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"DSDS": Heute Spinner, morgen Star

10.000 hielten sich für berufen, 800 wurden getestet, 30 sangen sich in die Auswahl. Jetzt sind noch sieben Kandidaten übrig. Für die Talente wird der Druck immer größer, während Zuschauer und Musikindustrie auf ihre Kosten kommen.

Von Wolfgang Röhl und Thomas Rabsch (Fotos)

"But what can a poor boy do except to sing for a rock'n'roll band (The Rolling Stones, Street Fighting Man, 1968)

Judith hat es hinter sich. Aus der Traum vom Superstar. Sie hat das Handtuch geworfen. Auf halber Strecke des Starmarathons wurde ihr der Druck zu groß, das ganze Projekt unheimlich. Ewig proben, ewig mit der Gruppe zusammen sein, dazu der Medienrummel. Morgens sah sie sich im Spiegel an und erschrak. Das bist du nicht mehr! Du veränderst dich. Angst habe sie vor sich bekommen, sagt sie. Dann lieber tschüs.

Schade. Judith aus Rheda-Wiedenbrück, 21, Gelegenheitskellnerin, als Kleinkind von deutschen Eltern in Indien adoptiert, hätte es schaffen können. Bar jeder Hindi-Kenntnis, aber gesegnet mit einem Blues, der das Publikum aus den Plastiksesseln riss. Hinter der Bühne wirkte sie burschikos, zielstrebig, karrierebewusst. Das täuschte. Wer sie näher kannte, wusste, dass sie schon ein paar Dinge im Leben geschmissen hat. Manchmal war sie wie aufgezogen, hockte dann wieder bockig in der Ecke. Ein oszillierendes Temperament. Himmelhoch oder Tiefgarage. Star wird man so nicht. Stars müssen Druck abkönnen.

Judith konnte auch deshalb nicht mehr, weil ihr Stefanie fehlte, ihre Busenfreundin bei der Show. Steffie war als Erste durchgerasselt. Die 22-jährige, sympathische, witzige Blonde aus Berlin, die in die Fragebogenrubrik "Meine Stärken" unter anderem eintrug: "Kann gut putzen". Profi-Sängerin will sie werden, und daran wird sie unverdrossen weiterarbeiten. Weshalb sie bei "Deutschland sucht den Superstar" floppte? Wer weiß? Wirkt die patente Steffi zu bodenständig für einen Star? Ach, vielleicht war das Publikum einfach zu doof für Steffi.

Egal. Gewonnen hat auch sie. Ins Fernsehen zu kommen, das war für Steffi vor ein paar Monaten so realistisch wie zum Mars zu fliegen. Inzwischen haben Millionen sie in der RTL-Show singen gehört, Millionen in "Bild" oder "Bravo" die Geschichte von der Werbekauffrau gelesen, die von Paderborn auszog, das Musikgeschäft zu erobern. "Wenn ich jetzt Demo-Bänder verschicke, hören die Produzenten viel aufmerksamer zu", sagt sie. Steffi ist keine Träumtänzerin, und der "Psycho-Kollaps", den sie laut "Bild" nach ihrem Ausscheiden erlitt, war in Wahrheit nur ein bisschen Geheule. Die meisten Kandidaten haben an diesem Abend geheult, und nicht nur an diesem. Heulen ist mittlerweile das Markenzeichen der samstäglichen Show. Erst wird um die Wette gesungen. Dann fliegt der eine oder andere raus. Darob wird anschließend kollektiv abgeheult.

Wer soll als nächstes ausscheiden?

Wie Andrea beheult wurde! Sie kann jetzt ihre Friseurlehre in Ginsheim-Gustavsburg fertig machen, wo immer das liegt. Die 17-jährige Chilenin, Zahnspange, rote Haarsträhne im Haar, war die Schüchternste der Gruppe. Jeden Satz musste man ihr aus der Nase ziehen. Wie sie da saß bei den Proben, von Mutti Elizabeth in einen weiten Kuschelpullover gepackt, bei Interviews ein Kuscheltier umklammernd – die Kuschelmaus sui generis. "Total süß" befand Juror Dieter Bohlen seine Lieblingskandidatin bis zuletzt, doch das Fernsehvolk wählte sie am Jahresende per Telefon raus. Nicht, dass sie schlecht gesungen hätte. Aber dem Mädel fehlt noch was. Auch Star-Azubis benötigen eine gewisse Aura.

