HOME

"Das Hohe Haus" - Willemsens Bundestag-Kritik: "Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee"

Ein Jahr lang hat Roger Willemsen als Zuschauer die Sitzungen des Deutschen Bundestages beobachtet. "Das Hohe Haus" heißt sein neues Buch. Es ist für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Von Nina Poelchau

Es treten auf: Wiefelspütz und von der Leyen, Pau und Wels und Heil, Schäuble, Künast, Gabriel, Merkel, Meyer und wie sie alle heißen, es geben sich das Mikrofon in die Hand: Die, die alle aus den Talkshows kennen und die, die höchstens der eigene, abgelegene niederbayerische Wahlkreis kennt - welch ein Schauspiel unter der großen gläsernen Kuppel, dem "hohen Haus" in Berlin.

Oben im Rang saß 2013 Roger Willemsen und protokollierte. Manchmal allein, meist umgeben von anfangs ehrfürchtigen, ab und zu dankbar amüsierten, insgesamt bald vor allem ernüchterten Schülern hat er die ganze Zeitspanne über – von Angela Merkels Silvesteransprache 2012 zu Angela Merkels Silvesteransprache 2013 – den Deutschen Bundestag beobachtet. Was dabei herauskam: Ein grandioses Buch.

Viel Gleiches, kaum Ausreißer

Das beschämende Fazit: "Regierungsparteien kontrollieren das Kabinett nicht, vielmehr begleiten sie sein Tun rühmend und dankend. Die Opposition sieht ohnmächtig zu und wird angesichts der langen vergeblichen Arbeit unbeherrschter und böser." Willemsen gruselt es, dem Leser auch. "Ein Leichenschauhaus der parlamentarischen Idee", schreibt der schlaue Zaungast.

Es ist immer wieder, mit seltenen Ausreißern, das Gleiche, was Willemsen, nachdem er sich einmal zum Jahresabonnement entschlossen hat, mit ansehen muss: Abgeordnete, die prophylaktisch und autistisch ihre Kampflinie verteidigen, sich gegenseitig kaum zuhören aber reflexhaft begeistert applaudieren und sich feiern – zum Beispiel, weil ein Fraktionskollege erklärt: "Die FDP ist beim Gülle-Bonus gesprächsbereit", Parlamentarier, die viel mehr routiniert als getrieben von heißer Wut böse Sachen in den Saal rufen, "Unsinn!" "Davon verstehen Sie doch nichts!" "Mann, sind Sie ein primitiver Kerl!" – vehemente Rufe ohne Impetus.

"Die Beleuchtung ist raffinierter als die Rhetorik"

Ach je. Kaum wird hier, folgt man dem Protokollanten, mal etwas offen betrachtet, abgewogen, weiterentwickelt. Es geht um die Performance, der Inhalt stand vor der Sitzung sowieso schon fest, doch die Darbietung ist oft so schlecht, dass Willemsen öfter mal solche Vergleiche anstellt: "Die Beleuchtung ist raffinierter als die Rhetorik". Und doch, so schlimm das alles ist, er beschreibt die Veranstaltungen, in denen nicht weniger als Deutschlands Perspektive verhandelt wird, subtil und ohne derbe Häme, führt federleicht und mit Humor ein doch irgendwie liebenswertes Panoptikum vor, eine realitätsfern vor sich hin werkelnde, geschlossene Gesellschaft.

Man redet, doch keiner hört zu

Solche Szenen sind bezeichnend – für die Gesprächskultur im Saal ebenso wie für die Art der Beschreibungen, die Willemsen liefert: "Bartholomäus Kalb (CDU/CSU) am Rednerpult spricht gerade von seiner Mutter, die immer sagte: "Mit Geld spielt man nicht". Da ist selbst Vizepräsident Wolfgang Thierse in heitere Zwiegespräche vertieft, und die Rede des Abgeordneten versinkt immer tiefer im akustischen Hintergrund. Der Redner röchelt seine Vokale, wiederholt abermals, dass wir mit dem Geld sorgfältig umgehen müssten, wie er selbst, so sagt er, schon oft gesagt habe, deshalb sagt er es noch einmal. Napoleon behauptete einst: Die einzige rhetorische Figur, die ich kenne, ist die Wiederholung. Mancher im Parlament redet, als müsse er Soldaten für den Kampf motivieren."

Nur Linke und Grüne kommen gut weg

Roger Willemsen hat darauf verzichtet, sich auch noch die Ausschüsse anzuschauen, er hat mit keinem Abgeordneten über das Warum und Wieso seines jeweiligen mitunter laienkomödienreifen Beitrages gesprochen, er vertraute den unmittelbaren Eindrücken. Es sind herrliche Bilder dabei.

Sarah Wagenknecht, die in der Sitzungspause draußen herumläuft, empfand Willemsen in ihrem schwarzen langen Fellkragenmantel wie eine "russische Diplomatin im Schnee", Renate Künast wirkte in ihrem blauen Blazer "matrosenhaft", Volker Kauder wie ein "Flegel vom Bolzplatz" oder Katja Kipping: "In ihren abgewetzten Jeans steht sie klein, beteiligt und deplatziert da".

Mit CDU/CSU und FDP sympathisierte Roger Willemsen, kann man unter dem Strich sagen, gar nicht, auch die Vertreter der SPD machen sich auf der Papierbühne, die er seinen Lesern eröffnet, überwiegend lächerlich. Bündnis 90/Die Grünen und vor allem die Vertreter der Linken sind die, die noch am ehesten gut abschneiden: "Die moralisch Aufrechten haben es am Schwersten. Immer müssen sie dasitzen und sich anhören, was ihrem Eintreten für Minderheiten widerspricht."

Das Parlament als Affentheater

Wie sehr die Wahrnehmung des "Hohen Hauses" und das dortige tatsächliche Treiben auseinanderklaffen, Willemsen wunderte sich sehr. Er notierte an einem Tag im April: "Schaut man in die Zeitung, so war heute eine leidenschaftliche, turbulente, heftige Auseinandersetzung um die Frauenquote, saß man dabei, war es ein inszenierter, durchchoreografierter Schwank, aus dem sich einzelne Redebeiträge wie Fontänen erhoben."

Das Parlament gibt ein Affentheater, abgekauft wird ihm ein seriöses Stück – das erinnert ein bisschen an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider", in dem das betriebsblinde, das manipulierte Volk bereitwillig sieht, was gar nicht da ist. Warum dieser Mechanismus über weite Strecken auch in einer Demokratie funktioniert? So hinreißend Willemsen beobachtet, die komische Welt erklären kann er letztlich auch nicht.