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Yrsa Sigurðardóttir: Ober-Ingenieurin ist Bestseller-Autorin

Deutsche lieben Krimis. Vor allem Kriminalromane aus Norwegen. Im friedlichen Island hingegen blüht die Krimiszene gerade erst auf. "Das gefrorene Licht" ist das erste Buch von Autorin Yrsa Sigurðardóttir in deutscher Sprache. Dabei ist sie eigentlich leitende Ingenieurin für Islands größtes Bauwerk: den Kárahnjúkar-Damm

Von Rudolf Stumberger

"'Briefeinwurfklappe', berichtigte Dora und lächelte höflich. ‚In der Verordnung heißt das Briefeinwurfklappe'. Sie zeigte auf den Ausdruck auf den Schreibtisch und drehte ihn so, dass das Ehepaar auf der anderen Seite des Tisches den Text lesen konnte. Ihre Gesichter verdunkelten sich, und Dora beeilte sich fortzufahren, bevor der Mann eine weitere Schimpftirade loslassen konnte."

So bürokratisch beginnt das erste Kapitel des neuen Island-Krimis "Das gefrorene Licht" und noch ahnt man kaum, was Krimiheldin Dora, die Rechtsanwältin aus Reykjavik, noch alles an grausigen Verbrechen bei einem esoterischen Wellness-Hotel an der West-Küste aufdecken wird. Es geht um Morde in der Vergangenheit und der Gegenwart, um ein düsteres Familiengeheimnis und es geht um "Wiedergänger" - die umhergeisternden Seelen der Ermordeten. Und dabei steht Krimi-Autorin Yrsa Sigurðardóttir eigentlich mit beiden Beinen fest auf isländischen Boden: "Ich glaube nicht an übernatürliche Kräfte", sagt die zierliche Frau mit den braungrünen Augen bestimmt und nimmt den weißen Schutzhelm ab.

Denn an ihrem Arbeitsplatz entstehen nicht nur Kriminalromane, sondern derzeit auch der größte Staudamm Europas. Die 44-jährige Mutter zweier Kinder arbeitete als leitende Ingenieurin beim Bau des riesigen Kárahnjúkar-Dammes im Osten Islands, dessen aufgestautes Wasser den Strom für eine Aluminium-Fabrik an der Küste liefern soll. Zahlen und Fakten statt Feen, das ist ihre Welt.

"Das letzte Ritual" hieß ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung, und auch hier dreht sich die Handlung um Hexenkult, Runen und eben Rituale; diesen November erscheint mit "Das gefrorene Licht" ihr zweiter Krimi. Die isländischen Morde verkaufen sich gut, in 30 Sprachen sind die Bücher mittlerweile übersetzt, 70.000 davon wurden in Deutschland verkauft. Wenn gemordet wird, dann nicht gerade mit Samthandschuhen und das verwundert eigentlich ein wenig, weil Yrsa Sigurðardóttir vor den Krimis doch fünf Kinderbücher geschrieben hat, mit Titeln wie "Wir wollen Weihnachten im Juli". "Doch immer lustig und kindgerecht schreiben zu müssen, ist sehr anstrengend", sagt die Ingenieurin, "jetzt will ich schreiben, wie ich will".

Schreiben zwischen Ikea und Geröll

Und das macht sie in ihrer Holzhütte auf der Großbaustelle. Der Raum ist denkbar spartanisch eingerichtet: Eine Spüle, ein paar Ikea-Möbel, Vorhänge vor dem Fenster. Von dort aus sieht man draußen im Abendlicht den schneebedeckten Gipfel des Snæfell. Hier, gut hundert Kilometer von der nächsten größeren Siedlung entfernt, inmitten einer ansonsten menschenleeren, einsamen, mondartig kargen Landschaft hat die Baugesellschaft ein Camp errichtet. Der Damm ist mittlerweile fast fertiggestellt, erbaut haben ihn vor allem die chinesischen Arbeiter, die in einem eigenen Camp in langen Baracken wohnen und Tag und Nacht arbeiten. Wie kommen ihre Romane hier zustande? "Wir Ingenieure arbeiten hier durchgehend zehn Tage am Stück auf der Baustelle, dann fliegen wir für vier Tage wieder heim nach Reykjavik zur Familie", erzählt Yrsa, während ihr kleiner schwarzgrauer Mops es sich auf dem Sofa neben ihr bequem macht. Und abends ab 19 Uhr hämmert sie ihre Geschichten in die Tasten des Laptops. Später im Verwaltungsgebäude des Camps grüßt Yrsa einen deutschen Ingenieur, "der heißt auch Matthias", sagt sie schmunzelnd. "Matthias" - das ist im Buch der deutsche Freund ihrer Krimiheldin, ein ehemaliger Kriminalpolizist, mit dem sie die Fälle aufklärt. Yrsa selbst hat einige Jahre Deutsch auf dem Gymnasium gelernt und sogar als Teenager in einem Kindersanatorium in Berchtesgaden gearbeitet. Und bisher haben ihre Krimis immer einen Bezug zu Deutschland. Neben der Figur des Matthias stammt das Mordopfer im ersten Buch aus München, im zweiten Buch geht es um alte Nazi-Fahnen. "Aber", so Yrsa, "das ist eher aus erzähltechnischen Gründen".

