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John LeCarré: "Gegen die Wirklichkeit verblasst jede Fiktion"

Immer wieder lässt sich der Bestsellerautor John LeCarré von internationalen Konflikten zu gut recherchierten Thrillern inspirieren. Der Held seines jüngsten Romans wird im Kongo in die Kämpfe um Macht und Rohstoffe verwickelt. Im stern erzählt LeCarré von seiner Reise ins Herz der Finsternis.

Es war die seltsamste Reise, die ich je angetreten hatte, und es wird die seltsamste bleiben. Ich zog aus, um meine eigenen Romanfiguren kennenzulernen, in einem Land, in dem ich nie zuvor gewesen war. Die ferne Stadt, um die meine Fantasien sich rankten, war Bukavu im Ostkongo. Bukavu, vormals bekannt als Costermansville, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von den belgischen Kolonialherren erbaut, am Südende des Kivusees, der mit seinen 1500 Metern so hoch gelegen und so kühl ist wie kein anderer der afrikanischen Großen Seen. Ich hatte meinen Roman in einer Zeit geschrieben, in der ich England aus persönlichen Gründen nicht verlassen konnte. Jetzt - zu spät, wenn meine früheren Bücher ein Maßstab waren - wollte ich seine Menschen und Schauplätze auf ihren Realitätsgehalt überprüfen.

Aber das Buch spielt doch gar nicht richtig im Kongo! - so zumindest sagte ich mir zum Zeitpunkt meiner Abreise. Es ist eine romantische Satire, Himmelherrgott, es will überhaupt nicht wirklichkeitsgetreu sein! Es handelt von Tony Blairs England, von guter alter kolonialer Ausbeutung, politischer Heuchelei, schamlosen öffentlichen Lügen und anderen Unsitten, mit denen ich längst abrechnen wollte. Es handelt von der Identitätssuche in unserer multiethnischen Gesellschaft und der Beschneidung unserer bürgerlichen Freiheiten durch New Labour und einem Dutzend anderer, nicht minder hehrer Themen. Der Kongo ist nur die Kulisse, eine Abstraktion, ein Symbol für ewige koloniale Ausbeutung, für Gemetzel, Hunger und Chaos. Ihn in natura kennenzulernen würde nur das zarte Gespinst der Illusion zerstören - das sagte ich mir, und beinahe glaubte ich es auch.

Der Pfahl in meinem Fleische

Das Dumme war nur, dass der Kongo, noch ehe ich meine Erstfassung beendet hatte, zum sprichwörtlichen Pfahl in meinem Fleische geworden war, gegen den kein noch so hohes Aufgebot an literarischer Sophisterei etwas ausrichtete. Mein Protagonist war der Sohn eines gestrauchelten irischen Missionars und einer kongolesischen Häuptlingstochter. Er war in einem tristen englischen Internat großgezogen worden, und er und ich sprachen die gleiche Sprache; mit ihm verstand ich mich glänzend. Aber sobald meine drei kongolesischen Kriegsherren ins Spiel kamen, jeder eine Art Bannerträger der Miliz oder gesellschaftlichen Gruppierung, die ihn hervorgebracht hatte, fühlte ich mich auf schwankendem Boden.

Weder meine Recherchen noch meine verstohlenen Mittagessen mit Exilkongolesen hatten mir Gewissheit verschaffen können, ob diese Figuren in der wirklichen Welt bestehen. Wenn mein Besuch in Bukavu mir nicht die passenden Vorbilder nachlieferte - sprich: mir die Authentizität ihrer Standpunkte und Überzeugungen bestätigte -, müsste ich meine Geschichte womöglich ganz anders aufzäumen. Wieder bei null anfangen zum Beispiel.

Dunstumschleiertes Shangri-la

Im belgischen Kolonialgedächtnis ebenso wie in meiner Schriftstellerfantasie ist Bukavu ein verlorenes Paradies, ein dunstumschleiertes Shangri-la mit breiten, Bougainvillea-gesäumten Straßen und prächtigen Villen, deren üppige Gärten sich bis zum Seeufer hinabsenken. Die Provinz Südkivu war für Zentralafrika, was das biblische Palästina für Arabien war. Der vulkanische Boden der Berghänge war so fruchtbar, das Klima so mild, dass es kaum eine Blume, ein Gemüse oder eine Frucht gab, die dort nicht gediehen.

