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GESELLSCHAFT: Prominente über die Aktualität der Zehn Gebote

Kardinal Karl Lehmann, 65, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Gerade die jüngsten Entwicklungen geben den Zehn Geboten eine ganz besondere Aktualität: Gott ist der Herr über Leben und Tod, nicht der Mensch. Die Grenzen der Menschheit gegenüber der Vermessenheit des Menschen. Das ist die Botschaft. Die Welt sähe anders aus, wenn die Zehn Gebote, so wie sie in der Bibel stehen, als Maxime für das Verhalten von den Menschen anerkannt würden. Je komplizierter und unübersichtlicher die Welt ist, je weniger ethische und moralische Maßstäbe in der Gesellschaft als selbstverständlich anerkannt und befolgt werden, desto stärker suchen die Menschen nach Orientierung. Wie reagierte man bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor nach dem 11. September? Mit dem Vaterunser und einem alten christlichen Volkslied.

Caroline Link, 37, Regisseurin

1. Du sollst keine Kriege im Namen Gottes führen. Denn Gott will das Leben und nicht die Zerstörung.

2. Du sollst nicht gleichgültig sein gegenüber dem Leiden anderer. Wenn andere Schmerz und Not empfinden, sollst du Anteil nehmen und versuchen, ihre Situation zu verbessern.

3. Du sollst über deinen Tellerrand gucken und dich interessieren für das Unbekannte. Denn wer das Fremde kennen lernt, fürchtet sich nicht mehr davor.

4. Du sollst deine Verantwortung nicht von dir schieben und dich persönlich zuständig fühlen. Denn wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

5. Du sollst die Unterschiedlichkeit der Menschen respektieren und nicht versuchen,

sie gleichzumachen. Denn die Unterschiede der Menschen in Religion, Kultur, Sprache und Lebenseinstellung sind kein Defizit, sondern eine Bereicherung unserer Welt.

6. Du sollst die Natur schützen und bewahren und sie als kostbarsten Schatz für alle Zukunft erkennen.

7. »Shower the people you love with love!« Du sollst deinen Kindern, deiner Familie und deinen Freunden zeigen, dass du sie liebst. Denn Liebe macht selbstbewusst und großzügig.

8. Du sollst viel lachen und dich selber mögen, denn nur wer mit sich selbst einverstanden ist, kann anderen ein gutes Gefühl geben.

9. Du sollst nicht versuchen, den Menschen zu kopieren. Denn die Einzigartigkeit des Menschen ist ein wertvolles Gut.

10. Du sollst den Mut nicht verlieren und an das Gute im Menschen glauben, auch wenn das manchmal schwer ist. Denn es gibt nur diese eine Welt.

Heino, 63, Sänger

In unserer schnelllebigen Zeit muss man nachdrücklich auf allgemein gültige Werte hinweisen und sich darüber Gedanken machen. Die Zehn Gebote sind für mich dabei wichtige Anhaltspunkte. Als Katholik steht das Gebot der Nächstenliebe für mich am höchsten.

- Erhebe dich nicht über andere Menschen.

- Habe Respekt vor Meinung, Religion, Hautfarbe und Geschlecht.

- Greife ein, wenn anderen Unrecht geschieht.

- Übe Verantwortung mit der Natur.

- Sei fähig zum Mitleid.

- Leiste Hilfe.

Tobias Künzel, 37, Popsänger (Die Prinzen)

Ich würde im Jahr 2001 die Zehn Gebote auf eines reduzieren: Glaub, woran du willst, aber füge keinem Menschen Leid zu!

Hannelore Hoger, 60, Schauspielerin

Ich bin nicht religiös erzogen. Meine Mutter war evangelisch, aber mein Vater, der schon in Verdun als Kanonenfutter verheizt wurde und die Hölle nur im Lazarett überlebte, verbot uns den Religionsunterricht. Ich ging natürlich trotzdem hin, bin aber ein ungetauftes »Heidenkind« geblieben.

