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Das Sakrileg: Jesus war auch nur ein Mann

Ein Mord im Louvre, geheime Sekten, ein historisches Komplott und der Heilige Gral: Mit einem ketzerischen Krimi verärgert Bestseller-Autor Dan Brown die Kirche - und begeisterte in den USA sechs Millionen Leser. Nun erscheint sein haarsträubend spannender Roman Sakrileg auch bei uns

Auf Seite 342, gut halbwegs bei der Jagd nach dem Heiligen Gral, gehen die beiden Oberjäger, der skurrile - also britische - Geschichtsgelehrte Teabing und der allwissende - also amerikanische - Harvard-Professor Langdon, in die Vollen. "Christus und Maria Magdalena müssen ein Kind gehabt haben", sagt Langdon lächelnd zur charmanten Französin Sophie, der Dritten im Bunde, die "wie vom Donner gerührt" dasteht. "Die größte Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit", sekundiert Teabing dem Kollegen, "Jesus Christus war nicht nur verheiratet, er war auch Vater."

Jesus Menschenvater, nicht Christus Gottessohn? Und dann auch noch der Gatte von Maria Magdalena, der reuigen Hure des Neuen Testaments? Ganz schön heftig, was der Amerikaner Dan Brown in seinem neuen Thriller "Sakrileg" seinen Lesern und der katholischen Kirche zumutet. Erstere sind von Browns These entzückt - in den USA hat sich das Buch bisher fast sechs Millionen Mal verkauft, nun kommt es auch in Deutschland höchst bestsellerverdächtig auf den Markt. Vordergründig geht es im "Sakrileg", das in den USA unter dem Titel "The Da Vinci Code" lief, um die Aufklärung eines Mordes. Der Kurator des Louvre wird in seinem Blute liegend aufgefunden. Doch auf der Suche nach Täter und Tatmotiv dringen die Helden in die Abgründe der Kirchengeschichte vor. Sie werden mit der obskuren Welt der katholischen Geheimorganisation Opus Dei konfrontiert. Sie setzen sich mit Leonardo da Vincis rätselhafter Bildersprache, Aufstieg und Untergang des Templerordens auseinander und landen schließlich bei Maria Magdalena als Gattin von Jesus Christus. Die Kirche, so Dan Brown, sei selbst schuld, wenn er jetzt Christus mit schwerem Geschütz vom Himmel holen muss. Habe sie doch vor nunmehr fast 1700 Jahren aus Jesus von Nazareth, einem "sterblichen Menschen", den Sohn Gottes gemacht.

Laut Brown war ihr Werkzeug Konstantin der Große. Dieser erste prochristliche römische Kaiser rief 325 das Konzil von Nicäa ein und ließ die versammelten Bischöfe per Abstimmung die Göttlichkeit von Jesus beschließen, obwohl, wie Teabing im Roman doziert, "Tausende von Niederschriften existierten, in denen Jesus als normaler Sterblicher geschildert wird". Dann habe der Kaiser die Quellen über das Leben Jesu bereinigen lassen: "Konstantin gab eine neue Evangeliensammlung in Auftrag, die er obendrein finanzierte. In diese Sammlung durfte keine jener Darstellungen aufgenommen werden, in denen Jesus als Mensch gesehen wurde, während alles, was ihn in ein göttliches Licht rückte, besonders hervorzuheben war. Die früheren Evangelien wurden geächtet, konfisziert, verbrannt."

Was übrig blieb, waren die vier heute für alle christlichen Kirchen allein gültigen Berichte von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Konstantin hatte eine Staatsreligion. Aber deren Oberhaupt Jesus Christus war keine Konkurrenz für seine absolute Herrschaft: Ist doch das Reich des Gottessohnes ausdrücklich nicht von dieser Welt.

Doch wie bei "Asterix" ein kleines, tapferes Dorf in Gallien der Allmacht Cäsars trotzt, so gibt in Browns "Sakrileg" eine auserwählte Schar aufrechter, wissender Menschen die unterdrückte Wahrheit über den irdischen Jesus und seine Maria Magdalena von Generation zu Generation im Geheimen weiter bis in unsere Tage. Das ruft, wie anders, finstere Mächte auf den Plan, die auch nicht vor Mord zurückschrecken.