Doch wie jedes Paradies trägt auch der Ostkongo den Keim zu seiner Zerstörung in sich: unermessliche Schätze an Gold, Diamanten, Kassiterit und heute Coltan und Uran, die seit Jahrhunderten Raubgesindel jeder Fasson in seine nebelumhangenen Berge und Urwälder locken, von marodierenden ruandischen Milizen bis hin zu den aalglatten Anzugträgern mit geschliffenen Manieren, dicken Scheckbüchern und chromblitzenden Büros in London, Houston, St. Petersburg oder Peking.

Seit Ende der 1960er Jahre reißen die Katastrophen, die über Bukavu hereinbrechen, nicht ab. Der Völkermord in Ruanda, bei dem innerhalb von 100 Tagen eine Million Menschen buchstäblich abgeschlachtet wurden, machte die Stadt zum Epizentrum der Flüchtlingskrise. Über die Grenze geflohene ruandische Hutu-Rebellen nutzten Bukavu als Stützpunkt für ihre Angriffe auf die von den Tutsi dominierte Revolutionsregierung, die in Kigali die Macht übernommen hatte. Der zweite Stützpunkt der Rebellen war Goma an der Nordspitze des Sees. Die Tutsi revanchierten sich mit dem ersten Kongokrieg, wie er nachträglich genannt wurde; in seinem Brennpunkt stand Bukavu. Die Stadt war kaum zu Atem gekommen, da folgte der zweite Kongokrieg. Und im Juni 2004 lud ein gewisser General Nkunda seine Soldaten dazu ein, sich in Bukavu drei Tage lang nach Herzenslust auszutoben. Die Stadt wurde geplündert, und unzählige Frauen wurden vergewaltigt.

Was wusste ich sonst noch? Die katholische Kathedrale, die das Stadtbild beherrscht, heißt Notre Dame de la Paix.

Außenministerium rät von Reise ab

Wir waren zu dritt, als wir uns mit unserem ruandischen Fahrer auf den Weg machten, von Kigali aus vier Autostunden über gewundene Bergstraßen zur kongolesischen Grenze. Das Außenministerium hatte von der Reise abgeraten, aber meine beiden Gefährten beeindruckte diese Warnung ungefähr so tief wie eine Fußnote in einem Handbuch für Rucksacktouristen. Michela Wrong schrieb seit zwölf Jahren Reportagen über den afrikanischen Kontinent. Jason Stearns, im Alter von 29 Kongo-Experte der International Crisis Group, war seit drei Jahren als politischer Berater der Vereinten Nationen in Bukavu tätig.

Beide hatten sich heldenhaft durch eine frühe Fassung meines Buches gekämpft, mir meine Sünden vergeben und gute Ratschläge erteilt. Beide kannten sowohl die richtigen Männer als auch die richtigen Lokalitäten für meine Zwecke. Beide waren selbst beruflich unterwegs, fanden sich aber bereit, ihre Pläne mit den meinen abzustimmen. Wir schrieben April. Am 30. Juli - wobei das Datum nach wie vor unsicher war - sollten in der Demokratischen Republik Kongo die ersten Mehrparteienwahlen seit 40 Jahren abgehalten werden, Kostenpunkt fast 500 Millionen Dollar, 400 davon aus westlichen Kassen. Der Ausgang wurde mit wachsender Unruhe erwartet. Für meine Gefährten war dies damit der ideale Zeitpunkt für die Reise, für mich gleichfalls, da mein Roman im Vorfeld ebenjener Wahlen spielte. Meine Sorge war nur: Hatte ich nicht doch zu lange gewartet?

Der Völkermord hat Helden hervorgebracht

Schon bevor wir die Grenze zum Kongo erreichten, bekam mein Fantasiebild erste Risse. Das Hotel Mille Collines in Kigali alias Hotel Ruanda, wo wir übernachtet hatten, wirkte geradezu bedrückend normal. Umsonst sah ich mich nach einem Foto um, das an Hauptdarsteller Don Cheadle oder sein Alter Ego erinnerte, den Hoteldirektor Paul Rusesabagina, der das Mille Collines 1994 zu einer geheimen Rettungsinsel für Tutsi auf der Flucht vor Gewehrkugeln und pangas× gemacht hatte. Aber für die einstmalige Revolutionsregierung ist diese Geschichte uninteressant geworden. Der Völkermord, so will es die geltende politische Korrektheit, hat größere und bessere Helden hervorgebracht, Helden, die nicht die Lieblinge der westlichen Medien sind. Nur zehn Minuten in Ruanda, und wer die Augen offenhält, weiß, mit dieser Regierung ist nicht zu spaßen.

