HOME
Pressestimmen

"Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau": "Unnötiger Geländegewinn für die AfD, verschlechterte Bedingungen für Satire"

Unter aller Sau oder saumäßig gut? Der "Umweltsau"-Song des WDR sorgt weiter für heftige Diskussionen, auch in den Kommentarspalten der deutschen Zeitungen. Die Pressestimmen im Überblick.

#Umweltsau: WDR-Kinderlied polarisiert im Netz – viele übersehen das Wichtigste

Gelungene Satire oder Verunglimpfung einer ganzen Generation? Kotau vor den Rechten oder aufrichtige Entschuldigung des Westdeutschen Rundfunks? Der "Umweltsau"-Song und der Umgang mit dem Lied führt teils zu absurden bis mehr als bedenklichen Reaktionen, Morddrohungen inklusive. Auch in den Kommentarspalten deutscher Zeitungen ist das Werk des WDR-Kinderchors und das Krisenmanagement der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt das beherrschende Thema. Die Presseschau:

Presseschau zum "Umweltsau"-Lied des WDR

"Süddeutsche Zeitung": "Die Aufregung über Oma, die vermeintliche Umweltsau, wäre aber nicht halb so groß, steckte in ihr nicht doch ein reales Thema. Die Auseinandersetzung darüber, was angesichts der Erderwärmung zu tun sei, wird ja tatsächlich auch als Generationenkonflikt ausgetragen. Wobei der Konflikt weniger die Großeltern betrifft, die das Geschenkpapier bügelten und wiederverwendeten und im Sommer an Nordsee oder Adria campten. Der Graben verläuft zwischen Babyboomer-Eltern und 'Fridays for Future'-Kindern. Er gipfelt im tausendfach gezischten 'How dare you' überm Weihnachtsbraten und im Streit übers nächste Urlaubsziel. Er geht um Lebensleistungen und darum, diese infrage zu stellen, darum, was gutes und richtiges Leben ausmacht – und oft auch nur um die Deutungshoheit am Küchentisch."

"Frankfurter Rundschau": "Satire darf alles. Deshalb darf der WDR auch einen Kinderchor singen lassen 'Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau'. Das ist weder lustig noch hilfreich. Abgesehen davon, dass die meisten 'Omas' im Durchschnitt wohl weniger konsumorientiert als die Jüngeren leben – diese Art, die Generationen gegeneinander aufzuwiegeln, führt zu nichts Gutem. Und die 'Umweltsau' ist man im Zweifel immer auch selbst. Der Chor zum Beispiel ist vor kurzem für Auftritte um die halbe Welt geflogen. Erst am Montag hatte 'Fridays for Future' per Twitter gefragt, warum die Alten ihnen noch hereinredeten – schließlich seien die 'doch eh bald nicht mehr dabei'. Ähnlich wie jetzt der WDR ist die Jugendbewegung zurückgerudert. Das macht Hoffnung, dass die Umweltbewegten nicht so platt enden, wie es Rechtspopulisten tun: Ebenso wenig wie 'die Ausländer an allem schuld sind', sind 'die Alten' alleine für unsere Umweltprobleme verantwortlich. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Dem darf auch Satire Rechnung tragen."

"Berliner Morgenpost": "Das WDR-Video, das für so viel Diskussionen sorgte, scheint auf ein tieferliegendes Problem hinzuweisen: Dass im Dienste einer guten Sache zusehends Mittel eingesetzt werden, die sehr fragwürdig sind. Die Erklärungen des WDR-Chores machen die Sache nicht besser. Da heißt es etwa, den Kindern sei erklärt worden, mit Überspitzung und Humor werde 'der Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn genommen'. Konflikt der Generationen? Das vermittelt den Kindern erst recht den Eindruck, eine hedonistische Großelterngeneration ginge lieber auf Kreuzfahrt, als ihren Enkeln eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Ich kenne wenige Menschen, die so sehr bedacht sind, ihren Nachfahren eine intakte Welt zu hinterlassen wie liebende Großeltern. Dass WDR-Intendant Tom Buhrow um Entschuldigung gebeten hat, war die einzig richtige Reaktion."

#Umweltsau: WDR-Kinderlied polarisiert im Netz – viele übersehen das Wichtigste

"Münchner Merkur": "Es hat schlimmere mediale Fehlleistungen in den letzten Jahren gegeben als diesen instrumentalisierten Kinderchor, der Oma als 'Umweltsau' besingt – doch eben wegen dieser Fehlerkette, wegen der Angreifbarkeit des zwangsgebührenfinanzierten Rundfunks, schlägt dieser Fall so hohe Wellen. (...) Je stärker unsere Debatten in Schnappatmung geführt werden, je ungenauer sich viele Menschen informieren, die mal schnell im Internet irgendwas gelesen zu haben glauben – desto wichtiger wäre der Informationsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen. Sie müssten ihm seriös, neutral und gründlich nachkommen. Der WDR hingegen hat nicht nur seine Kernzielgruppe verunglimpft, sondern wieder mal der ganzen Branche geschadet."