Wie es sich für gefährliches Geheimwissen gehört, haben seine Hüter es verschlüsselt und versteckt, verkleidet und vergraben. Es bedarf daher dreier eminenter Geister - Langdon, Teabing, Sophie -, um nach einer kabbalistischen Schnitzeljagd durch halb Frankreich und Großbritannien sowie durch die esoterischen Lehren der Antike und des Mittelalters endlich die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Der Autor dieses Religions-Krimis, der schon mit seinem Geheimbund-Thriller "Illuminati" fast ein Jahr lang in der stern-Bestseller-Liste war, sieht gar nicht nach einem Liebhaber unsichtbarer Tinten, prähistorischer Fruchtbarkeitsrituale oder raunender Zahlenmystik aus. Dan Brown läuft oft und gern Schlittschuh, hat beim Tennis Probleme mit der Rückhand und schreibt nicht zur Geisterstunde, sondern am liebsten am frühen Morgen ab fünf Uhr. Dazu fährt der 37-Jährige von seinem Haus an der Küste von New England zehn Meilen zu einer nüchternen Dichterklause im Nachbarort. Kein Telefon, kein E-Mail-Anschluss, keine Ablenkung. Dafür diszipliniert sechs bis sieben Stunden am Computer, wo ihm die Texte nicht genialisch herausrutschen, sondern Tag für Tag mühsam erkämpft werden: "Ich schreibe für jede Seite, die gedruckt wird, zehn andere, die ich wieder wegschmeiße."

Bereits der kleine Dan war Rätseln und Geheimnissen zugetan. "Mein Vater ist Mathematikprofessor. Bei uns lagen an Weihnachten die Geschenke nicht einfach unter dem Christbaum. Sie waren versteckt. Vater verschlüsselte den Fundort in Bilder- oder Zahlenrätseln, die mussten wir knacken." Nach dem College studierte Brown zwei Jahre Kunstgeschichte in Sevilla: "Mich faszinierte immer, wie viele Informationen Künstler in ihren Werken versteckt weitergaben. Zur Zeit der Renaissance etwa konnte man nicht einfach laut verkünden, was man glaubte. Sonst endete man sehr leicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen." Browns historisch durchtränkter Thriller wurde inzwischen in 40 Länder verkauft. Die "New York Times" lobte ihn als "anregend, geistvoll und spannend". Der Londoner "Guardian" hingegen verriss das Buch als "ein paar hundert Seiten von ärgerlich fesselndem Quatsch". Und die katholische Kirche ist natürlich entrüstet. "Browns Buch gibt fälschlich vor, wissenschaftlich korrekt zu sein, und infiziert so die Leser mit heftiger Feindseligkeit gegen die katholische Lehre", klagt die Kirchenzeitschrift "Crisis".

"Alle in diesem Roman erwähnten Dokumente sind wirklichkeits- und wahrheitsgetreu wiedergegeben", versichert der Autor auf den ersten Seiten von "Sakrileg". Das stimmt. Doch über die Glaubwürdigkeit der zitierten Quellen sagt dieser Satz noch nichts aus (auch der stern hat 1983 die Hitler-Tagebücher korrekt wiedergegeben; nur echt waren sie nicht). Und offen bleibt, wie freizügig Brown mit den "wirklichkeitsgetreuen Dokumenten" umgeht. "Er hat einfach ein paar Samenkörner historischer Wahrheit genommen und aus ihnen dann fantastische Blüten treiben lassen", urteilt der US-Religionshistoriker Christopher Bellitto.

Nehmen wir als Beispiel Maria Magdalena. Tatsächlich gibt es Texte aus frühchristlicher Zeit, in denen die reuige Sünderin nicht als eine von mehreren Frauen im Gefolge des Heilands, sondern als dessen engste "Gefährtin" dargestellt wird. Diese Texte nennt man "apokryphe" - verborgene - Bücher oder kurz Apokryphen. Einige dieser Schriften wurden erst im vergangenen Jahrhundert wieder entdeckt. Der wichtigste Fund waren 13 Pergamentrollen in einem Tonkrug, die 1945 in Oberägypten gefunden wurden.