Während wir uns auf Bukavu zuschlängelten, sahen wir durch die Autofenster die ruandische Rechtsprechung am Werk. Auf schmucken Wiesen, die bestens in ein Schweizer Tal gepasst hätten, hockten Dorfleute im Kreis wie Schulkinder im Sommer. In der Mitte des Kreises, wo eigentlich der Lehrer hingehörte, fuchtelten Männer in rosa Sträflingskleidung mit den Armen oder ließen die Köpfe hängen. Zur schnelleren Abfertigung all der mutmaßlichen génocidaires, die auf ihren Prozess warteten, hatte Kigali die traditionellen Dorfgerichte wieder eingeführt. Jeder darf Anklage erheben, jeder verteidigen. Nur die Richter werden vom Staat ernannt.

Eine Stunde vor der Grenze bogen wir von der Straße ab und stiegen auf einen Hügel, um die Opfer der génocidaires mit eigenen Augen zu sehen. Eine ehemalige Oberschule blickte hinaus über liebevoll gehegte Täler. Der Aufseher, selbst einer der raren Überlebenden, führte uns von Klassenzimmer zu Klassenzimmer. Die Toten - Hunderte Toter, darunter ganze Familien, hierhergelockt zu ihrem vermeintlichen Schutz - waren zu viert und zu sechst auf Holzgestellen ausgelegt und mit einer Masse bestrichen, die aussah wie mit Wasser verrührtes und dann hart gewordenes Mehl.

Eine Frau mit Mundschutz und Eimer trug gerade eine neue Schicht auf. Viele der Toten waren Kinder. In einem Land, wo die Bauern selber schlachten, lag die Methode auf der Hand: erst die Sehnen durchschneiden, dann besteht für den Rest keine Eile mehr. Hände, Arme und Füße hatte man in Körben gesammelt. Zerrissene Kleider, braun von Blut und vorwiegend in Kindergrößen, hingen von den Dachbalken einer höhlenartigen Aula.

Was konnte so viele im Grunde friedliche Menschen dazu bringen, sich auf ein Fingerschnippen in reißende Bestien zu verwandeln? Antwort: ein paar wenige Gewissenlose, die die Gunst der Stunde nutzten. Die Beweismaterial fälschten. Die alte Ressentiments schürten. Die per Radio Lügen verbreiteten. Die den Hutu einredeten, ihre Tutsi-Nachbarn planten ihrerseits Massaker unter ihnen. "Und wann begraben Sie sie?", fragten wir. "Wenn sie ihren Zweck erfüllt haben", war die Antwort.

Diese Toten haben niemanden, der sie mit Namen kennt, niemanden, der sie betrauert oder begräbt. Die Trauernden sind selbst tot. Darum werden die Leichen einfach eine Zeit lang zur Schau gestellt, um Zweifler und Leugner mundtot zu machen.

Ruandische Soldaten in grünen Uniformen, US-Stil, sind am Straßenrand aufgetaucht. Der kongolesische Grenzübergang ist ein baufälliger Schuppen hinter einer Eisenbrücke, die sich über einen Nebenarm des Ruzizi spannt.

Wehmütige Erinnerungen

In jedem Krisengebiet, das ich in aller Vorsicht bereist habe, gab es ein Hotel, in dessen Bar sich wie in geheimer Absprache alles traf: Journalisten, Spione, Entwicklungshelfer, Kriegsgewinnler. In Saigon war es das Continental, in Phnom Penh das Pnom, in Vientiane, Hauptstadt von Laos, das Constella-tion, in Beirut das Commodore, und hier in Bukavu ist es das Orchid, eine niedrige Kolonialvilla direkt am See, umgeben von dezent platzierten Hütten, das Ganze mit einer Mauer gesichert. Der Inhaber ist ein abgeklärter colon, der in einem von Kivus Kriegen verblutet wäre, hätte ihn nicht sein inzwischen toter Bruder durch die feindlichen Reihen geschleust. In einer Ecke des Speisesaals sitzt eine nicht mehr ganz junge deutsche Dame, die wehmütig von den Tagen erzählt, als Bukavu noch ganz und gar weiß war und sie in ihrem Alfa Romeo mit 90 Stundenkilometern den Boulevard entlangbrettern konnte.

