Buchmesse Frankfurt "Die Feuchtgebiete sind harmlos dagegen"


Die Türkei präsentiert sich als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Seit Jahren bringt Verlegerin Beatrix Caner türkische Literatur auf den deutschen Markt. Im stern.de-Interview spricht sie über Bestseller, den Heißhunger auf Krimis und erotische Literatur in dem muslimischen Land.

Frau Caner, bei türkischer Literatur denken die meisten deutsche Leser an Orhan Pamuk...

Dabei ist Pamuk in der Türkei unter Kritikern nicht sehr beliebt, weil er kein besonders gutes Türkisch schreibt - er hat ja lange in New York gelebt. Aber er verkauft sich gut.

Warum können sich andere Autoren hier nicht durchsetzen?

Allein in diesem Jahr kommen über 200 türkische Titel auf den deutschen Markt. Doch die sogenannte Gastarbeiterliteratur, die hier in den siebziger Jahren sehr "in" war, ist inzwischen ganz weg - was auch an der mangelnden Qualität liegt. In Deutschland wurde lange Zeit nur diese politische Literatur übersetzt, so dass immer noch das Bild des rückständischen Agrarlandes mit wenig Menschenrechten und benachteiligten Frauen vermittelt wird. Diese Bücher aber haben die Leser gründlich satt.

Wird sich das mit dem Buchmessenschwerpunkt Türkei ändern?

Endlich einmal hat man jetzt Literaten aus der "ersten Reihe" übersetzt. Zum Beispiel Ahmed Hamdi Tanpinar (1901-1962), den "türkischen Joyce", der bei Hanser mit seinem Roman "Das Uhrenstellinstitut" erscheint. Oder Mario Levi, der in "Istanbul war ein Märchen" (Suhrkamp) sehr poetisch das jüdische Leben in der Stadt beschreibt. Die beiden Autoren waren längst fällig. Niemand liest schließlich ein Buch, nur weil es aus dem Türkischen übersetzt wurde.

Sondern?

In der türkischen Literatur gibt es zum Beispiel eine mystische Ader, die einem auch im Alltag helfen kann. Ich denke an unseren Autor Sadik Yalsizucalar, der in seinem Buch "Der Wanderer" die Lebensgeschichte des berühmten islamischen Philosophen Ibn Arabi nachzeichnet. In der Türkei ist eine starke Bewegung zur religiöser Literatur da. Nach der Bankenkrise und den Umweltkatastrophen wird man sich wieder stärker für philosophische Fragen interessiert. Und das ist auch ein wichtiger Teil der türkischen Literatur. Ein Beispiel wäre Bilge Karasu mit seinem Roman"Die Nacht".

Nennen Sie doch einmal ein paar türkische Bestseller...

Einer der populärsten Autoren ist Osman Aysu, der Science Fiction und Thriller schreibt und drei bis vier Bücher im Jahr veröffentlicht. Ansonsten gibt es viel Herz-Schmerz, Mystik und Astrologie, seit ein paar Jahren auch Magie in jeder Form. "Harry Potter" und "Herr der Ringe" waren in der Türkei ein großer Erfolg. Insgesamt wurden laut Branchenreport im vergangenen Jahr für 810 Millionen Euro Bücher verkauft, bei 5700 Neuerscheinungen.

Wie steht es mit den Krimis?

Erst seit dem letzten Militärputsch 1980 gibt es in der Türkei auch Krimis. Bis dahin ist vor allem politische Propagandaliteratur erschienen. Nach ein paar Jahren Windstille hat sich Mitte der achtziger Jahre ein völlig neuer Buchmarkt entwickelt. Die meisten Verlage waren pleite, viele Autoren publizierten gar nicht mehr. Dafür gab es plötzlich neue Themen: Sachbücher, Computer. Die linksgerichtete Literatur war gar nicht mehr gefragt. Dafür war da ein großer Hunger auf Bücher, die sich nicht in der eingefahrenen Schiene bewegten.

Entwickelt sich in der Türkei auch ein Hype um junge Autoren, wie in Deutschland etwa um "Fräuleinwunder" wie Judith Hermann?

Das ist kein Neuland. Manche Autorinnen haben schon vor Jahren ziemlich freizügig geschrieben. Sie schreiben über rebellische oder ungewöhnliche Frauen. Manche lesen das als Ersatz für erotische Literatur.

Gibt es das denn: Erotische Literatur in der Türkei?

Das ist ein grauer Markt. Solche Bücher werden nicht im Buchhandel verkauft, sondern an einer Art Kiosk. Man bekommt sie, wenn man danach fragt, oder den Besitzer kennt. Erotik ist nicht verboten, aber der Umgang damit ist noch sehr prüde. Auch Sexclubs sind nach außen hin nicht so deutlich zu erkennen.

Wäre ein Roman wie Charlotte Roches "Feuchtgebiete" in der Türkei denkbar?

Das wäre sicherlich ein riesiger Verkaufserfolg. Und wenn es dann alle gelesen haben, würde sich einige Kritiker hinterher aufregen.

Kennen Sie ein vergleichbar freizügiges Buch in der Türkei?

Die Autorin Pinar Kür hat einen Roman geschrieben, in dem es um eine Prostituierte geht, die ihren Freier umbringt. In der Gerichtsverhandlung werden dann die Sexfantasien aller Beteiligten geschildert - da sind die "Feuchtgebiete" harmlos dagegen. Die Autoren sind also gar nicht so prüde, die Strukturen sind nur noch ein bisschen bigott.

Wie steht es allgemein mit der Zensur? Immerhin werden immer wieder Autoren angeklagt.

Eine Zensur gibt es nicht mehr. Allerdings existiert eine Gruppe rechtsgerichteter Juristen, die immer wieder gegen Autoren vorgeht. So wie bei Elif Shafak, die wegen "Verleumdung des Türkentums" angeklagt wurde. Die Prozesse gehen aber nicht vom Staat aus und die Autoren werden freigesprochen. Sie werden dadurch sofort weltweit bekannt.

Abseits der bereits namhaften Schriftsteller: Welche jungen türkischen Autoren sollte man ihrer Meinung nach lesen?

Zum Beispiel Kücük Iskender. Er schreibt frivole Gedichte. Kücük ist ein echter Rebell, er stammt aus einer wohlhabenden, adligen Familie, mit der er gebrochen hat und lebt in einer alten Fabrik. Seine Gedichte verfasst er zum Teil in perfekten Hexametern. Oder Yigit Deger Bengi, Jahrgang 1977, ein studierter Kunsthistoriker und gelernter Programmierer. Eine seiner Erzählungen behandelt die Ausplünderung des archäologischen Museums im Irak, da kombiniert er Weltliteratur mit Zeitgeschehen.

Haben Sie noch einen Geheimtipp zum Schluss?

Die Essayliteratur, zum Beispiel die Texte von Nurdan Gürbilek, Professorin für englische Literatur an der Amerikanischen Universität in Istanbul. Uns entgeht hier die gesamte gesellschaftskritische und philosophische Denkbasis türkischer Intellektueller. Umgekehrt ist Deutsch in der Türkei immer noch die Sprache der Gastarbeiter. Böll und Brecht sind beliebt. Aber Grass ist kein Gesprächsthema für türkische Intellektuelle. Da müsste im Kulturaustausch viel mehr getan werden. Die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder sind schließlich hervorragend, da könnte die Wirtschaft auch einmal etwas für die Kultur tun.

Interview: Tanja Beuthien


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