Diese Rollen enthielten unter anderem bis dahin unbekannte Berichte über das Leben Jesu in koptischer Sprache und reichen mit großer Wahrscheinlichkeit bis ins zweite Jahrhundert nach Christus zurück. In einer dieser Apokryphen, dem so genannten Philippus-Evangelium, heißt es: "Die Gefährtin Christi ist Maria, die aus Magdala. Der Herr liebte Maria mehr als alle Jünger, und er küsste sie häufig auf den Mund. Als die Jünger das sahen, sagten sie ihm: "Warum liebst du sie mehr als uns alle?"" Ein anderes Textfragment spricht sogar direkt von geschlechtlicher Vereinigung der beiden. Dan Brown leitet daraus ab, Maria Magdalena sei die Ehefrau Christi gewesen und das Paar habe Kinder gehabt, einfach, weil ein 30-jähriger Mann in der jüdischen Gesellschaft von damals verheiratet zu sein und Nachwuchs zu haben hatte.

In mehreren Apokryphen wird Maria Magdalena als bevorzugte Gesprächspartnerin und rechte Hand von Jesus gezeichnet: Sie stellt die meisten Fragen, sie wird vom Heiland immer wieder vor allen anderen gelobt, sie verteilt nach seinem Tod die Missionsgebiete unter den Jüngern. Brown: "Jesus war sozusagen der erste Feminist. Nach Aussage jener alten unverfälschten Evangelien hat Christus nicht Petrus zum Sachwalter seiner Kirche eingesetzt, sondern Maria Magdalena." Doch nach der Lehrmeinung war und ist Petrus der Fels, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte. Nieder also mit Maria Magdalena! "Zur Abwehr der nachhaltigen Bedrohung stellte die Kirche Maria Magdalena beharrlich als Dirne dar und vernichtete sämtliche Dokumente, die sie als Gattin Christi ausweisen konnten", sagt der Privatgelehrte Teabing im Roman.

Na ja. Tatsächlich ist selbst in den vier anerkannten Evangelien nirgendwo davon die Rede, dass Maria Magdalena eine Hure war. Dort wird nur von einer namenlosen Sünderin gesprochen, die Jesus mit ihren Tränen die Füße wäscht und dann mit wohlriechendem Öl salbt. Dass diese Sünderin Maria Magdalena gewesen sein soll, geht darauf zurück, dass sie namentlich als eine der Frauen erwähnt wird, die den Leichnam Christi nach der Kreuzigung mit Öl einreiben. Zweimal Öl, zweimal dieselbe Person. Doch diese Gleichsetzung blieb auch unter den frühen katholischen Kirchenlehrern jahrhundertelang umstritten. Erst rund 1000 Jahre später setzte sie sich allgemein durch. Inzwischen hat die katholische Kirche diese Verknüpfung 1969 offiziell für irrig erklärt.

Zweites Beispiel für Browns fantasievollen Umgang mit der Geschichte: das Konzil von Nicäa 325 nach Christus. In "Sakrileg" wird behauptet, dort habe man in einem Handstreich per Abstimmung den Menschen Jesus zum Gott gemacht. (Übrigens nicht vier Jahrhunderte, wie Brown schreibt, sondern schon knapp 300 Jahre nach Christi Tod.) Historisch ist zwar belegt, dass auf diesem ersten Konzil unter den Bischöfen erbittert um die Göttlichkeit von Jesus Christus gestritten wurde. Doch es ging nie darum, ob er nun Mensch oder Gott sei, sondern nur darum, ob er, der Gottessohn, auf gleicher Ebene mit Gottvater stehe oder doch etwas darunter. Seine grundsätzliche Göttlichkeit stand aber nie infrage.

Historisch anfechtbar ist auch der "kühne Handstreich", mit dem Kaiser Konstantin angeblich nach dem Konzil die apokryphen Evangelien "ächten, konfiszieren und verbrennen" und nur die von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes übrig ließ.

Ohne Zweifel wollte der Kaiser einen einheitlichen christlichen Glauben in seinem riesigen, bröckelnden Reich. Doch schon lange vor seiner Regierung hatten sich die vier heutigen Evangelien in den meisten Gemeinden ohne Ächten und Verbrennen durchgesetzt, und noch lange nach Konstantins Tod existierten andererseits neben diesen "kanonischen" heiligen Schriften apokryphe Geschichten über und um Jesus als populäre Lektüre. Der Kirchenhistoriker Kurt Aland: "Es darf nicht übersehen werden, dass man in manchen Teilen der Kirche bis ins 7. Jahrhundert hinein einen durch die Aufnahme von apokryphen Schriften erweiterten Kanon besaß." Von einem "kühnen Handstreich" der römischen Staatsmacht oder gar "der größten Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit", wie Buchheld Teabing tönt, kann da schwer die Rede sein.