Und ich sehe angesichts des Fanatismus, der durch die monotheistischen Religionen in die Welt gekommen ist, auch keinen Grund, von meinem Unglauben abzurücken. Schaut man sich die Geschichte an, so kann wohl keiner behaupten, sie wäre durch Religionen humaner geworden. In unserer Epoche von Massenvernichtungswaffen mutet das Gebot »Du sollst nicht töten« wie eine rührende Erinnerung an Zeiten an, in denen die Menschen noch mit der Steinschleuder aufeinander losgingen.

Trotzdem gibt es in meinen Augen ein ganz konkretes Gebot: Der millionenfache Hungertod muss abgeschafft werden. Die globale Marktwirtschaft kostet täglich 24.000 Menschen das Leben. Dabei könnte unsere Weltwirtschaft, nach Angaben der WHO, heute bis zu zwölf Milliarden Menschen ernähren. Und während der größere Teil der Menschheit hungert, geben wir satten Westler uns besonders zur Weihnachtszeit einer luxuriösen Sinnkrise hin. Aber auch ohne Religion haben meine Eltern mir sehr wohl einen Sinn für Anstand und Gerechtigkeit mitgegeben.

Ulrich Walter, 47, Wissenschaftsastronaut

Meine Tochter sagte mir kürzlich, in die Kirche zu gehen sei uncool. Sie spiegelt damit die Einstellung unserer ganzen Gesellschaft wider. Ein Gott, der uns wissen lässt, in einer überbevölkerten Welt sei die Einnahme der Pille böse, kann nicht glaubwürdig sein. Das fein ziselierte moralische Gebäude der Jahrtausende droht zusammenzustürzen.

Die Gesellschaft allein kann die verfallende Moral ersatzweise durch weltliche Gesetze nicht erzwingen, da hilft auch kein Polizeistaat. Kein Wunder, dass die Menschen nach einem anderen übernatürlichen, glaubwürdigeren Ersatz suchen. Ich denke, fremde Religionen sind da der falsche Weg, da deren Wertesysteme dem unseren fremd sind und unser Moralsystem nur noch weiter aus dem Gleichgewicht bringen.

Was kann getan werden? Wir Christen sind dem Glauben an einen über jeden Zweifel erhabenen Gottvater entwachsen. Die Wissenschaft und die Kirchen selbst haben das Ihrige dazu beigetragen. Ich für meinen Teil habe mir diese drei Gebote als Ersatz für einen moralischen Gott zu eigen gemacht, wobei ich gestehe, dass sie, wie die klassischen Zehn Gebote, einen »idealen Grenzwert« darstellen:

1. Folge deinem Gewissen (nicht deinen Ideologien).

2. Liebe deine Kinder.

3. Sei sozial, lebe gemeinschaftlich.

Maybritt Illner, 36, Fernsehmoderatorin:

1. »Erkenne dich selbst« (Inschrift am Tempel des Apollo in Delphi).

2. »Wie es bleibt, ist es nicht« (Heiner Müller).

3. »If you lose, don't lose the lesson« (Dalai Lama).

4. »An allem ist zu zweifeln« (Karl Marx).

5. »Ich weiß, dass ich nichts weiß« (Sokrates).

6. »Überzeugungen sind Gefängnisse« (Nietzsche).

7. Misstraue immer der ersten Idee (ich).

8. »,Siegen' kommt nicht von ,liegen'« (Ritter-Runkel-Figur aus dem Ost-Comic »Mosaik«).

9. »Wer sich ärgert, verliert« (mein Mann).

10. »Glücklich, wer fern von Geschäften« (Horaz).

Walter Jens, 78, Publizist

Wer, zumal in kriegerischen Zeiten, nach Wegführern sucht, die eine für alle Menschen verbindliche Versöhnungslehre entwickelt haben, sollte sich an einen Rabbi namens Hillel wenden, der zur Zeit Jesu auf die Frage, ob er die Tora so knapp darzustellen vermöge, dass man seine Lehre auf einem Bein stehend anhören könne, zur Antwort gab: »Tue niemand etwas an, von dem du nicht willst, dass es dir geschehe.«

Ganz ähnlich wie der für seine Sanftmütigkeit berühmte Rabbi spricht auch Jesus in der Bergpredigt: »Alles, was ihr wollt, dass die Menschen euch tun, das sollt ihr auch ihnen tun, denn das ist das Gesetz und die Propheten« - will heißen, die Summe der jüdischen Bibel.

