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Frankreich: Das Land, wo die Mysterien blühen

Der Roman "Sakrileg" machte eine französische Dorfkirche und das Languedoc zum Traumziel von Mythensuchern. Aber auch Normalreisende können im Land der Katharer glücklich werden.

Von Tilman Müller

Nur ein paar Dutzend Menschen leben in Rennes-le-Château, einem zum Verlieben schönen Dorf auf einem steilen Bergrücken nahe den Pyrenäen. Vorbei an Feigenbäumen und uralten Steinhäusern gehen wir zu einer Kapelle - über dem Portal ist die Inschrift eingemeißelt "Terribilis est locus iste" (dieser Ort ist schrecklich). Gleich hinterm Eingang kauert in blaugrünlichem Fetzengewand eine mannsgroße Teufelsgestalt und blickt mit ihrer schwärzlichen Fratze jedem Besucher entgegen. Ein Dämon, der angeblich den legendären Jerusalem-Erbauer Asmodi darstellen soll und hier, in der tiefsten Provinz Südfrankreichs, dazu verurteilt ist, auf seinen Schultern ein gigantisches Weihwasserbecken zu tragen, über dem vier Engel schweben.

Die Dorfkirche blieb lange unbeachtet

Die düstere Dorfkirche, im Jahr 1059 Maria Magdalena geweiht, hat lange kaum jemand beachtet. Das hat sich gründlich geändert, seit 2003 ein Buch erschien, dessen Grundidee auf der hochmysteriösen Geschichte des Gotteshauses von Rennes-le-Château fußt: Dan Browns Roman "The Da Vinci Code" ("Sakrileg"), der meistverkaufte Roman aller Zeiten.

"An manchen Tagen ist hier echt die Hölle los", stöhnt Christian, der Kellner im hübsch um einen alten Springbrunnen mit Oleanderbüschen hergerichteten Gartencafé der Magdalena-Kirche. 150.000 Fans im Jahr strömen inzwischen herbei, manche aus Australien oder Argentinien. Christian beschert der Rummel einen guten Job. Von Frühling bis Spätherbst haust er hier in einem kleinen Lieferwagen und verdient im Café so viel, dass er die Wintermonate in seinem neuen Häuschen in Laos verbringen kann. Niemals würde er in der Provence jobben, sagt der 43-Jährige aus dem nordfranzösischen Arras und stellt ein Glas Weißwein für 1,50 Euro auf den Tisch. "La Provence, mais non", sagt er und gerät mächtig in Fahrt, "da leben doch bloß noch privilegierte Säcke hinter hohen Mauern, richtig gutes französisches Leben gibt es nur noch hier unten, wo einst die Katharer waren."

Ernsthafte Bedrohung für den Vatikan

Le Pays Cathare (Katharerland) - Straßenschilder, Plaketten oder Wegweiser mit dieser Aufschrift sieht man überall zwischen Rhône-Delta und Pyrenäen. Die Region, in etwa identisch mit dem heutigen Languedoc-Roussillon, war im 12. und 13. Jahrhundert das Zentrum der überall zwischen Goslar, Florenz und Toulouse aufkeimenden christlichen Erneuerungsbewegung der Katharer (der "Reinen"), die sich zu einer ernsthaften Bedrohung für den Vatikan entwickelte. Die "guten Menschen" oder die "Armen Christi", wie sie sich gern nannten, predigten Keuschheit, wandten sich gegen Korruption und Ämterhäufung, lebten asketisch und erkannten weder das Kreuz noch die Sakramente an.

Die Hauptstadt dieser "Gegenkirche" war im damals von Frankreich unabhängigen und sehr wohlhabenden Okzitanien die Festung von Carcassonne. Auch das nahe Rennes-le-Château war eine wichtige Katharer-Bastion. 30.000 Menschen lebten einst in dem bereits zur Römerzeit für seine Bergwerke und Heilquellen bekannten Ort - nachzulesen in dem Sachbuch "Der Heilige Gral", das im Kiosk an der Magdalena-Kirche in mehreren Sprachen ausliegt.

Die profunde Studie behauptet, Jesus Christus sei in den Süden Galliens geflüchtet und habe aus seiner Ehe mit Maria Magdalena unter anderem Nachkommen im Geschlecht der französischen Krone. Diese These beruft sich auf einen Priester namens Bérenger Saunière, der 1885 nach Rennes-le-Château versetzt wurde und dort Entdeckungen machte, die weite Teile der Geschichtsschreibung des Vatikans stark infrage stellen - eine Steilvorlage für Dan Brown, in dessen "Da Vinci Code" bekanntlich die Eheleute Maria Magdalena und Jesus eine Tochter gezeugt haben und außerdem eine Figur namens Saunière eine wichtige Rolle spielt.