Schwierig, schwierig, genau zu wissen, was vor 2000 Jahren geschah, sagt Dan Brown mit seinem sympathischsten Lächeln. Vielleicht sei in Nicäa ja wirklich nicht der Mensch Jesus aus dem Neuen Testament ausradiert worden. "Wichtig und unbestreitbar ist aber, dass dort die Göttlichkeit Christi von einem Haufen irdischer Wesen durchdebattiert wurde. Die Bibel ist nicht wie ein Fax direkt vom Himmel auf uns herabgekommen, sondern vor einem politischen Hintergrund historisch entstanden. Mit meinem Buch öffne ich beim Leser so was wie ein Tor für diese Erkenntnis."

Je weiter im Roman seine drei Helden durch dieses offene Tor der Erkenntnis in die Familienchronik des menschelnden Jesus vordringen, umso tiefer tauchen sie in Fantasyland ein. Sie enthüllen, dass Maria Magdalena zur Zeit der Kreuzigung ihres Gatten schwanger war, sich nach dessen Tod nach Frankreich ausschiffte und dort eine Tochter zur Welt brachte. Und da Magdalena eben keine Hure, sondern vielmehr eine edle Dame königlichen Geblüts gewesen sei, habe ein paar Jahrhunderte später ein langmähniger Merowingerkönig es für durchaus standesgemäß angesehen, einen weiblichen Spross aus der Blutlinie Jesus/Maria Magdalena zu ehelichen.

Zwar wurden die fränkischen Merowinger, die gern die Schädeldecke ihrer Feinde zu Trinkschalen umarbeiteten, von den ebenfalls fränkischen und gut katholischen Karolingern entmachtet. Doch eine Seitenlinie des Geschlechts überlebte die Jahrhunderte bis in unsere Tage: Jesu Gene sind unter uns! Und der Heilige Gral, dem Heerscharen mittelalterlicher Ritter erfolglos nachspürten, ist nicht der wundertätige Kelch, den Jesus beim Letzten Abendmahl benutzte. In Wahrheit ist der Gral nur ein Bild für den Schoß Maria Magdalenas, durch den das Erbgut, das "Blut" Jesu, weitergegeben wurde.

Die bestürzende Wahrheit einer ununterbrochenen Reihe von Jesuskindern hienieden entdecken im "Sakrileg" ein paar französische Kreuzritter. Sie durchwühlen nach der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 den Tempelberg Zion und finden dort, voila!, diesbezügliche Dokumente. Sie gründen eine Gesellschaft, die "Prieur de Sion", die bis heute diese Dokumente bewahrt. Weil deren Inhalt die katholische Kirche in den Ruin treiben würde, müssen die Brüder von Sion im Geheimen wirken. Ansonsten drohen Folter und Scheiterhaufen.

Die Großmeister der Geheimsekte waren stets Kulturriesen erster Ordnung: Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli, Isaac Newton, Victor Hugo, Claude Debussy bis hin zu Jean Cocteau, der heute gerade mal 40 Jahre tot ist. Ab und an wagten sie, in ihren Werken die große geheime Wahrheit verschlüsselt unter die Kenner zu bringen - ein gefundenes Fressen für unsere drei akademischen Meister-Dechiffrierer im "Sakrileg". Leonardo etwa: In seinem berühmtesten Gemälde "Das Abendmahl" sei mit dem tatsächlich sehr feminin aussehenden Lieblingsjünger Johannes eigentlich Maria Magdalena gemeint. Und diese Gestalt bilde mit Jesus grafisch ein V, das uralte Zeichen für das weibliche Geschlecht!

Woher Autor Dan Brown das alles weiß? Vor allem aus den "Dossiers Secrets", einer Sammlung merkwürdiger Schriften und Urkunden, die irgendwann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Pariser Nationalbibliothek deponiert wurden. Bei diesen "Geheimen Akten" handelt es sich nicht um Originaldokumente, sondern lediglich um angebliche Auswertungen, Abschriften oder Zusammenfassungen historischer Quellen. Fast alle stammen aus dem Umfeld von Pierre Plantard. Dieser im Jahr 2000 verstorbene Gelegenheitsschriftsteller aus der Esoterik-Ecke bezeichnete sich selbst als letzten Großmeister der "Prieur de Sion" und zwischendurch auch als Abkömmling der Merowinger, sprich von Jesus Christus.