Eine gewisse Persönlichkeit, wie sie dieser Nektarios aus Fellbach hat. 27 Jahre, griechischer Stammbaum, schwäbischer Akzent, nach eigenem Bekenntnis harmoniesüchtig. Sein Idol ist Jesus Christus Superstar, sein Glaube: "Mein Talent habe ich von Gott bekommen, und sicher nicht dazu, unter der Dusche zu singen." Trotzdem flog er letzten Samstag raus. Weil er als Einziger ein deutsches Lied sang? Vielleicht eher, weil er es einfach nicht wuppte, sich starmäßig anzuziehen.

Jetzt sind es nur noch sieben, die mitspielen dürfen. Die zum ständigen Schrumpfen verurteilte Gruppe wohnt in einem vom Sender angemieteten Haus bei Köln – Adresse streng geheim –, versorgt von zwei Vertrauensleuten. Es wird gemeinsam gegessen, ferngesehen, gealbert, gesungen. Ein bisschen wie Container-Leben, aber ohne das Rauslassen niedriger Instinkte. Jeder für sich übt immer wieder seine Songs für die nächsten Mottoshows "Musical + Film", "Deutscher Pop", "Die 80er Jahre" oder "Big Band". Klausur, bis Anfang März der Gewinner fest steht. Deutschlands neuer Superstar!

Was ist das eigentlich? Die Soziologen definieren "Star" als eine Person, "die durch ihre körperliche Präsenz, ihre Gestik und Mimik nicht nur die Rolle glaubhaft verkörpern kann, sondern darüber hinaus noch ein Publikum auf seine Person zu fixieren weiß". Was die Kandidaten vom Startum kennen, sind diese Menschenmassen mit Feuerzeugen, Wunderkerzen, Devotionalien. Schwankende Wälder aus aufgerichteten Armen. Lichtdome wie einst in Nürnberg. Diese latent religiöse Verehrung aus dem harten Fanblock – Popreichsparteitage sind es, auf denen ein Grönehagen charismatisch die Arme zurückwirft und seinen Jüngern von der Bühne zuruft: "Ich liebe euch mehr als mich!" Himmel! Ein einziges Mal da oben stehen.

Hier sind die, die unbedingt aufs Treppchen wollen. Chefheulerin Juliette aus Hamburg, 22, Musical-Darstellerin, Hammerstimme, Frisur und Temperament schwer aufgekratzt. Die ganze Person schwebt auf einer Wolke positiven Denkens.

Dann ist da der Teenie- und Tantenschwarm Alexander aus Sendenhorst, 19, gilt als deutscher Robbie Williams, optisch mehr Schumi III. Macht ein Berufskolleg, hat aber von seinem Schulleiter eine Auszeit bekommen. Trat schon mit zehn in der Mini-Playback-Show auf, singt heute in diversen Bands. Einer, der ernsthaft am Gitter des Musicbiz rüttelt, "jetzt ist der Traum zum Greifen nah". Vanessa, 17, Schülerin aus Oberhausen, Halbfilipina, extrem hübsch, kann sich mit etwas Styling ruckartig in einen scharfen kleinen Vamp verwandeln. Würde viel lieber Soul singen als das übliche Pop-Gedudel, weiß aber, dass ihre Stimme noch nachdunkeln muss.

Das Kontrastprogramm zu Nektarios heißt aniel "Hüftschwung" Lopes, 26, Brasilianer aus Schloss Holte bei Bielefeld. Musikprofi, spielte schon mit zwölf Jahren in einer brasilianischen Boygroup. Perfekte Stimme, routinierter Performer, geschmeidiger Tänzer. Ein hinterhofschöner Latino, halb Macho, halb Sülzkopp. Besitzt bereits solide Star-Allüren – den Friseur lässt er sich aufs Zimmer kommen. Frauentyp, besonders gefragt, seit er im Fernsehen aufscheint: "Plötzlich rufen Mädchen an, die behaupten, sie hätten zufällig meine Nummer wiedergefunden, haha!" Daniel turtelt jetzt verschärft mit Juliette, von der es anfangs hieß, sie zöge sich wie eine "Kampflesbe" an.

