiert."

Walker erzählt, wie ein eigentlich perfekter junger Amerikaner in den Krieg zieht, aber innerlich zerstört nach Hause zurückkehrt und nicht mehr funktioniert. Bei einem Besuch erkannten seine Eltern ihn kaum wieder. "Er sagte, er sei sich nicht sicher, ob er zurückkommen würde", sagte sein Vater, Timothy Walker, der "NYT". "Er hatte die Augen eines Toten." Der Krieg in dem Roman ist trostlos. Wenn es keinen Einsatz gibt, spielen die Soldaten Poker oder sehen sich Pornos an. Ein paar machen Folter-Videos von Mäusen. Eine der Frauen hat ihren Mann gesagt, dass sie angefangen hat, als Stripperin zu arbeiten und dass sie ihn betrügt. "Sie hat ihm den ganzen Scheiß viel ausführlicher erzählt, als man erwartet hätte. Das war ein wenig übertrieben. Aber zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass sie verdammt gut aussieht und Corporal Lockhart ein Typ ist, der hier rumläuft und Mäuse vor der Kamera kreuzigt."

Spaziergang unter Heroin

Als Walker in den Mittleren Westen zurückkehrte, war dort die Opiat-Krise auf dem Höhepunkt. Er verließ seine Frau, fing an zu trinken und landete beim Heroin.

Walker führte sein altes Soldatenleben weiter, immer benebelt. Das heißt, lange Phasen, in denen er nur mit seinen Drogen abhing und gar nichts passierte, und dann der Adrenalin-Blitz eines "Einsatzes", der nun ein Bankraub war. Für Anthony Russo ein persönlicher Punkt: "Wir kennen Menschen, wir haben Menschen in unserer Familie, die an Opiatabhängigkeit gelitten haben und daran gestorben sind. Es ist ein persönliches Problem. Der Ort, von dem wir kommen, ist ein bisschen Ground Zero für die Opiat-Epidemie."

Nico Walker taumelte von seinem Junkie-Motel zu den Überfällen. "Mir wurde klar, dass man nichts planen musste: Man konnte einfach reingehen, das Geld nehmen und nicht länger als drei Minuten bleiben. Zu der Zeit fühlte es sich wirklich nicht wie eine große Sache an." Im Vergleich zum Krieg war der Raub ein Kinderspiel. "Hunderte und Hunderte Male bin ich mit Waffen durch die Häuser der Leute gegangen, habe Leute mit Kabelbindern angebunden, Leute angeschrien, manchmal geschossen, was waren diese Überfälle im Vergleich dazu?" In den nächsten vier Monaten hatte Walker fast ein Dutzend Banken ausgeraubt und über 40.000 Dollar gestohlen.

Mit dem Geld, das er aus den Buchverkäufen und den Filmrechten bekam, hat Walker die Banken ausgezahlt, die er ausgeraubt hatte.

"Cherry" wird am 12. März auf Apple TV+ erschienen.

Quelle: London Times

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