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Autobiografien: Die Indiskreten

Ich, ich, ich! Bohlen, Becker, Raddatz, Naddel - es war das Jahr der Enthüllungen, Entblödungen und Entblößungen, der einstweiligen Verfügungen und verbotenen Texte.

Er trifft den schönen Rudolf in einer Schwulenbar. Er verbringt die Nacht mit ihm in dessen Luxussuite zwischen Orchideenkörben und Obstschalen. Vorm Akt gibt's teuersten Champagner, was denn sonst. Erst am Morgen dämmert es Fritz J. Raddatz, an wem er sich da wie an einer köstlichen Speise delektiert hat: Es war, so schreibt er, Rudolf Nurejew, der russische Jahrhunderttänzer.

Also, Daliah hat er ja schon immer irgendwie megatoll gefunden. Und eines Tages nimmt die ihn mit ins Hamburger "Atlantik" in ihre Suite. Sie ist die erste Frau in seinem Leben, die falsche Dinger hatte. Hier kann der kleine Dieter noch mal richtig was lernen. Denn die absolute Fachkraft, schreibt Bohlen, ist die Sängerin Daliah Lavi.

Harald sitzt nur noch mit diesem leeren Blick da. Eines Nachts hat er sich in Panik durchs Zimmer gekämpft, hat die Gardinenstange runtergerissen, den Sessel umgeworfen und liegt nun hilflos am Boden. Nein, er will nicht zurück ins Bett. Da schläft schon Hildegard Knef, fantasiert er. Und eines Tages findet seine Frau ihn im Bad, wo er versucht, sein Spiegelbild zu rasieren. Es ist der demenzkranke Harald Juhnke, der große Entertainer a. D.

Es war der grosse Auftritt von Verführern und Partyhühnern, Unruhestiftern und Fetenludern, von verfolgten Verfolgern, entschlüsselten Dichtern und Zeitgeistrülpsern. Sie schrieben ungelogen hinter den Kulissen nichts als die Wahrheit, in guten wie in schlechten Tagen.

Viele haben verdient

Big Business auf dem Boulevard der Beichten. Und alle haben in der Windstille der Depression verdient. Die Autoren, die Ghostwriter, die Verleger, die Medien. Und die biografischen Teletubbies von Blubb zu Bohlen verstopften über Monate die Bestsellerlisten, bis kein kluger Kopf mehr hoch kam. So gab es denn auch keinen Platz an der Sonne für den "Unruhestifter" Fritz J. Raddatz. Trotz Hurra und Händeklatschen. Gekränkt? Nein, sagt er, und zündet sich zum Tee die erste Zigarette an. Diese Leute spielen ja in einer ganz anderen Liga. Aber Klatsch und Tratsch gibt es seit Ödipus, ist legitim, hat nur gar nichts mit einem Zeitdokument zu tun oder mit Spiegelungen wie in meinen Buch. Doch wir leben nun mal in einer verkicherten Gesellschaft, sagt Raddatz, und werden irgendwie alle vom Grinszwang in Geiselhaft genommen.

Aber er selbst teilt in seiner Autobiografie auch ganz schön aus, obwohl er die eigene Diskretion als geradzu panisch preist. Macht die Toten klein, damit er Platz hat, der Raddatz. Schreibt, dass Verleger Gerd Bucerius am Ende seines Lebens war, was man im Volksmund "total gaga" nennt. Lässt ein Bürschlein über den lallenden, ewig betrunkenen Augstein und dessen alkoholisierte Illoyalität erzählen. Schreibt, wie bösartig-voyeuristisch der schwule, gerade verstorbene Freund und Schriftsteller Hubert Fichte über ihn, Raddatz, und dessen Schwanzgröße geschrieben hat. Und erzählt vom stern-Chef Henri Nannen, diesem alternden Elefanten mit Hörgerät und nassgekämmtem Weißhaar, der ihm haarklein den Todeskampf seines Nachfolgers Peter Koch geschildert habe.

Wer schreibt, beutet sein Leben aus

Indiskret? Nein, indiskret findet Raddatz das nicht. Was glauben Sie wohl, sagt er, was ich über fast jeden in meinem Buch an Intimitäten hätte schreiben können - ob Ledig-Rowohlt oder Augstein oder Bucerius - wenn ich nicht das Prinzip Diskretion hätte walten lassen.

