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"The Voice of Germany": Kracher ohne Ohrenbluten

Es knallt, es faucht, ProSieben schießt Konfetti aus allen Rohren: Die erste Liveshow von "The Voice of Germany" ist ein Kracher - und läuft "Deutschland sucht den Superstar" klar den Rang ab.

Von Oliver Noffke

Xavier Naidoo, Sascha "Hoss" Vollmer und Alec "Boss" Völkel von der Gruppe "The BossHoss", Nena und Rea Garvey sind die Juroren der Sendung

Xavier Naidoo, Sascha "Hoss" Vollmer und Alec "Boss" Völkel von der Gruppe "The BossHoss", Nena und Rea Garvey sind die Juroren der Sendung

Schließen Sie die Augen. Seien Sie ganz Ohr", brummt eine Stimme aus dem Fernseher und verspricht noch, dass jetzt eine Musiksendung kommt, in der nur die Stimmen zählen.

Als erstes scheint aber jemand in der Regie den falschen Knopf gedrückt zu haben, denn die Bühne explodiert. Aus dem Loch in der Wand kommt Rauch, und es wabern Nena, Xavier Naidoo und der Rest der Jury hervor. Sie singen "99 Luftballons". Der Sänger von Reamonn und die zwei Jungs von The BossHoss singen auch mit. Optisch sieht es nach einer Mischung aus Wrestling-Showkampf und US-Wahlkampfveranstaltung aus. Nur die Kleinkinder fehlen, und es winkt auch keiner.

Nena hat fertig gesungen und sitzt in einem roten Ledersessel. Die Filmmusik, die jetzt die Stimmung untermalt, weckt bei mir den Eindruck, dass gleich Bruce Willis im Panzer eingefahren kommt. Ich möchte umschalten, doch vom anderen Ende der Couch kommt ein "sensationell" als Kommentar. Es entbrennt eine Diskussion darüber, ob es um die Kandidaten geht oder darum, dass Stars, die lange keinen Hit mehr hatten, ihre alten Lieder neu verwursten wollen. Ich find's jedenfalls bis hierhin doof. Mein Gegenüber ist noch blind von den geschätzten 14.000 Scheinwerfern.

"Mensch, die können doch nicht alle gut sein?!"

Nach 15 Minuten sind mir die Regeln erklärt worden. Dann sagt Xavier Naidoo, dass er begeistert vom Anfang der Sendung ist. Nun ja, er stand ja selbst auf der Bühne. Ich fühle mich bestätigt. Mein Gegenüber schweigt und versucht noch, die Regeln zu kapieren. Eines verwirrt uns beide: die Masse an Kandidaten, die hier Talente heißen.

Es ist 21 Uhr und schon haben drei Talente gesungen. Bei anderen Sendungen auf ProSieben wäre bis jetzt nichts passiert, außer dass feststeht, wen Stefan Raab diesmal platt macht und dass Elton dick ist. In den ersten 45 Minuten haben zwei Dinge meine Skepsis gegenüber dem Format fast komplett weggefegt: Erstens bluten meine Ohren nicht, denn das Niveau ist wirklich hoch, und zweitens habe ich nicht das Gefühl, dass die Kandidaten von einer Meute blutsaugender Redakteure in die Mangel genommen werden. Keiner saß mal im Knast oder war mit 14 schwanger. Zumindest wird es mir nicht zu trauriger Klaviermusik ins Gehirn gehämmert. Und das von dem Sender, der vor Kurzem noch den Sozialporno "Die Alm" gesendet hat.

"Mensch, da können doch nicht alle gut sein", kommt es von der Couch neben mir. Doch, alle singen großartig. Selbst der rosa Außerirdische, dessen Name nach Speiseeis klingt. Ja, bei Rino Galiano singe ich sogar mit. Nur viel schiefer. In der Werbepause suche ich Rinos Lied in meiner Musiksammlung, um es noch mal zu singen.

Dann tritt Daniel Küblböck auf. Der heißt jetzt Sahar und kann singen. Ist doch klar. Im Gegensatz zum Außerirdischen kommt Sahar aber nicht weiter.

Angenehm unpeinlich

Ach, und bescheiden sind die irgendwie auch bei ProSieben. Dass es am Kiosk ein Magazin zur Sendung zu kaufen gibt, ist Moderator Stefan Gödde etwas peinlich. Kollege Marco Schreyl, der DSDS moderiert, hätte in solchen Momenten die Erfindung der Druckerpresse durch RTL bekanntgegeben. Am Ende drängt Gödde gar auf schnelle Entscheidungen. Man möchte ihn umarmen, statt ihn zu erwürgen.

Kurz vor Schluss ertappe ich mich bei einem unschönen Gedanken: Gut, dass welche raus sind, dann geht's beim nächsten Mal schneller. Bei einer Sendung, wo alles so nett und stimmig war und ich mich trotzdem gut unterhalten fühle, schäme ich mich fast für so viel Abgestumpftheit. Dabei ist die ganze Sendung so angenehm unpeinlich. Allerdings, dass Xavier Naidoo ausgerechnet den Sänger nicht wählt, den er ständig als "den besten Sänger des Universums" tituliert, ist wirklich fies. Aber zumindest wird keiner wochenlang von Menschen gemobbt, die selbst nicht singen können. Auch wenn Xavier Naidoo seine Talente dazu zwingt, mit ihm die Crazy-Frog-Version seines alten Hits "Ich kenne nichts" zu singen.

  • Oliver Noffke