"Stuttgarter Nachrichten": "Es ist richtig, dass der WDR seine dumme 'Umweltsau'-Satire gelöscht hat, und es ist angemessen, dass der Intendant sich entschuldigt hat. Nicht nur, weil sie einfach pauschal beleidigend gegenüber älteren Menschen war. Auch deshalb, weil die darin enthaltene Sicht von bemitleidenswerter Gedankenarmut zeugt. Was Ältere an dem "'sau'-blöden Song zu Recht aufregt, ist die unangebrachte Selbstgefälligkeit, mit der die offenbar jüngeren Macher des Textes meinen, grundsätzlich qua Alter auf der moralisch richtigen Seite des Lebens zu stehen. Ein unangenehmer Zug, der auch der Fridays-for-Future-Bewegung nicht fremd ist."

"Mannheimer Morgen": "Letztlich ist die Frage des Klimawandels kein Konflikt der Generationen, sondern ein Streit mit uns selbst. So konsequent Schüler und Studenten gegen die Klimapolitik protestieren, so inkonsequent fliegen sie in den Urlaub oder buchen eine Kreuzfahrt – möglicherweise sogar mit Oma und Opa. Das ist allzu menschlich. Allzu menschlich ist auch der Zorn, der ob dieser kollektiven Inkonsequenz erwächst. Damit jetzt aber die Omas und Opas zu überziehen ist nichts mehr als eine klassische Übersprungshandlung. Unsere Gesellschaft muss hart mit sich ringen, um den Fortbestand einer lebenswerten Welt und künftiger Enkel zu sichern. Das geht nur mit großem Ernst, ohne Populismus und mit allen Generationen gemeinsam."

"Volksstimme" (Magdeburg): "Der Liedtext ist geschmacklos. Er beleidigt ältere Menschen. Und er stimmt auch einfach nicht. Das sieht auch der Intendant des Westdeutschen Rundfunks so und hat sich für das Satire-Video aus seinem Hause samt Liedtext entschuldigt und das Video gelöscht – sicherlich auch, weil es in den sozialen Netzwerken regelrecht tobte. Vor allem vom rechten Rand aus. Diejenigen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ohnehin gern als Lügenpresse und Staatsfunk diskreditieren, haben das Lied zum Anlass genommen, die Empörungsmaschine noch weiter anzuheizen. Es sind die gleichen Menschen, die darüber lamentieren, dass man in Deutschland nicht mehr seine Meinung sagen dürfe und nun wegen des Liedes nach Konsequenzen brüllen. Das Lied ist völlig daneben, ja! Das Ausmaß der Debatte ist es aber auch."

"Westfälische Nachrichten" (Münster): "Es wäre ein guter Vorsatz für 2020, sprachlich abzurüsten – gerade in der Klima-Debatte, auf die der Song im WDR anspielte. Zugleich soll und darf Satire zuspitzen. Sie übertreibt und versteht sich nicht als getreues Abbild der Wirklichkeit. In der Kritik an dem, was uns daran missfällt, gilt ebenfalls das Gebot von Maß und Mitte. Klimaschutz fängt beim geistigen Klima an."

"Nürnberger Nachrichten": "Was den aktuellen Fall aber noch schlimmer macht, ist die Reaktion des WDR. Erst löscht der Sender das Video in vorauseilendem Gehorsam, dann leistet sogar Intendant Buhrow vom Krankenhausbett Abbitte. Ja, man darf das Lied unmöglich finden. In einem Land mit Meinungsfreiheit sollte man es aber aushalten können. Sonst haben all jene gewonnen, die von dieser – und anderen – Freiheiten wenig halten."

"Pforzheimer Zeitung": "Der Liedtext des WDR-Kinderchors gehört in die unterste Schublade. Wer willentlich und wissentlich die Großmutter als 'Umweltsau' beschimpft, hat nicht lange genug nachgedacht und beweist wenig Respekt vor der älteren Generation. Satire hin oder her – der WDR hat ein Eigentor geschossen."

"Frankenpost" (Hof): "In diesem Ton darf die Klima-Diskussion auf gar keinen Fall geführt werden. Gut, der Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Tom Buhrow, hat sich für das grauenvolle Lied entschuldigt, mit dem Großmütter ins Lächerliche gezogen worden sind. Nun hat es binnen weniger Tage gleich zwei derartige Entgleisungen gegeben, und die Urheber verlangen, das unter Satire abzuhaken. Diese Anwürfe gegen die ältere Generation sind allerdings nichts anderes als übelste Polemik. Zum Ausdruck kommt eine unerträgliche Selbstherrlichkeit von Aktivisten, die jegliche Achtung vor anderen Meinungen vermissen lassen. Das führt zu verhärteten Fronten."

"Neues Deutschland" (Berlin): "Konservativ bis Rechtsaußen hat die Vorlage dankend aufgenommen und einen Shitstorm entfacht. Der WDR entschuldigte sich daraufhin öffentlich, kritisierte einen der verantwortlichen Mitarbeiter und löschte das Video. Er versagte damit vollkommen. Dass die Satire weder besonders klug noch witzig war, geschenkt. Natürlich sind Industrie, Energieunternehmen und ihre Lobbyisten sinnvollere Gegner als eine ausgedachte Großmutter, die es in dieser Form ohnehin nur in einigen verbliebenen Mittelschichtblasen geben dürfte. Dennoch hätte der WDR gegen den rechten Frontalangriff im Fahrwasser der Lügenpresse-Hetze Rückgrat beweisen müssen. Stattdessen knickte er jedoch ein. Ganz, als hätte es die medienpolitischen Debatten der vergangenen Jahre nicht gegeben. Unnötiger Geländegewinn für die AfD, verschlechterte Bedingungen für Satire. Das dürfte weder Jung noch Alt gefallen."

wue / DPA / AFP