Wer schreibt, beutet sein Leben aus. Es geht nicht anders. Vor allem, wenn er Romane schreibt. Und je intimer es zugeht, sagt der Autor Joseph von Westfalen, desto größer die Gefahr des Flurschadens. Also: Berufe ändern, Hobbys, Haare, Herkunft, Alter, Aussehen.

Besänftigung der Opfer

Es hilft nicht immer. Als 1913 Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" erscheint, schreibt Laure Haymann einen bitterbösen Brief an den Decadent. Er sei ein Scheusal! Sie habe sich in seiner Odette de Crécy wiedererkannt, dieser Kokotten, die es mit jedem treibt. Und der schwer beunruhigte Monsieur Proust antwortet der chère Madame, die einmal die Geliebte seines Onkels war: Sie sind das Gegenteil von ihr, nämlich reich, geschmackvoll und intelligent. Und überhaupt: Keine seiner Figuren sei erfundener als gerade diese Odette.

Da fragt Prousts kluge Haushälterin den Meister, ob Laure Haymann denn tatsächlich so Unrecht habe? Und er antwortet bekümmert: Jedenfalls will ich nicht, dass sie es glaubt. Und er besucht die gekränkte Dame - die natürlich seine Odette ist - und erklärt und erzählt und beruhigt sie am Ende und sagt dann vergnügt zu Hause: Jetzt ist sie überzeugt, dass sie in meinem Buch überhaupt nicht vorkommt.

Herauslesen, was man herauslesen will

Kommt denn Martin Walser in Martina Zöllners Roman "Bleibtreu" vor? Also das ist natürlich ein Fressen fürs Feuilleton: Der Erstling einer Fernsehjournalistin wird als Schlüsselroman enttarnt; Antonia Armbruster, Fernsehjournalistin, verfällt dem Großschriftsteller und Philosophen Christian Bleibtreu. Er ist älter als ihr Vater und hat geheiratet, als sie geboren wurde. Sieht doch schon ganz nach richtigem Leben aus. Und im richtigen Leben hat Martina Zöllner einen preisgekrönten Film zu Walsers 70. gedreht. Na bitte. Und nun also der Meister und Martina.

Das reicht, um herauszulesen, was man rauslesen will aus dieser Affäre zwischen Flügen, Zügen, Handy, Mailbox und Sex in Hotelzimmern, in denen das Drama von Liebe, Lust und Leidenschaft in Eifersucht und Hasstiraden explodiert. In Zeiten der Schandmaulliteratur rutscht dabei die Begabung der Autorin ins Abseits. Ja, ja, schreiben kann sie, aber alle wollen nur noch wissen: Hatten der Alte und das Mädchen was miteinander? Und das enttäuscht Martina Zöllner zutiefst, weil ihr Buch, an dem sie fünf Jahre gearbeitet hat, nun, wie sie sagt, zum Gesellschaftsspiel dieser Biller-Bohlen-Saison wird und die Literatur dabei zur Oberflächenkosmetik der Wirklichkeit absackt. Und sie hat keine Lust, mehr dazu zu sagen. Die Entschlüsselung von Bleibtreu in der Zeitschrift "Literaturen" hält Martin Walser schlicht für einen Auftrag von Sigrid Löffler, der Chefin des Blattes. Das Buch hat ihm gut gefallen. Alles andere ist der reine Blödsinn, und die Autorin tut ihm richtig Leid.

Walser: Ein Autor darf, was er kann

Wir sitzen bei Wasser und Whisky und reden darüber, was ein Autor darf. Was er kann, sagt Walser. Peinlich ist nur, was schlecht geschrieben ist. Aber dieses Wer-ist-wer-Spiel, dieses Dechiffrieren macht den Leuten wohl Spaß. Nicht der Roman interessiert, sondern der Schlüssel zu den Figuren. Dabei ist es doch völlig klar, sagt er, dass man für einen Roman alles um sich herum besinnungslos mitnimmt. Die Inspiration kommt ja nicht von oben. Die hol ich mir gierig von überall her. Und wenn ich Kafka lese, finde ich mich dort wieder. Und wenn ich Dostojewskij lese, auch. Und wer ist Bleibtreu? Ich bin es jedenfalls nicht, sagt Walser. Ist doch lächerlich. Aber in seinem "Tod eines Kritikers" vom vorigen Jahr ist der vermeintlich gemordete Großkritiker André Ehrl-König Marcel Reich-Ranicki. Und der ist noch immer schwer beleidigt. Hat gerade mal wieder festgestellt, dass Walser unter allen lebenden deutschen Schriftstellern der eitelste ist, der sein Talent zerstört hat und auf Krawall und Skandal aus ist.