Am nächsten Morgen folgen wir ihren Spuren, wenn auch nicht in ihrem Tempo. Der Boulevard ist immer noch breit und schnurgerade, aber wie alle anderen Straßen von Bukavu ausgeschwemmt von dem roten Regenwasser, das von den umliegenden Hängen herabströmt. Die Häuser sind verstreute Jugendstil-Perlen mit abgerundeten Ecken, hohen schmalen Fenstern und Veranden wie Kinoorgeln. Was es an Neubauten gibt, ist im gleichen Stil gehalten. Die Stadt selbst wurde auf fünf Halbinseln erbaut, "eine grüne Hand, die in den See taucht". Die größte und ehedem mondänste ist La Botte, wo Mobutu eine seiner vielen Residenzen besaß.

Wie uns die Soldaten erklären, die uns den Zutritt verweigern, wird diese Villa derzeit für den amtierenden Präsidenten hergerichtet, Joseph Kabila, aus Kivu stämmig und Sohn des maoistischen Revolutionärs und Strippenziehers, der 1997 Mobutu stürzte und vier Jahre später von einem seiner Leibwächter ermordet wurde. Ein dampfiger Nebel lagert den Großteil des Tages über dem See. Die Grenze mit Ruanda teilt ihn der Länge nach. Der Zeh von La Botte zeigt provozierend nach Osten. Die Fische sind winzig klein. Das Seeungeheuer heißt Mamba mutu und ist halb Frau und halb Krokodil. Seine Leibspeise sind menschliche Gehirne.

Wir betreten ein katholisches Seminar. Die fensterlosen Ziegelmauern nehmen sich in der Straße höchst fremd aus. Dahinter erwartet uns eine Welt der beschaulichen Gärten, Satellitenschüsseln, Gästezimmer, Konferenzsäle, Computer, Bibliotheken und schweigenden Diener. In der Kantine schlurft ein alter weißer Priester in Jeans zum Kaffeeautomaten, misst uns mit einem langen, vergeistigten Blick und schlurft wieder von dannen. Er hat Schlimmes durchgemacht, aber er hat überlebt, erklärt unser Gastgeber und beklagt die Gefährdung von Priestern, die afrikanisch sind wie er, durch Gläubige, die allzu lebhaft ihren Rassenhass beichten. Einmal angesteckt, können solche Priester die schlimmsten Extremisten von allen werden. In Ruanda, so scheint es, hat mehr als ein Seelsorger sämtliche Tutsi seiner Gemeinde in der Kirche versammelt, die daraufhin mit seiner Billigung abgefackelt oder mit Bulldozern planiert wurde.

Gleich mein erster Kriegsherr, Thomas, straft meine Erwartungen auf der ganzen Linie Lügen. Er ist hochgewachsen, elegant gekleidet und empfängt uns mit der Grandezza eines Diplomaten. Sein Haus, vor dem Wächter mit halbautomatischen Gewehren stehen, ist geräumig und feudal möbliert. Auf einem Plasmabildschirm läuft während unserer ganzen Unterhaltung Fußball ohne Ton. Thomas sieht sich als Sprachrohr des Volkes der Banyamulenge, das seit 1966 nahezu ununterbrochen Krieg hier im Kongo führt. Die Banyamulenge, so viel weiß ich aus meinen Recherchen, sind ein Volk von Ackerbauern und Viehzüchtern, ursprünglich aus Ruanda stammend, aber seit bald 200 Jahren auf dem Hochplateau der Mulenge-Berge in Südkivu ansässig.

Gefürchtet ob ihrer Kriegskünste und ihrer Eigenbrötelei und verhasst ob ihrer vermeintlichen Nähe zu Ruanda, geben sie in Zeiten der Unzufriedenheit die idealen Sündenböcke ab. Können die bevorstehenden Wahlen ihre Lage in irgendeiner Weise verbessern?, fragen wir Thomas. Seine Antwort ist wenig ermutigend: Die Verlierer werden von Wahlbetrug sprechen, und wohl zu Recht. Die Sieger werden sich alles unter den Nagel reißen, denn wozu siegt man sonst? Und da die Kandidaten sich jetzt schon gegenseitig mit pro-kongolesischen, anti-ruandischen Parolen übertrumpfen, werden die Banyamulenge wieder einmal Freiwild sein.