Gracia aus München, 26, lernt Veranstaltungskauffrau und ist ziemlich sexy. Hat jahrelang Gesangsunterricht gehabt, was man ihr unschwer anhört – die Stimme druckvoll, manchmal fast zu kräftig. Den Song "Stop!" fetzt sie besser raus als Sam Brown. Für Gracia ist Dabeisein die Hauptsache: "Wenn man sich nicht ganz dämlich anstellt, fällt für jeden von uns was ab." Stimmt. Ein anderes Busenwunder, das schon sehr früh aus dem "Superstar"-Raster fiel, erhielt prompt Einladungen zu Talk-Shows. Etwa zum Thema "Ich hab 'ne Menge Holz vor der Hütte".

Für Judith rückt kommenden Samstag die blond gelockte Nicole aus Berlin nach, wie Vanessa eine von der Reservebank der "Lucky loser". Die kann ihr Glück kaum fassen, startet aber mit Handicap. Die anderen haben inzwischen reichlich Erfahrungsvorsprung. Sie muss sich innerhalb von nur einer Woche up to date singen. Anderenfalls das Publikum sie womöglich gleich wieder aus dem Rennen schmeißt.

Knaller der Veranstaltung ist Daniel der Bayer. Die Jury meinte, er habe eine Schraube locker und sei daher Showbiz-tauglich. Gerade mal 17, Kinderpfleger-Schüler, Kobold der Truppe. Ein Derwisch, der sich mit seiner Teenie-Quietschstimme in Blitzesfrist eine fanatische Fangemeinde ersungen hat. Das "putzige Kerlchen" (Juror Thomas Stein) wird vom Sender seit Wochen in Köln versteckt, weil es im niederbayerischen 12.600-Einwohner-Ort Eggenfelden keine ruhige Minute mehr hätte. Das Gästebuch auf der Eggenfeldener Homepage quillt über vor Daniel-Durchhalteparolen ("Du schaffst es!"). Mit Autos und Kleinbussen rücken Fans am Wochenende zum "Dani-Suchen" an. Kids aus ganz Deutschland hüpfen neuerdings mit Kilt, Karo-Krawatte und Kniebundhosen herum, wie Daniel auf der Bühne des Kölner "Coloneums".

Ganz sicher ist man sich bei dem nie. Verarscht er einen? Oder ist der so crazy? Daniel kennt sich mit allerhand esoterischem Zeugs aus, interpretiert einem flüssig die Sternzeichen, legt Tarotkarten, behauptet aber, nicht zu wissen, was und wo Chile ist. Ziemlich abgespaced, um seinen Lieblingsausdruck zu benutzen. Fraglos der schrägste Vogel der Firma Superstar. Inzwischen schreibt er dauernd Autogramme, und wenn er in einem Lokal sitzt, passiert es schon mal, dass der Wirt bittet, mit ihm fotografiert zu werden, "für unsere Wandgalerie". Kann so einer ohne Dellen in der Schüssel in sein Städtchen zurück? Kein Problem, sagt Daniel. Er hat es nie für möglich gehalten, auch nur unter die ersten zehn zu kommen. "Wenn ich raus bin, geh ich halt wieder in meinen Kindergarten – auch schön."

Und die Sinnfrage? Was das Ganze soll etc.? Also, im Fernsehwelsch wird die Sendung Casting-Show genannt, vom englischen to cast, besetzen. 10.000 Möchtegerne hatten sich im Sommer gemeldet, als RTL nach einem angehenden "Superstar" fahndete. Peu à peu waren etwa 800 Vor-Kandidaten aussortiert worden. Deren teils schwerstkakophonischen Anstrengungen musste eine Jury lauschen. "Die Juroren sind fürs Leben geschädigt", sagt Grundy-Pressesprecher Christian Körner. Andauernd dieselben Stücke, Spitzenreiter: "Underneath Your Clothes" von Shakira und "Hero" von Mariah Carey. Bei einem "Recall" in Düsseldorf wurden die besten 30 gekürt, diese wiederum an drei TV-Abenden in "Zehnershows" auf die Top Ten eingedampft.

Hinter der Großunternehmung, an der seit Ende Juli permanent 60 bis 70 Leute arbeiten, steht der Bertelsmann-Konzern, zu dem auch der stern gehört. Die Gütersloher wollen damit einmal mehr ihre Synergie-Strategie fahren. Was bedeutet, dass verschiedene Konzerntöchter emsig im selben Steinbruch hämmern. Konkret: Das in England und Amerika hoch erfolgreiche TV-Format "Pop Idol" (bis zu 14 Millionen Zuschauer) der RTL-Tochter Fremantle wird von den Unterhaltungs-Profis der Kölner Firma Grundy (die wiederum zu Fremantle gehört) punktgenau auf deutsche Verhältnisse getrimmt. Als Sender, der sich mit der Show die begehrte Werbezielgruppe der 14- bis 49-Jährigen fett macht, fungiert das von Bertelsmann kontrollierte RTL. Flankierende Magazinsendungen liefert Vox, seinerseits Teil des Konzerns.