Liebes- oder Kriegserklärungen

Ach, Reich-Ranicki! Er hat nie begriffen, dass ich ihn in meinem Buch zu einer Mega-Existenz gemacht habe, sagt Walser. Zu einer Figur wie Cäsar, Chaplin oder Franz Josef Strauß. Es war eine Liebeserklärung, die ich ihm geschrieben habe. Und er hat sie für eine Kriegserklärung gehalten. Für Hass. Aber aus Hass, sagt Walser, kann ich nicht schreiben. Es ist der Roman einer Liebe. Wirklich. Aber es gibt ja auch missglückte Lieben.

Und er lagert da auf der Bank mit elegischem Blick, links den Whisky, rechts "Meßmers Reisen", sein neues Buch, aus dem er gleich vor ausverkauftem Saal lesen wird. Eine Spiegelung seiner selbst. Ich bin der Hauptbahnhof der Probleme, sagt sein Alter ego dort: Vorsicht an Gleis zwei, es fährt durch die Liebe, die hier nicht hält. Von solchen Eingebungen, Grübeleien und Bildern bleiben Bohlen und Effenberg verschont. Kennt Walser ihre Bücher? Er hat sich die beiden neulich am Flughafen gekauft, sagt er, weil die da wie Weltwunder ausgestellt waren. Also die donnern ihr Selbstbewusstsein ja nur so auf die Seiten, sind unbeleckt von Skrupeln. Und wir, sagt Walser, solche zerknirschten Knechte wie Meßmer, lesen das und denken: Dieses Freche, dieses Strahlende möchte ich auch mal bringen.

Effenberg rülpste sich durch die Buchseiten

Sie haben das Buch gekauft! Gut! So beginnt Stefan Effenberg den Einblick in sein - wie er schreibt - Seelenleben..., denn jetzt haben sie einen Klassiker in der Hand. Klar. Seine Autobiografie erscheint ja bei der Tochter des Aufbau-Verlags, wo Lion Feuchtwanger, Anna Seghers und Christa Wolf erscheinen. Sprachgewaltig die einen, und der andere tut der Sprache Gewalt an. Ballermann 10 mag sich nicht von Girlies reinlegen lassen. Also legt er sich einen Bodyguard zu, der solche Leute direkt in die Tonne haut.

Ein Rüpel rülpst durch die Buchseiten. Matthäus ist für ihn ein echter Verpisser, und immer gibt's irgendwo Krawall ohne Ende oder Affentheater oder Riesenzoff, und wenn er selbst zu kräftig getankt hat, muss er ordentlich über der Kloschüssel abhängen, um zu kotzen. Der Zoten-König im Memoirenmüll - cholerisch, plebejisch, rabiat.

Bohlen lässt das Schreiben nicht

Mensch, gebt den Leuten doch, was sie haben wollen, trompetet Dieter Bohlen, die sind doch viel schlauer, als wir glauben. Das ist die alte Weisheit von Millionen Fliegen, die sich nicht irren. Und so lässt denn auch der Bohlen das Schreiben nicht. Schließlich hatte er nach seinen Abenteuern mit Naddel, Verona und dem doppelten Penis-Bruch noch eine Menge geiler Sätze übrig.

Und wieder bommeln die Busen, oder hässliche Silikon-Dinger verderben die Lust im Lotterbett. Und Jenny Elvers trinkt, bis sie ihr Party-Luder-Abfüll-Level erreicht hat. Und Jens Riewa klebt abends wie Kaugummi in der "Sturmhaube" von Sylt. Und wenn irgendwelche Spastiker den Bohlen mit Business-Müll volltexten, knallt er ihnen seinen Standardsatz um die Ohren: Quatsch deinen Scheiß in die Tüte, und stell die draußen ab!

So ein armer Promi ist ja auch nie allein. Dauernd dackeln ihm irgendwelche Fetenmäuse hinterher, und die sind nicht immer so erfrischend wie Partyhuhn Nr. 1, das einen Abend lang erzählt, warum wer mit wem gerade bumst und wie das war. Aber, schreibt Bohlen, mit Eva Herman war ich nicht in der Kiste.