Sie ist eine der wenigen Frauen hier im Camp, die eine Leitungsfunktion innehat, obwohl es auf Island nicht ungewöhnlich ist, dass Frauen technische Berufe ergreifen. Ihre Mutter, erzählt Yrsa nicht ohne Stolz, war die erste Frau auf Island mit einem Doktortitel in Mathematik. Ihre Familie lebt wie die meisten Isländer in der Hauptstadt Reykjavik, ihr Mann Olafur arbeitet als Arzt, die elfjährige Tochter geht zur Schule, während der erwachsene Sohn Physik studiert. Und sie bereits zur Oma gemacht hat, wie Yrsa im Vorwort zu dem neuen Roman die Leser wissen lässt.

Morde für die Friedlichen

Wenn Yrsa an ihren Morden feilt, kann sie allerdings schwerlich auf einheimische Fälle zurückgreifen. Denn die Isländer sind so friedlich, dass die Tötungsdelikte an einer Hand abzählbar sind. Szenenwechsel: Die isländische Polizei hat ihr Hauptquartier in Reykjavik an der Hverfisgata 115 Ecke Snorrabraut und im vierten Stock des gelben Gebäudes aus den 1970er Jahren sitzt Hördur Johannesson. Der stellvertretende Polizeichef ist einer der insgesamt 800 Polizeibeamten, die auf Island in Sachen öffentlicher Sicherheit unterwegs sind, davon 350 in der Hauptstadt. "Ja", sagt der 53-Jährige und blättert in seinen Statistiken, "es gibt auf Island einige Tötungsdelikte, aber das sind sehr wenige."

Es gibt Jahre, da werden auf der Insel überhaupt keine Morde gezählt. 2003 zum Beispiel. Im Jahr darauf wurden drei Fälle registriert. Island ist mit rund 300.000 Einwohnern eine überschaubare Gesellschaft. Man kennt sich, vor allem auf dem Lande, die verwandtschaftlichen Bande sind vielfältig. Das soziale Gefüge kennt keine sehr großen Unterschiede oder Spaltungen, es herrscht Vollbeschäftigung und der Lebensstandard ist hoch.

So werden die meisten Morde in Island von einer Handvoll Autoren begangen, die sich dem Kriminalroman widmen. Stella Blómkvist, Stefán Máni oder Örn Jósepsson zum Beispiel. Und eben Yrsa Sigurðardóttir. Sie ist mit ihren ersten beiden Büchern für vier Morde verantwortlich, was mehr ist als der Jahresdurchschnitt der Polizeistatistik. Diese Autoren sind irgendwie aus dem isländischen Nebel aufgetaucht: "Es gibt bei uns praktisch keine Tradition der Krimi-Literatur", sagt Yrsa, "diese Gattung ist eigentlich erst in den vergangenen zehn Jahren richtig populär geworden". Warum? Weil die Leute wie woanders auch Spannung suchen, "wissen wollen, wer der Mörder ist", so die Autorin.

Eine letzte Frage an die schreibende Ingenieurin: Wo liegt der größte Unterschied, wenn man anstatt Kinderbücher nun Krimis schreibt? Die Antwort lässt ein wenig die raueren Seiten der isländischen Gesellschaft ahnen: "Kinder reden nicht betrunken davon, ob dein Buch gut oder schlecht ist", sagt Yrsa Sigurðardóttir in ihrer charmanten, trockenen Art.