Als Trophäe winkt dem Gewinner des Sängerwettstreits ein Plattenvertrag mit der Bertelsmann Music Group. Die BMG erhofft sich natürlich nicht wirklich einen Superstar. Aber doch ein paar Chart-Brecher, wie sie bei den englischen und amerikanischen Vorläufersendungen abfielen. Bertelsmann-Töchter besorgen das Merchandising rund um die Multimedia-Veranstaltung, die nach dem Vorbild von "GZSZ" zu DSDS (Deutschland Sucht Den Superstar) verkultet wurde. CDs, ein Buch und ein viermal in hoher Auflage erscheinendes Fan-Magazin sollen die Bilanz verschönern. Hinzu kommen Erlöse aus Millionen von Telefonanrufen à 49 Cents, mit denen das Fanvolk über die Kandidaten abstimmt, sowie Eintrittsgelder für das jeweils 500-köpfige Studiopublikum der Live-Shows, pro Nase immerhin 18 Euro. Auf sämtliche Finalisten hat BMG eine Art Vorkaufsrecht. Ein Klops, wie er der Show-Serie "Popstars" auf RTL 2 unterlief, soll nie mehr passieren. Dort wurde vor zwei Jahren die Mädchenband No Angels aus der Retorte gehoben. Deren mehr als eine Million Mal verkaufter Song "Daylight In Your Eyes" landete aber nicht bei Bertelsmann, sondern bei der Konkurrenz.

Der brachiale Marktauftritt hat der Sendung ein etwas ungnädiges Presseecho beschert. Kritiker nannten sie eine "Verhöhnungsshow". "Deutschland sucht das Suppenhuhn" titelte ein Blatt, die Legende vom bösen Musicbiz fortschreibend, das Kindersehnsüchte skrupellos ausbeutet. Casting-Spektakel haben sowieso einen Hautgout. Da würde, glauben viele, allein musikalische Homunkuli erzeugt, sterile Klangklone. Dahinter steht der rührende Glaube, echte Popstars kämen wie ein Naturereignis über die Welt. Noch dazu am besten "aus der Gosse", so das Credo von Boy George. Doch war nicht auch die Endsiebziger-Punkcombo Sex Pistols eine so genannte Prefab-Band, am Schreibtisch gezeugt vom Marketing-Genie Malcolm McLaren? Waren nicht die Monkees ("I'm A Believer") die erste gecastete Boygroup der Welt?

Superstar-Aspiranten schert das alles nicht die Bohne. Der Weg zum Ruhm ist kompliziert genug. In den zugigen, von Grundy angemieteten Studios in Köln-Hürth hat man sie wochenlang trainiert, regelrecht geschliffen. Kaum einer hat sich die Star-Werdung derart mühsam vorgestellt. Immer wieder Songs proben, begleitet von Mike am Klavier. Immer wieder Stimm-Coaching der Experten Adrian und Birgitta. Um das so genannte Phrasing zu erlernen, die Kunst, Worte in ein Gefühl einzubetten. Um zu begreifen, dass die Singarbeit nicht in der Kehle, sondern in Kopf und Bauch stattfindet. Resonanzräume öffnen, Gesichtsmuskeln bei der albernen, aber wirksamen Blubberübung entspannen. Gestik, Mimik, Feinmotorik, alles muss geschult werden. Wie man ins Publikum blickt, es begrüßt, auch das macht den Star – oder eben nicht. Richtige Frisuren, Wohlfühlklamotten, mal hip, mal elegant. Alles wird endlos exerziert, und mittenmang immer die Kamerateams von RTL und Vox und Bravo-TV. Die Wandlung der Jungschar ist beinahe beängstigend. Mit jedem Tag wird sie selbstsicherer. Alex und Vanessa sitzen auf dem Weg zur Vierschanzentournee zum ersten Mal in einem Flugzeug, fragen die Autogrammjäger in der Maschine aber wie Routiniers: "Für wen soll es sein, bitte?"