Klagen über Klagen

Nie hat es im Partystaat Knuddelnaddeldei so viele Verbote gehagelt wie in diesem Jahr, und nie sind so viele Texte geschwärzt und geweißt worden. Klagen von Elvers, Riewa, Herman plus Freund. Wegen Einbruch ins Privatreich und Intime. Herbert Grönemeyer verklagt einen unerwünschten Biografen wegen Verletzung der Persönlichkeits- und Urheberrechte. Maxim Billers Roman "Esra" wird gleich zweimal - also auch nach diversen Korrekturen - gerichtlich verboten, weil sich die Ex-Geliebte samt Mutter wiedererkannt hat.

Intimsphäre verzweifelt gesucht

Was also darf ein Autor nicht? Die Intimsphäre verletzen, sagt der Anwalt Michael Nesselhauf, der Mario Adorf, die Begum, Kanzler Schröder und viele andere Prominente vertritt. Die ist absolut geschützt. Für alle. Es sei denn, einer gibt sie selbst preis. Und Susanne Juhnke? Sie schreibt, wie ihr kranker Mann durchs Haus irrt und die Kameras sucht, weil er glaubt, er sei im Film. Schreibt, wie seine Schuppenflechte schlimme, rote, wunde Stellen hinterlässt, wie er im Wald ein Tänzchen wagt, zu Hause auf eine Mohrenskulptur einredet und seiner Ärztin einen Tritt versetzt.

Das ist unzulässig, sagt Nesselhauf. Auch wenn Susanne Juhnke sagt, sie wollte mit ihrem Buch ein Tabu brechen. Juhnke selbst hat in seinem Leben genug Peinliches öffentlich gemacht. Jetzt noch die traurigen Wahrheiten des prominenten Kranken zu beschreiben, der nichts mehr versteht und sich nicht mehr wehren kann, ist ein klarer Verstoß gegen die geschützte Privatsphäre, sagt der Anwalt.

Kunst ist auch nicht ganz frei

Und was ist mit Billers "Esra"? Das Buch ist ein Roman, also ein Kunstprodukt. Und die Kunst ist frei. Richtig, sagt Nesselhauf. Aber Biller hat die Freiheit der Kunst nicht genutzt. Er schreibt über eine Türkin, die den alternativen Nobelpreis bekommen hat. Damit lässt er der realen Türkin mit dem alternativen Nobelpreis doch keine Chance mehr zu glauben, sie sei nicht gemeint. Und die reale Türkin ist die Mutter von Billers realer Ex-Geliebten, die im Roman als Esra zu erkennen ist. Er hat es den Klägerinnen mit ihrer einstweiligen Verfügung leicht gemacht. Denn der Autor ist mit den Sex- und Eros-Szenen und den Liebespraktiken seiner - wie er schreibt - kleinen Sklavin Esra in die Intim- und Privatsphäre eingedrungen. Und das geht nicht, sagt Nesselhauf. Das Recht einer Unbekannten, unbekannt zu bleiben, steht hier über dem Grundrecht der Kunstfreiheit.

Hemmungslose Literaturgeschichte

Gegen dieses Recht ist natürlich in der Literaturgeschichte immer wieder verstoßen worden. Ausgerechnet der Jurist Goethe schert sich einen Teufel um die Intimsphäre von Charlotte Buff. Er ist schwer verliebt in die bereits Verlobte, besucht sie täglich, bedrängt sie, küsst sie auf den Mund, was die gleich ihrem Zukünftigen beichtet. Und der nimmt sich Goethe zur Brust und sagt ihm, er solle sich mal keine Flausen in den Kopf setzen. Da flieht der gekränkte Dichter aus Wetzlar, labt sich an seinem Leid und schreibt seinen "Werther", den Bestseller des 18. Jahrhunderts. Lotte nennt er darin beim echten Namen, und sie ist entsetzt, als sie das Buch von ihm bekommt. Auch Gerhart Hauptmann ist wütend über sein entschlüsseltes Konterfei, den Mynheer Peeperkorn in Thomas Manns "Zauberberg". Dieser wildgewordene Holländer war ganz eindeutig er, und Hauptmann schrieb an den Rand seines Leseexemplars: Blödsinn und Geblök und dieses idiotische Schwein soll Ähnlichkeit mit meiner ... Person haben? Aber den Roman fand Hauptmann doch toll. Und Thomas Mann wand sich sogar einen Entschuldigungsbrief ab. Und am Ende verkehrte man wieder miteinander.