Ähnlich hart urteilt Thomas über die Bemühungen in Kinshasa, die vielen bewaffneten Splittergruppen im Kongo zu einer nationalen Armee zu vereinigen: "Viele von uns sind beigetreten, dann aber in die Berge desertiert. In der Armee töten sie uns und beschimpfen uns, trotz der vielen Schlachten, die wir für sie geschlagen haben."

Einen Hoffnungsschimmer zumindest gibt es, räumt er ein. Die Mai Mai, die selbst ernannten Hüter des Kongo, die ihr Land von allen "Eindringlingen" und "Ausländern" säubern wollen - wozu sie auch die Banyamulenge zählen -, bekommen ebenfalls zu spüren, welch hohen Preis der Eintritt in die Armee fordert. "Je mehr bei den Mai Mai das Misstrauen gegen Kinshasa wächst, desto eher nähern sie sich vielleicht doch irgendwann uns an."

Wahlen allein reichen nicht

Hinterher fragte ich Jason, ob Thomas die anstehenden Wahlen zu Recht in einem so düsteren Licht sähe. Im Großen und Ganzen ja, meinte Jason. Wahlen seien nur eines der Insignien der Demokratie. Ohne Parlament, ohne Rechtssystem oder eine Verwaltung entschieden sie lediglich darüber, wer als nächster die Bevölkerung über den Tisch ziehen dürfte. 30 Prozent der Kongolesen lebten von einer Mahlzeit täglich. 80 Prozent verdienten weniger als einen Dollar pro Tag. Die Verlierer hätten Gewehre und würden sie höchstwahrscheinlich einsetzen, um gegen den Ausgang der Wahlen zu protestieren. Und ja, ein weiterer Krieg könnte durchaus die Folge sein.

Am Tag darauf trafen wir uns mit einem Colonel der Mai Mai, der größten und berüchtigtsten der vielen bewaffneten Milizen im Kongo.

Wie Thomas ist auch der Colonel tipptopp gekleidet. Seine Khaki-Uniform, eine Nationaluniform aus Beständen Kinshasas, ist gestärkt und geplättet, seine Abzeichen glitzern in der Mittagssonne.

Wir sitzen in einem Freiluftcafé. Hinter einem Wall aus Sandsäcken auf der anderen Straßenseite beobachten uns pakistanische Blauhelme über ihre Gewehrläufe. Der Colonel zappelt viel, vielleicht aus Verlegenheit. Zwei Mobiltelefone liegen vor ihm. Sein schwerfälliges Französisch ist reich an blumigen Zusätzen. Manchmal scheint er von seiner Ausdrucksweise und seinen Standpunkten selber ein wenig überrascht: als hätte er sich sein Leben eigentlich ganz anders vorgestellt und verstünde auch nicht so recht, was er hier machte. Wie schon ihre Vorgänger, die Simba, so erklärt er uns unbeholfen, besäßen die Mai Mai einen Zauber, ihre dawa, mittels derer sie heranfliegende Gewehrkugeln in Wasser verwandeln könnten.

"Die Streitmacht der Mai Mai geht noch auf unsere Ahnen zurück. Es gibt Rassen in meinem Land, die es nicht verdienen, hier zu sein. Wir bekämpfen sie, denn wir fürchten, sie erheben sonst Anspruch auf unser geheiligtes kongolesisches Land. Bei keiner Regierung in Kinshasa ist dieser Kampf in sicheren Händen, deshalb führen wir ihn selbst. Als Mobutus Macht wankte, da haben wir uns mit unseren pangas und Pfeil und Bogen in die Bresche geworfen. Unsere dawa beschützt uns. Wenn du direkt ins Mündungsfeuer einer AK 47 schaust und nichts passiert, dann weißt du, dass deine dawa echt ist."

Wenn das so ist, fragen wir, wie erklären die Mai Mai sich dann ihre Toten und Verletzten?

"Wenn einer unserer Kämpfer fällt, dann deshalb, weil er ein Dieb oder ein Vergewaltiger war oder gegen unsere Rituale verstoßen hat oder weil er schlechte Gedanken über einen Kameraden hegte, als er in die Schlacht zog. Unsere Toten sind unsere Sünder. Wir lassen sie von den Medizinmännern ohne Zeremoniell begraben." Und die Banyamulenge?, fragen wir. "Die können im Kongo bleiben, solange sie die kongolesischen Gesetze anerkennen. Wenn sie einen neuen Krieg vom Zaun brechen, töten wir sie."

