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Afghanistan-Dokumentation: "Combat Obscura" – dieser Kriegsfilm zeigt das rohe Gesicht des Kampfes

Das Pentagon wollte "Combat Obscura" verbieten. Trotzdem wurde die Dokumentation fertig. Miles Lagoze zeigt den Afghanistan-Krieg aus der Sicht der Kämpfer, er weigert sich, den "ganzen Scheiß" irgendwie zu erklären.

In diesem Film ist der Krieg grauenhaft und lustig zugleich.

In diesem Film ist der Krieg grauenhaft und lustig zugleich.

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Diesen Kriegsfilm wollte das Pentagon zuerst verhindern, aber nach einem kurzen juristischen Sperrfeuer winkten die Zensoren alles durch. Unglaublich - denn Combat Obscura zeigt ein ungefiltertes Bild des Krieges. Das Grundmaterial entstand eher zufällig, jedenfalls ohne die Absicht, später einen Film daraus zu machen.

Es ist ein filmisches Tagebuch des Afghanistan Desasters. Miles Lagoze war Kameramann des US Marine Korps. Seine Aufgabe bestand darin, PR taugliches Filmmaterial abzuliefern. Grundtendenz: wie tapfere Marines den Afghanen helfen, eine Demokratie aufzubauen. 2011 verbrachte er in der Provinz Helmand im Süden Afghanistans mit einem Bataillon des 6. Marine Regiments. Jenseits der dienstlichen Aufnahmen drehte Lagoze weiter, zeigte den wahren Alltag der Soldaten.

Rechtshilfe der Universität

Nun ist der Film komplett und Lagoze hat inzwischen seinen Abschluss an der Filmschule der Columbia University gemacht. Die rechtliche Hilfe der renommierten Universität half, die Zensurversuche abzuwehren.

Das Pentagon hatte sich zunächst mit dem Filmer herumgestritten, und gefordert, er dürfe das Material nicht nutzen, denn es würde seinem Arbeitgeber, dem Marine Corps, gehören. Lagoze versuchte sich herauszureden, indem er behauptete, er habe alle mit einer eigenen Kamera aufgenommen.

Als ihm die Profi-Juristen der Free-Speech-Initiative der Universität zur Hilfe kamen, wendete sich das Blatt schnell. Die Juristen erklärten, die Frage des Eigentums sei nebensächlich, denn selbst, wenn die Videos dem Pentagon gehören würde, dürfte jeder US-Bürger das Behördenmaterial einsehen und nutzen.

Der Film ist rau und klar: Die späteren Interviews mit überlebenden Marines wurden wieder gestrichen. Damit fehlen die Versuche, dem Irrsinn später eine Bedeutung abzupressen. Lagoze blieb sich treu. Er weigert sich den "ganzen Scheiß" zu erklären.

Der Reiz des Streifens ist die reine, unmittelbare Erfahrung. Und Miles Lagoze ist der perfekte Filmer dafür, denn er bleibt auch als Filmemacher ein einfacher Marine und versucht nicht, eine Erklärung auf sein Material draufzusatteln. Er ist auch kein Intellektueller wie Sebastian Junger, der für Film und Buch "Restrepo" – beides Preis gekrönt – die Perspektive eines einfachen Schützen letztlich nur simuliert.

Und zum Glück gibt es in "Combat Obscura" keine "Saulus zu Paulus"-Story, in der sich ein schießwütiger Marine in einen Moralapostel-Filmemacher verwandelt. So irrsinnig der Krieg auch anmutet, nichts bringt Miles Lagoze mehr auf die Palme, als die Annahme, er sei nun ein Kriegs- und Militärgegner.

"Camera Obscura" kennt keine Distanz 

In "Camera Obscura" wird der Zuschauer Zeuge, wie es wirklich ist, wenn junge Männer am anderen Ende der Welt einen total sinnlosen, aber tödlichen Krieg führen. Sie sind sauer und wütend. Auf das Militär, auf die Afghanen. Über die Bedeutung ihrer Missionen erfährt man nichts. Einen Sinn gibt es wohl auch nicht, kurz nach dem Einsatz wurde die Gegend aufgegeben. 

Abends und auf Patrouille ziehen sich Miles und seine Kameraden Gras rein. Leicht bedröhnt macht der Krieg mehr Spaß. "Okay Kumpel, wie geht es dir denn heute?", sagt ein Marine, der er über dem Körper eines toten Afghanen steht. "Du siehst aus, als wärst du gerade gefickt worden." Die Hand des Mannes ist zerfetzt, dort ging die Kugel des schweren Scharfschützengewehrs durch, bevor sie in seinen Oberkörper eindrang.

Pech gehabt

Als die US-Soldaten die Leiche untersuchen, erkennen sie den Ladenbesitzer aus der Gegend. Sie dachten, der Mann wäre ein Aufklärer für die Taliban – der mit einem Funkgerät ihre Bewegungen verriet. Sie finden weder Waffen noch Funk. "Genau wie ein Hirsch. Der lebte noch eine Weile, hier ging es rein und schlug dann dort ein, wo vorher seine Leber gewesen ist", sagt ein Soldat. 

Von Einordnungen, Erklärungen oder Analysen hält Miles Lagoze nichts. Ihm geht es nicht darum, "diese Typen da draußen als Helden oder Opfer" darzustellen. Er weiß auch nicht, ob dieser Krieg irgendwann etwas Gutes bewirken wird. In Afghanistan sei nichts einfach schwarz oder weiß. "Es war lustig, es war schrecklich. Die enorme Absurdität der ganzen Erfahrung übertrifft jede Story."

Die Schlussszene zeigt, wie ein Marine von einem Scharfschützen in den Kopf geschossen wird. Eine lähmende Sekunde – dann stürzen sich die anderen Marines auf ihren Kameraden. Der Film zeigt, wie sie ihn in einen Hubschrauber schieben. Ihre Gesichter verraten, dass sie alle wissen, dass er es nicht schaffen wird.

Der Marine Christopher P.J. Levy starb drei Tage später an seinen Wunden in einem Militärkrankenhaus in Deutschland. Vor der Veröffentlichung sprach Miles Lagoze mit Levys Mutter. Sie wollte, dass der Film mit dem Kopfschuss ihres Jungen gezeigt wird. Zu "Daily Beast" sagte Miles Lagoze: "Die Typen, die sich darüber aufregen, sind diejenigen, die den Film nicht gesehen haben."

"Combat Obscura" findet man auf iTunes und Amazon.

Quellen: Combat Obscura, The Daily Beast