Die wiedererkannte Gönnerin

Es gibt bei Fritz J. Raddatz ein Kapitel, das heißt: Auftritt der Mondänen. Er beschreibt darin wie in einem Zerrspiegel seine ehemalige Freundin, eine Kunstmäzenin, an deren inszenierten Tafeln er oft gesessen, so brillant eindeutig und bitter bösartig, dass die Enttarnung ein Kinderspiel ist. Schreibt, wie er mit ihr durch New York kurvt und durch Paris, wie sie in den Skiurlaub fahren, wo sie den Prominentenlift nimmt und ihn im Schnee stehen lässt. Sie ist steinreich und feilscht, ignoriert seine Geschenke, lässt ihn im Restaurant zahlen, herrscht das Personal an. Und der arme Raddatz läuft ihr so lange hinterher, bis er erkennt, wie ein intelligenter und musischer Mensch vom Geld total zerfressen wird.

Rezensionen dürfen das Geheimnis nicht enträtseln, findet der Autor

So ist denn die Schaumgebieterin aus Düsseldorf in vielen Rezensionen seines Buches beim Namen genannt worden. Und das findet Raddatz unlauter. Wenn ich dem Leser ein kleines Geheimnis anbiete, dann dürft ihr nicht sagen, wer sie ist. Das ist unreinlicher Journalismus. Könnte er sich vorstellen, auch einen Entschuldigungsbrief an die Dame zu schreiben? Ja, das könnte er sich vorstellen. Aber: Wer immer meine Mondäne auch ist, sagt Raddatz, es gibt ja viele elegante und wohlhabende Frauen. Es könnte also auch Liz Taylor sein oder Jackie Kennedy. Sicher, wenn er sie denn gekannt hätte.

Ich habe die Raddatz-Lesung in Hamburg miterlebt, sagt Anwalt Nesselhauf. Ein hoch vergnügtes Publikum hörte die Geschichte der Mondänen. Und jeder im Saal wusste, wer damit gemeint war. Ich hätte ihm geraten, das ganze Kapitel zu streichen. Bei dem Text hilft kein Anonymisieren. Raddatz stellt seine einstige Gönnerin bloß und verletzt damit eindeutig ihre Privatsphäre. Jedes Gericht würde ihr Recht geben, sagt er. Doch in den Kreisen schweigt man lieber.

Der Fall Mephisto

Gustaf Gründgens hat nicht geschwiegen. Er und später sein Adoptivsohn haben gegen Klaus Manns "Mephisto" gekämpft, geklagt und gewonnen. Der Roman wurde verboten und durfte viele Jahre in Westdeutschland nicht verlegt werden. Warum? Weil die Figur des Schauspielers Hendrik Höfgen dem Schauspieler Gustaf Gründgens wie ein Spiegelbild gleicht. Weil Höfgen im braunen Sumpf der Nazis ein mieser, feiger Mitläufer ist. Weil Homosexualität angedeutet wird und Höfgen sich von einer schwarzen Domina schlagen lässt. Für Klaus Mann, der den Roman im Exil schrieb, ist die Figur der Prototyp eines Karrieristen im Dritten Reich. Aber er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seinen ehemaligen Schwager meint, Mephisto-Gründgens.

"Mephisto, du kriegst mich nicht!"

Betrachtet man also heute die Verbote von Biller und anderen, sagt Nesselhauf, dann stimmt das Mephisto-Urteil noch immer. Dann schützen die Richter eher das Persönlichkeitsrecht, als dass sie sagen: In dubio pro arte. Aber wer, fragt Dieter Bohlen, wer um Himmels willen will denn heute noch diese alten Klabautermänner lesen? Er hat sie in der Schule schon gruselig gefunden. Und am Strand von Mallorca hat er auch noch nie jemanden mit einem seiner alten Kollegen gesehen - mit Goethe, Lessing oder Schiller. Aber viele Leute lasen in seinem Buch. Und die, sagt er, sahen alle echt megazufrieden aus.

Bohlen würde sich umgucken, wenn er den Kollegen Boris Becker lesen sollte. Der holt sie nämlich alle wieder raus aus der Klamottenkiste. Fängt seine Autobiografie sogar mit Goethe an. Ringt sozusagen als Faust mit dem Teufel. Na ja, der ewig Suchende. Ist doch auch mit Gretchen in die Kammer gegangen. Und Becker endet seinen "Prolog" mit dem Satz: Mephisto, du kriegst mich nicht!