Pergamentrollen mit schwer entschlüsselbaren Zahlencodes

Der leibhaftige Saunière war - das bezweifelt niemand - bettelarm, als er in den alten Katherer-Ort kam, und stieß beim Renovieren der Magdalena-Gruft offenbar auf Pergamentrollen mit schwer entschlüsselbaren Zahlencodes. Verbrieft ist jedenfalls, dass der Pfarrer mit seinen Funden nach Paris eilte und nach seiner Rückkehr plötzlich all die bizarren Lustbarkeiten finanzieren konnte, die wir auf einem Rundgang für fünf Euro pro Person bestaunen können: eine Bibliothek mit Aussichtsturm, die aussieht wie das Schloss auf der Berliner Pfaueninsel, eine Orangerie mit Glasveranda, die Luxusvilla "Bethania", in der Saunière heute als Wachsfigur neben seiner Haushälterin und angeblichen Geliebten Marie thront, und - nicht zu vergessen - den fürchterlichen Teufelsklaven, der das Weihwasserbecken stemmt.

Womöglich fand Saunière, der die Herkunft seines Vermögens stets beharrlich verschwieg und 1917 mit 57 Jahren starb, ohne die Sakramente empfangen zu haben, auch rein materielle Preziosen. Saunière habe einen "Katharer-Schatz" gehoben, so eine der zahlreichen Spekulationen. Tatsächlich liegt Rennes-le-Château in der Nähe jener imposanten Bergfestungen, wo die "Reinen" vor ihrem Untergang einst Zuflucht gefunden hatten.

Diese Katharer-Burgen sind heute beliebte Wanderziele. Überall in der abgelegenen Region besinnt man sich gern zurück auf diese relativ freigeistige Epoche, in der manche Bestrebung der späteren Reformation vorweggenommen wurde, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Heute tummelt sich hier eine bunte Mischung aus Religionsforschern, Esoterikern, Aussteigern und abenteuerlustigen Trendurlaubern. Fünf Autominuten von Saunières Kirche trinken wir einen Aperitif im Château des Ducs de Joyeuse, einem zur Luxusherberge umgewandelten Schloss aus dem 16. Jahrhundert mit vier wuchtigen Ecktürmen, gelegen "Au Coeur du Pays Cathare", wie es im Hotelprospekt heißt. Man sitzt im tennisplatzgroßen Innenhof, die meterdicken Mauern sind aus honigfarbenem Kalkstein, und von irgendwoher säuselt in einer gregorianischen Instrumentalversion der alte Led-Zeppelin-Hit "Stairway to Heaven".

Tai Chi vor mittelalterlicher Kulisse

Etwas bescheidener logiert in der Nähe von Rennes-le-Château eine Gruppe aus Leipzig, die täglich Tai Chi macht, am liebsten vor mittelalterlicher Kulisse. Mit ihren Säbeln aus Holz üben sie an einem sonnigen Nachmittag vor der hervorragend erhaltenen Burg von Arques aus dem 14. Jahrhundert, einem turmartigen Wehrschloss in elegantem gotischem Stil, in dem sich einst das höfische Leben der Troubadoure abspielte. Erfüllt von keuscher Liebe besangen sie die schönste, unerreichbare Dame ihres Herzens. Ihre Verse trugen sie auf Okzitanisch vor, einer Sprache, die sich auf dem Lande mitunter bis heute erhalten hat.

Im Vergleich zur Provence, einst ebenfalls Heimat der Troubadoure, ging es westlich des Rhône-Deltas meist etwas rustikaler zu. Heute noch ist die Region Languedoc-Roussillon dünner besiedelt und nicht so überlaufen; auch die Preise sind niedriger, nicht nur bei den Weinen. "Gerade mal knapp über 100.000 Euro habe ich dafür gelöhnt", sagt stolz ein Freund aus Paris in seinem kurz zuvor erstandenen Steinhaus im Languedoc und wirft einen Sack Austern vom nahen Mittelmeer auf die von Farbpötten und sonstigem Werkzeug übersäte Anrichte. Viele Großstädter haben in der Gegend noch erschwingliche Altbauten gefunden. Vor allem Briten und manche Amerikaner haben hier unten rechtzeitig zugeschlagen. Manche sind schon halbe Franzosen, darunter Künstler, Alt-Hippies und Promis wie der Comic-Zeichner Robert Crumb ("Fritz the Cat"), der in einer 13-Zimmer-Laube aus dem 11. Jahrhundert residiert, zusammen mit Ehefrau Aline und deren "zweitem Ehemann", der Christian heißt.