In seinem Groll gegen Kinshasa jedoch kommt der Colonel den Empfindungen, die Thomas am Vorabend äußerte, bemerkenswert nahe:

"Die Mai Mai sind missachtet und ausgegrenzt worden. Die in Kinshasa vergessen zu schnell, wer den Kopf für sie riskiert und sie rausgehauen hat. Wenn die Mai-Mai-Kämpfer der Armee beitreten, sind wir Könige ohne Königreich. Kinshasa zahlt uns keinen Sold, hört nicht auf uns. Als Soldaten dürfen wir nicht wählen. Besser, wir gehen zurück in den Busch und nehmen die Sache selbst in die Hand." Und als Abschlussfrage an uns: "Wie viel kostet eigentlich ein Computer?"

In meinem Buch habe ich einen bewaffneten Angriff auf den Flughafen von Bukavu skizziert. Wir wollen gerade aufbrechen, um die Realität in Augenschein zu nehmen, als uns die Meldung erreicht, Demonstranten und brennende Autoreifen machten das Stadtzentrum unpassierbar. Wie es heißt, hatte ein Mann sein Haus mit 400 Dollar beliehen, um seine Frau operieren lassen zu können. Davon bekamen die unbesoldeten Regierungssoldaten Wind, woraufhin sie in sein Haus eindrangen, den Mann töteten und das Geld an sich brachten. Wütende Nachbarn hielten die Soldaten fest, aber ihre Kameraden schickten Verstärkung, um sie zu befreien. Ein 15-jähriges Mädchen wurde erschossen, und die Menge randalierte. In unseren fünf Nächten in Bukavu kommt es zweimal zu Unruhen.

Die Diskothek ist mein letzter und anrührendster Eindruck von Bukavu. In meinem Roman gehört sie dem Erben eines ostkongolesischen Handelsimperiums, der in Frankreich studiert hat. Auch er eine Art Kriegsherr, dessen wahre Macht sich jedoch auf die jungen Intellektuellen und Geschäftsleute von Bukavu gründet - und hier sind sie! Eine Ausgangssperre ist verhängt worden, in der Stadt herrscht Ruhe. Es nieselt ganz leicht. Ich erinnere mich an keine blinkenden Leuchtreklamen, keine massigen Männer, die uns am Eingang unter die Lupe nehmen, nur eine graue Reihe altmodischer kleiner Kinos, die ins Dunkel verschwinden, und eine düstere Steintreppe mit einem Seil anstelle eines Geländers. Wir tasten uns die Stufen hinab. Musik und Stroboskoplichter empfangen uns. "Jason! Jason!", ruft es von allen Seiten, und Jason taucht hinein in ein Meer freudig ausgestreckter schwarzer Arme.

Die Kongolesen, hat man mir versichert, verstehen sich besser als irgendwer sonst aufs Feiern, und hier endlich liefern sie den Beweis. Abseits der Tanzfläche ist eine Billardpartie im Gange, und ich stelle mich zu den Zuschauern. Vor jedem Stoß tritt um den Tisch Totenstille ein. Die letzte Kugel wird versenkt. Unter Jubelgeschrei heben die anderen den Sieger hoch und tragen ihn im Triumphmarsch durch den Raum. An der Bar schwatzen und lachen schöne Mädchen. An unserem Tisch legt mir jemand seine Ansichten zu Voltaire dar - oder war es doch Proust? -, während Michela höflich einen Betrunkenen abwehrt. Jason hat sich zu den Männern auf der Tanzfläche gesellt. Ihm soll das letzte Wort gehören: "So dreckig es dem Kongo auch geht, auf den Straßen von Bukavu sieht man viel weniger gelangweilte Gesichter als in New York."

Hätte ich denselben Roman geschrieben, wenn ich zuvor in den Kongo gereist wäre? Ich frage mich, ob ich überhaupt einen Roman geschrieben hätte. Die Wirklichkeit ist so überwältigend, dass alle Fiktion dagegen verblasst. Aber mein Buch handelt ja ohnehin nicht vom Kongo, richtig? Es handelt von all diesen anderen Dingen. Der Kongo ist nur die Kulisse.

John LeCarré

Übersetzung: Sabine Roth
Copyright: David Cornwell 2006

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