Das kann man ihm schon glauben, wenn man liest, dass er im Casino von Monte Carlo an Dostojewskijs "Spieler" denkt und gar nicht so sehr an Gewinn und Verlust. Und wen hat er nicht alles gelesen! Max Frisch und Günter Grass, Norman Mailer und Martin Walser, Erich Kästner und John Steinbeck. Und Tom Wolfe. Laotse natürlich auch. Und Goethes Gespräche mit Eckermann. Jawoll. Auf dem Center-Court.

Auch Naddel war ein Bücherwurm

Auch Nadja Abd El Farrag will ein Bücherwurm gewesen sein, als sie noch mit Dieter Bohlen zusammenlebte. Hat dauernd, wie sie sagt, Reiseberichte gelesen. Aber wenn Dieter mich dabei erwischte, war er sauer und sagte: Vom Lesen wird man nur blöd. Hast du nichts Besseres zu tun? Und dann fuhr er mit dem Finger oben über die Tür. Da ist ja noch Staub! So ging das. Und das hat sie sich nun von der Seele geschrieben. Ungelogen.

Hat geschrieben, wie sie seine Putze wird, ihm die Fußnägel schneidet, die Fingernägel feilt und die grauen Haare mit der Pinzette ausrupft und für ihn kocht. Und wie er abends blau nach Hause kommt und Sex verlangt und sie irgendwann finito sagt und dann doch wieder wie ein Dackel hinter ihm herrennt. Eine Lust-Sklavin also.

Dem Buch folgt die Talkshow

Und wie bei all diesen Boulevard-Büchern wird gleich nach ihrem Erscheinen die nächste Rakete gezündet: die Talkshow. Beckmann will Naddel haben. Unbedingt. Sie weiß nicht. Und sagt dann zu, weil sie eben nicht nein sagen kann. Und Beckmann schreibt an die liebe Nadja: Der Gedanke an einen völlig unbeteiligten Zuschauer namens Dieter B. zu Hause vorm Fernsehgerät bereitet mir schon jetzt Freude. Die Freude wird wohl eher auf Bs Seite gewesen sein. Der konnte nämlich beobachten, wie Herr Beckmann nach freundlichem Anlauf den Macho spielte, wie er genau seine, Bohlens, Rolle übernahm, böswillig und ungezogen, konnte sehen, wie er die Kanone stopfte - und auf einen Spatzen schoss.

Alles Fakt, nichts Fiktion

Die Maulhelden aus dem Medienwald werfen ihre Regenbogenware auf den Grabbeltisch der Banalität. Nichts ist mehr zu enträtseln und zu erraten. Alles ist Fakt, nichts ist Fiktion. Sie knallen den hysterisierten Lesern ihre ungelogenen Wahrheiten nur so um die Ohren: ihre Schwanzbrüche, ihre Potenz, ihre Silikonbeutel. Doch eine Lebensgeschichte, schreibt der Schriftsteller Elias Canetti, ist geheim wie das Leben, von dem es spricht. Erklärte Leben sind keine gewesen.

Aber sie verkaufen sich, diese Gefühls- und Körperblößen. Uff, schreibt Verona Feldbusch im Vorwort zu ihren durchgedrehten Hormonen, uff - Sie werden meine intimsten Gedanken erfahren. Und plauscht und plappert über platzende Brüste, Glückshormone und die Nacht der Empfängnis: In einem Fünf-Sterne-Hotel mit Meerblick und turboschnellem Ventilator am Neujahrsmorgen unterm Moskitonetz wird der künftige Murkel in einer Stimmung, die irgendwie casablancamäßig war, obwohl sie doch in Cancun sind, angesetzt. Der Gatte in spe etwas bleu, und das hat die Verona, wie er sagt, schamlos ausgenutzt. Uff.

Daniel Küblböck, der Superheini von RTL, denkt viel nach und fragt sich dann, ob einer erwachsen ist, der seinen Penis in eine Frau steckt. Und ob das jeder tut. Und ob das Liebe ist. Und was die vielen Männer in Mamas Schlafzimmer machen, wo all die Pornoheftchen rumliegen. Das war's, das Jahr der literarischen Hochstapler, der Trash&Crash-Finken, der indiskreten Profiteure, der langen Messer zwischen Pappdeckeln. Auch das Jahr der neuen Inhalte: von Schoko-Popos, Klo-Gesprächen und Eier-Sprüngen, von Miez und Wuff und Schuppenflechten und hammerharten Sex-Rezepten. Es war das Jahr der kulturellen Endmoräne.

Birgit Lahann / print