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"Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer: Das wahre Alpha-Mädchen

Die "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer hat ihre neue Chefredakteurin Lisa Ortgies nach nur wenigen Monaten Amtszeit gefeuert. Nein, kein Zickenkrieg. Aber die Krise war vorhersehbar. Mit dem "Wellness-Feminismus" der "Neuen deutschen Mädchen" hat Schwarzer nichts am Hut.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Es war schon verwunderlich, als Alice Schwarzer, 65 Jahre alt und zu Recht auf der Suche nach einer Nachfolgerin, die Journalistin Lisa Ortgies, 41, ausführlich lobte: als engagierte Kollegin, als verheiratete Mutter von zwei Kindern, als erfolgreiche Frontfrau im Karrierekampf. Tatsächlich hat die "blondgelockte Frohnatur" ("taz") ihre WDR-Sendung "frau tv" mit einem "fröhlichen, entschlossenen, pragmatischen Feminismus" ("Die Zeit") moderiert und ein paar Bücher zum Thema Geschlechterkampf geschrieben. Und dann sagte sie noch den erfrischenden Satz: "Das Image des Feminismus ist ziemlich abschreckend. Was ihm fehlt, sorry, ist Humor und Sexappeal."

Allerdings lehrte ein Blick auf die Biografie der Neuen erste Zweifel: Lisa Ortgies war noch nie Redakteurin, sie war noch nie Ressortleiterin, sie war noch nie Chefredakteurin. Zudem lebt sie mit Familie in Hamburg und hätte, als Chefin, ständig zwischen Hamburg und Köln pendeln müssen. Das ist ungut. Eine Chefin muss einfach da sein. Darüber hätte Alice Schwarzer länger nachdenken sollen. Hat sie aber nicht. Das deutet darauf hin, dass ihre Wertschätzung für die Neue groß war. Dass aber geschätzte Autoren noch lange keine fähigen Chefredakteure sein müssen, haben auch schon andere Magazine leidvoll erfahren.

Insofern war es noch mal verwunderlich, als Alice Schwarzer dann verkündete, die Einarbeitung der Neuen als Chefin sei gescheitert. "Zu unserem Bedauern eignet sich die Kollegin – die wir als Autorin weiterhin sehr schätzen und gern als redaktionelle Mitarbeiterin mit Standort Hamburg gewonnen hätten – nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin." Das war natürlich unfein. Normalerweise verabschiedet man sich "einvernehmlich" und wünscht ansonsten alles Gute für den weiteren Lebensweg.

"Nehmt uns bloß nicht zu ernst"

Was also ist passiert? Frau Schwarzer hat eine personelle Fehlentscheidung getroffen. Frau Ortgies hat sich überschätzt. Das ist alles. Zudem handelt es sich um ein Blatt mit knapp 50.000 Exemplaren verkaufter Auflage. Das ist nicht viel. Warum dann diese Aufregung im Blätterwald? Wegen Alice Schwarzer. Unser "Sturmgeschütz des Feminismus" (Harald Schmidt) lässt keinen kalt. Seit mehr als dreißig Jahren ist Alice Schwarzer das zuverlässige Hassobjekt alter Chauvis und junger Feministinnen. Die haben ihr neulich den Kampf angesagt.

Die "Alpha-Mädchen" und die "Neuen deutschen Mädchen" sind zwar allesamt um die dreißig, haben sich aber einen Girlie-Infantilismus angeklebt, der von vornherein signalisieren soll: Nehmt uns bloß nicht zu ernst. Wir kämpfen nicht. Denn Kampf macht unfroh, einsam und unbeliebt. "Verluderung des Feminismus, Wellness-Feminismus" schimpfte Alice Schwarzer die neue Nutella-Gang – und damit hat sie gar nicht so unrecht. Aber anders, als sie meint. Wellness heißt nämlich, das die härtesten Schlachten der frühen Jahre geschlagen sind und die Nutella-Gang sich entspannt zurücklehnen kann. Dies dank der unermüdlichen alten Kämpferinnen wie Alice Schwarzer.