Schon von weitem sind die 52 Ziegeltürme von Carcassonne zu sehen, die sich über dem doppelten Verteidigungswall der Cité erheben. Sie gehörte in ihrer wechselvollen Geschichte den Kelten, Römern, Westgoten, Sarazenen, Franken und kurze Zeit auch den Katharern. Ab 1167 stellten die "Reinen" in der Stadt den Bischof und rivalisierten offen mit der römischen Kirche, die vorerst nicht einschritt. Doch als der vom Vatikan zur Schlichtung entsandte Pierre de Castelnau 1208 an der Rhône-Brücke bei Arles erstochen wird, ruft Papst Innozenz III. zum Kreuzzug auf gegen "diese Abweichler, die schlimmer als die Sarazenen sind". Ein nordfranzösisches Ritterheer unter Simon de Montfort erobert 1209 schnell Béziers und Carcassonne, doch der Gotteskrieg sollte noch Jahrzehnte wüten. Als Montfort bei Toulouse geschlagen und durch eine Steinschleuder getötet wird, übernimmt der spätere französische König Ludwig VIII., der Landgewinne in Okzitanien wittert, den Oberbefehl über die Kreuzzügler. Die Katharer werden nun noch unnachsichtiger verfolgt, verschanzen sich Folter und Flammentod zum Trotz in den Bergen, zuletzt in 1200 Meter Höhe auf Montségur, einer Festung, die als uneinnehmbar galt.

Zehnmonatiger Belagerung widerstanden

Von Carcassonne dauert die Fahrt dorthin eine gute Stunde, das verschlafene Dorf Montségur liegt schutzlos am Abhang. In einer einfachen Herberge macht die Wirtin ein Omelett, dann beginnt der Aufstieg. Einige Hundert Katharer waren damals auf der Felsenburg, hoffnungslos in der Unterzahl gegen 6000 Königstreue, die im Mai 1243 aufmarschieren. Die Belagerung dauert zehn Monate, bis der letzte Trupp, beseelt vom Gedanken einer besseren Religion, die einmal halb Europa erfasst hatte, schmählich aufgeben muss.

Die anschließenden Kapitulationsverhandlungen erstrecken sich über zwei Wochen, eine Zeit, die sich die "Reinen" ausbedingen, um sich auf den Tod vorzubereiten. Am 16. März 1244 verlassen 225 Frauen und Männer die Burg, hinunter zu einem lodernden Scheiterhaufen; sie wollten ihrem Glauben nicht abschwören, jetzt steigen sie eine Leiter hinauf und übergeben sich den Flammen. Monate zuvor indes, berichten Chronisten, sei es den Belagerten gelungen, Schatztruhen mit Goldmünzen und heiligen Schriften beiseitezuschaffen. Und elf Jahre später wird auch die Burg Quéribus eingenommen, wo noch ein paar Getreue ausgeharrt hatten - das Katharer-Drama ist zu Ende, und Okzitanien gehört bald ganz der französischen Krone. Auf halbem Weg zwischen Montségur und Quéribus liegt Rennes-le-Château.

"Es ist eine Schande, was hier passiert"

Verrückte gruben dort jüngst an der Kirchenmauer herum, auf der Suche nach Gold und dem Leib Christi. Um Räubereien vorzubeugen, ließ der Bürgermeister vor drei Jahren gar die Überreste des legendären Bérenger Saunière exhumieren und an einen sicheren Ort bringen. Auch Henry Lincoln, der Mann, der den Wahnsinn durch seinen Bestseller "Der Heilige Gral" mit ausgelöst hat, lässt der geheimnisvolle Ort nicht los. Wir besuchen den weißbärtigen Wissenschaftler nahe der Kirche in einer Wohnung voller Bücher. "Es ist eine Schande, was hier passiert", sagt er und meint damit nicht nur die unseligen Buddeleien, sondern auch Dan Brown, der "bei uns abgeschrieben hat". Beim Prozess, den seine beiden Co-Autoren gegen Brown führten und verloren, war Lincoln allerdings nicht dabei.

"Wissen Sie", lächelt der 76-jährige Brite, "die Geschichte mit Maria Magdalena war nur so eine Theorie von uns, darüber jetzt noch zu streiten, habe ich keine Lust, dazu gefällt mir die Gegend hier viel zu gut."

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