Da verkünden zwei Männer jene Goldene Regel, die in gleicher Weise auch den Glauben der Hinduisten, Muslime und Buddhisten bestimmt - ein Grundgebot, das jenes Weltethos ausmacht, dessen Fundamente im Jahr 1993 von den Vertretern der großen Religionen verbindlich defininiert worden sind.

Man kann mit der Goldenen Regel als höchstem, unleitbarem Prinzip leben, denke ich. Sofern man, zum Ersten, auf die Okkupation anderer Überzeugungen und Traditionen verzichtet und, zum Zweiten, jenes Gesetz im Hier und Heute konkretisiert, das von den Tagen der Antike bis zum Jahr 1993, da das Weltparlament der Religionen tagte, als Norm einer humanen Gesellschaft in seine Rechte gesetzt worden ist - eine knappe Formel, die, ins Positive gekehrt, nicht nur unter Nützlichkeitsaspekten kluges Sich-Behaupten lehrt, sondern, trotz aller weltanschaulichen Kontroversen, zu einem Kommunismus der Liebe anleitet. Eine Utopie? Gewiss. Aber gleichwohl gerade heute eine unverzichtbare Handreichung.

Jens Reich, 62, Arzt, Essayist und Bürgerrechtler

Was notwendig ist, sind nicht neue Gebote und Gesetze, sondern ein Diskurs darüber, wie in den neuen Umständen nach den alten Gesetzen zu handeln sei.

Das Gebot heißt »Du sollst nicht töten!« und nicht etwa: »Du sollst keine Soldaten nach Afghanistan schicken!«, und auch nicht: »Du sollst keine Stammzellen aus menschlichen Embryonen gewinnen!« Das Problem ist nicht, ob das Gebot noch gültig ist, sondern wie das gültige Gebot heute anzuwenden sei. Es ist ja nicht Lust am Töten, die die Forscher antreibt, sondern die Hoffnung, Multiple Sklerose oder Alzheimer mit jungen Zellen zu heilen, und die befruchtete Eizelle wollen sie dafür einsetzen, wenn sie ohnehin nicht mehr eingepflanzt wird und deshalb zum Absterben verurteilt ist. Und Soldaten werden ja auch nicht aus Mordlust nach Afghanistan ausgesandt, sondern weil man glaubt, dass sie Mord und Totschlag beenden können.

Der moralische Streit geht darum, ob diese Begründungen richtig oder falsch sind, ob sie das grundsätzliche Gebot außer Kraft setzen können oder nicht.

Hildegard Hamm-Brücher, 80, Politikerin

Die Zehn Gebote gelten für mich lebenslänglich. Zum persönlichen Hausgebrauch gibt es für mich zehn weitere Lebensgebote, die einzuhalten ich mich bemühe.

Für die POLITIKERIN lauten sie:

- Nie wieder Diktatur! Ob braun, rot oder schwarz;

- das Grundgesetz - vor allem in puncto Gewissensfreiheit - achten;

- demokratische Bürgerrechte - gleich welcher Parteirichtung - stärken.

Als »HUMAN BEING« bemühe ich mich,

- gerecht zu sein gegen andere und mich selbst;

- immer wieder den aufrechten Gang zu üben und den

- »Mantel der Gleichgültigkeit« zu zerreißen (5. Flugblatt der Studenten der Weißen Rose);

- nicht den Humor zu verlieren und geduldiger zu werden im Umgang mit menschlich, allzu menschlichen Defiziten, inklusive der eigenen.

Als FRAU gebiete ich mir,

- nicht vor Männerthronen zu kuschen;

- jederzeit für gleiche Rechte und Pflichten zu kämpfen.

Als GOTTESKIND fühle ich mich in der Verantwortung, dafür zu beten, dass die Menschheit so vernünftig wird beziehungsweise bleibt, sich nicht aus grenzenloser Machtversessenheit der eigenen Würde zu berauben und/oder zu zerstören.