Hoch-Risikogeschäft: Die Gründung der Zeitschrift "Emma"

Im Übrigen hindert niemanden den Nachwuchs, alle Jahre wieder einen neuen Feminismus auszurufen. Schon gar nicht Alice Schwarzer. Natürlich werden wir, die Medien, die Frontfrau des Feminismus dazu einvernehmen. Aber gehindert wird die Nutella-Gang an gar nichts. Die gegenwärtige Diskussion erinnert vergnüglich an eine Schriftstellertagung im April 2000 in Tutzing, als die jungen Wilden um Maxim Biller, damals 40 Jahre alt, die alten Säcke aus den Feuilletons fegen wollten: Grass, Böll, Walser, Thomas Mann sowieso. Wieso alte Säcke? Grass war 32 Jahre, als er die "Blechtrommel" schrieb, Böll war 34 mit "Wo warst du, Adam?", Walser war 30, als "Ehen in Philippsburg", herauskam. Thomas Mann war sensationelle 26 Jahre alt, als er die "Buddenbrooks" vorlegte. Und Alice Schwarzer war 33, als sie ihren Bestseller "Der kleine Unterschied" schrieb.

Das Honorar steckte sie 1977 übrigens nicht in ein Penthouse am Rhein, sondern in ein Hoch-Risikogeschäft: die Gründung der Zeitschrift "Emma". Ihre Feinde, darunter viele Frauen, monieren seit Jahren, dass sie in allen Talkshows herumtobt und als erste Wahl gilt, wenn es um das Thema Emanzipation geht. Wer denn sonst? Es gibt nun mal keine andere Feministin, die sich öffentlich so qualifiziert hätte, dass einem auch nur ein einziger Name einfiele – außer eben Alice Schwarzer.

Unsere "Fidel Castra der Frauenbewegung" ("taz") hat sich das alles redlich verdient. Ebenso wie ihre Preise, ihr Bundesverdienstkreuz, ihren Ritter der französischen Ehrenlegion und ihren Bambi. "Ja", sagte jüngst Harald Schmidt in seiner Laudatio auf Alice Schwarzer bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche: "Alice Schwarzer kann nerven. Aber nicht jede, die nervt, hat deshalb schon die Qualitäten von Alice Schwarzer."

Eine "goldhäutige und heitere" Militärdiktatur

Sie gilt als stur, dogmatisch, eine fleißige Arbeitsbiene, dazu fröhlich, humorvoll und medienbewusst. Verwirrend allerdings war Schwarzers Reise nach Birma, in jene asiatische Diktatur, die seit Jahrzehnten das Volk unter der Knute hält. Die Touristin Schwarzer war begeistert von den "goldhäutigen und heiteren Menschen", den Frauen, den Wasserbüffeln, den romantischen Märkten und fürchtete, die ehemaligen britischen Kolonialherren könnten wieder einfallen und ihre alten Häuser besetzen.

So viel Verständnis für eine Militärdiktatur, die sich jüngst weigerte, nach dem verheerenden Zyklon ausländische Helfer ins Land zu lassen, irritierte. Frau Schwarzer sei "dem idyllischen Zauber einer vergangenen Welt verfallen", schrieb Stefan Collignon, Präsident der französisch-birmanischen Gesellschaft. Tatsächlich aber ist Birma, so Collignon weiter, "ein verrottetes Gefängnis für 50 Millionen Menschen, mit eiserner Faust regiert vom Militär". Und Schwarzer sei "eine wahre Freundin der Militärdiktatur". Das ist hart, aber gerecht. Denn so viel Naivität darf einer politischen Reporterin bei allem romantischen Liebreiz in fernen Ländern nicht passieren.

Alice Schwarzer trägt Prada

Und "Emma"? Die Chefin hat angekündigt, man werde weiter eine Nachfolgerin suchen. Die wird es nicht leicht haben. Denn einerseits will Alice Schwarzer ihr Kind aus der Hand geben. Aber andererseits will sie es an der Leine halten. Das ist ein Spagat, den man erst mal schaffen muss.

Von Lisa Ortgies wird man vermutlich noch hören. Ihr wird der Satz zugeschrieben, Konflikte mit dominanten Chefinnen solle man mediengerecht inszenieren und hinterher einen Bestseller draus machen. Nur zu. Das hat bei der amerikanischen "Vogue" bestens geklappt. Die böse Satire auf die Chefin Anna Wintour "Nur der Teufel trägt Prada" war ein Riesenerfolg.