Hingegen gibt es durchaus Originaldokumente von 1953, die belegen, dass Plantard in seiner Jugend wegen Betrugs oder Unterschlagung zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt worden war. Als alter Mann gestand er 1993 unter Eid bei der richterlichen Untersuchung des Selbstmords von Roger-Patrice Pelat, einem engen Freund von Francois Mitterand, er habe Pelat ohne dessen Wissen fälschlich auf die Großmeister-Liste der "Prieur de Sion" gesetzt. Der Richter ließ Plantard als harmlosen Spinner laufen mit der Auflage, in Zukunft "keine Mätzchen zu machen".

Monsieur Plantard ein kleiner Schwindler? Die "Dossiers Secrets" ein Machwerk? Zu Plantard möchte er sich nicht äußern, sagt Brown. Und über die Geheimen Akten und ihren Wahrheitsgehalt solle sich jeder Leser selbst seine Meinung bilden. "Ich habe vor drei Jahren meine Recherchen mit höchster Skepsis begonnen. Aber heute glaube ich, dass die Geschichte im Kern stimmt. Schauen Sie das "Abendmahl" genau an. Der Johannes dort ist in Wahrheit eine Frau und sollte es auch sein. Wenn das Genie Leonardo einen bartlosen jungen Mann hätte malen wollen, glauben Sie, er wäre dazu nicht in der Lage gewesen?"

Außerdem habe er, der skeptische Brown, in Frankreich während der Recherche zwei Schlüsselerlebnisse gehabt. Sie hätten ihn zum Gläubigen in Sachen Sion gemacht. "Keine religiöse Erweckung. Nichts Mystisches. Sondern zwei ganz diesseitige Zusammentreffen. Doch darüber kann und will ich jetzt nicht sprechen. Vielleicht in einem späteren Buch." Schade.

Wenn man Browns esoterisches Koordinatensystem akzeptiert, macht es Spaß, dem verschlungenen roten Faden bis zur Lösung zu folgen, den seine klugen Helden so trefflich entwirren. Man erfährt enorm viel. So lernen wir die geometrische Figur des "Goldenen Schnitts", eine der Plagen unserer Schulzeit, mit ganz neuen Augen als "Göttliche Proportion" zu sehen. Wir lernen da Vincis genialische Entwürfe von Flugmaschinen und Tauchanzügen kennen. Wir erfahren über die Lust unserer Vorväter an der Spiegelschrift oder an Buchstabenrätseln. Da muss in der deutschen Übersetzung allerdings das englische Original stehen bleiben: "O Draconian Devil" etwa wird, wenn man die Buchstaben umgruppiert, zu "Leonardo da Vinci".

Und wir tauchen tief ein in die Welt der Gnosis, dieser Parallelreligion zum Christentum. Für Gnostiker müssen das männliche und das weibliche Element zu einer mystischen Einheit verschmelzen. Nur so kann der göttliche Funke im Menschen leuchten. Die Bruderschaft von Sion im "Sakrileg" nimmt diese heilige Einheit sehr wörtlich und bezieht sie direkt auf die fleischliche Vereinigung von Jesus und Maria Magdalena. Dieser "heiligen Hochzeit" eifert die Bruderschaft bei ihren okkulten Treffen ab und an wacker nach. Wie genau, wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Die kluge Sophie jedenfalls trägt allein vom Zuschauen einen Schaden fürs Leben davon.

Manchmal müsse er sich kneifen, sagt Dan Brown angesichts seines Riesenerfolgs. Er würde ja gern glauben, dass seine Schreibkunst die Ursache sei, "doch wenn ich ehrlich bin - es ist der Stoff.

Geheime Gesellschaften, verstecktes Wissen, verloren gegangene Geschichte, sinistre Verschwörungen, so etwas spricht alle Schichten an, vom Chefarzt bis zum Klempner, von der Designerin bis zur Küchenhilfe." Nicht zu vergessen die vielen Menschen auf Sinnsuche, enttäuscht von den Lehren der Amtskirchen. "Ich weiß ja, dass vieles an Browns Jesusbild so nicht stimmt. Aber ich hätte gern genau diesen Jesus, der ein Mensch ist, mit einer Frau an seiner Seite", so ein begeisterter amerikanischer Leser, nach eigener Aussage gläubiger Baptist.