Wim Wenders, 56, Filmemacher

Ich habe nicht das geringste Problem mit den Zehn Geboten, im Gegenteil: Ich finde es über alle Maßen erstaunlich, geradezu unfassbar, wie relevant und lebendig sie geblieben sind. Man darf sie nur nicht so bürokratisch und mechanisiert sehen, wie sie leider vor allem von den Pharisäern und Schriftgelehrten des Christentums dargestellt worden sind oder noch dargestellt werden.

Ich erinnere mich mit Unbehagen, wie ich als katholischer Bub den Kathechismus auswendig lernen musste und damit auch die Zehn Gebote erst einmal ausgetrieben bekam. »Du sollst nicht ...« stand da mit erhobenem Zeigefinger, und danach kam gleich das Kapitel mit den »Todsünden«. Dieser erhobene Zeigefinger ist womöglich nie im biblischen Text enthalten gewesen.

Übersetzungen aus dem Althebräischen weisen darauf hin, dass man die Zeitform der Verben nicht nur im Sinne des »Du sollst nicht« verstehen muss, sondern dass man sie auch als Futurum verstehen kann, nämlich als »Du wirst nicht ...« Und schon stehen diese Gebote in anderem Licht da. Im Klartext steht dann da nämlich: Wenn du mich als deinen Gott und Schöpfer begreifst, Mensch, dann wirst du mich ehren. Dann wirst du nicht lügen. Dann wirst du nicht töten ... usw.

Easy. Und absolut einsichtig. Ein Mensch, der sich vor seinem Schöpfer verneigt und sich von ihm liebevoll be(ob)achtet weiß, braucht in der Tat keine Gebote, sondern erkennt, wie von selbst, die Folgen dieser Beziehung.

In einer Übersetzung aus dem Aramäischen, immerhin Jesus' Umgangssprache, heißt es im »Vaterunser« auch nicht: »Und führe uns nicht in Versuchung ...«, sondern, sehr anders: »Du lässt uns nicht in Versuchung geraten ...« Wie oft weist Paulus in seinen Briefen darauf hin, dass Gott kein strafender und abweisender Gott ist, sondern einer, der uns jederzeit seine Hand ausstreckt wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Anders kann ich die Zehn Gebote nicht verstehen. Ich sehe in ihnen nicht die Spielregeln, die uns Gottes Rote Karte einbringen, wenn wir ihnen nicht folgen, sondern sein Versprechen, uns beizustehen, wenn wir ihn als Schöpfer und Herrn anerkennen. Wer meint, dass das eine unzeitgemäße Haltung ist im Zeitalter des Internets, der Genmanipulation, des Globalismus oder seiner erbittertsten Gegner, der mittelalterlichen Fanatisten und Fundamentalisten, der hat wahrscheinlich ein Gottvertrauen noch nicht im Entferntesten ins Auge gefasst und traut deswegen entweder nur sich selbst oder den Erfindungen des menschlichen Geistes, was meines Erachtens so ziemlich auf dasselbe herauskommt.

Womit ich niemanden abkanzeln will und schon gar nicht mich selbst als im Besitz der wahren Erkenntnis hinstellen. Im Gegenteil: Ich halte unsere Erkenntnisfähigkeit für beeinträchtigter denn je. Eine Nacht vor dem Fernseher, ein Tag mit Zeitschriften und Zeitungen, und ich zweifle an Gott und der Welt.

Kein Wunder, denn »die Welt« hat nie etwas anderes im Sinn, als uns »Gott« unverständlich zu machen. Aber gerade deswegen gilt sein Versprechen umso mehr, jeden Tag aufs Neue: »Wer suchet, der findet.« Wer die Welt sucht, findet auch nur die Welt. Wer Gott sucht, WIRD ihn finden. Im Grunde sagen die Zehn Gebote nichts anderes: Wer Gott sucht, dessen Leben geschieht in ebendiesen Bahnen, die hier zehnfach definiert werden. Auch noch 3500 Jahre später geben diese Zehn Gebote (»Angebote« bin ich versucht zu sagen) sowohl eine Grundregel für das Gemeinschaftsleben ab als auch eine Grundlage für ein Leben, das man mit gutem Gewissen vor Gott und vor sich selbst führen kann.