Der Sender schottet streng ab. Die Bande wird zu Verschwiegenheit vergattert, als sich das Gerücht ausbreitet, im Ramada-Hotel von Hürth, wo sie anfangs wohnen, habe sich ein Spitzel eingenistet. Der versuche, sie abends an der Bar auszuquetschen. Im Frühstücksraum beobachte er sie über den Rand der Zeitung. Einer von Sat 1? Dessen "Akte"-Sendung hatte zu Beginn des RTL-Castings von folterähnlichen Methoden berichtet. Teilnehmer seien gezwungen worden, sich ganze Passagen aus Dieter Bohlens Autobiografie anzuhören und diese auch noch gut zu finden. Hätte ein Fall für Human Rights Watch werden können, erwies sich aber nur als Neidgezänk rausgekegelter Kandidaten.

Auf Merkzetteln steht, wie man sich vor der Medienmeute schützt. "Dazu möchte ich nichts sagen." "Dazu kann ich nichts sagen." "Das weiß ich wirklich nicht." So, junge Freunde, soll eure Rede gehen, wenn man euch nach Honoraren, Taschengeld und Verträgen befragt. Sagt bitte nie: "Dazu darf ich nichts sagen." Das fiele auf den Sender zurück. Dafür sollt ihr folgende Dinge über euch erzählen: "Alter, Schule, Freund/Freundin, Hobbys, Freizeit, Sportverein, Band etc." Nicht vergessen: "Sobald ihr Zweifel am Interviewpartner haben solltet: Ruft uns an!" Am Ende ist es dann doch so, dass "Bild" eine Reihe von hübsch angesauten Stücken über die Kandidaten bringt, hauptsächlich über die weiblichen. Da kullern die Möpse aus den Fotos, da blitzen die Strapse, und Andrea sieht im schwarzen Unterzeug aus wie eine Nachwuchskraft vom Kiez. Vanessa aalt sich zwischen zwei Kerlen, und Juliette scheint eine Stellung aus dem Kamasutra zu üben.

Werde Popstar in 17 Wochen – diese Nummer ist härter als "Big Brother" und "Inselduell" zusammen. Dummdreist zu sein oder eine Koskosnuss mit der Machete zu knacken ist ja ein Klacks gegen Star sein. DSDS fällt unter die Rubrik "positive Reality-Show". Ohne Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin, Ausdauer, Pünktlichkeit ist da nichts zu holen. Null Chance für Null-Bock-Typen. Die Casting-Show ist eine Schule fürs Leben.

Und zwar von Anbeginn. Die ersten Folgen, in denen die Jury offenkundig Sangesbehinderten die Meinung geigte ("Klingt wie Kermit, wenn hinten einer drauftritt") waren nicht bloß ulkig. Sie waren auch eine Lektion für Pisa-Deutschland. Nämlich, dass es im Leben nicht wie in der Gesamtschule zugeht, wo man einfach die Zensuren abschafft, wenn die Leistungen nicht stimmen. BMG-Boss Thomas "Onkel" Stein, das graue Fallbeil ("Das Lied hast du total versemmelt"), und Sprücheschmied Dieter Bohlen ("Heiße nicht Dieter Teresa") hatten mit Kuschelpädagogik nichts am Hut. "Klein-Puschi-Stimmen" und Textvergesser sahen unverzüglich die rote Karte.

Überhaupt, Bohlen! Eines müssen selbst seine Verächter zugeben: Der Ausnahme-Literat aus Tötensen, auch als künftiger Wirtschaftsminister gehandelt, ist ein saustarkes Glied in der Superstar-Vermarktungskette. Sein Spruchgut ließ ihn zum Liebling des Studiopublikums werden. Die Kandidaten mögen ihn, weil er sein Handwerk versteht und weil er sie ernst nimmt. Er schmiert niemandem Honig um den Bart, predigt immerfort: "Verspielt nicht Haus und Hof, indem ihr das falsche Lied singt. Der Song muss vor allem den Leuten gefallen, nicht euch!" Ein ausgekochter Profi, der mit den Eleven in seinem Studio nebenbei schnell mal einen Hit produziert – "We Have A Dream", die Antwort der Nordheide auf "We Are The World". Leider zeitigt Bohlens äußerst schlanker Wortschatz schlimme Implikationen. Die Jungstars sind mittlerweile vollständig verbohlt, kommunizieren nur mehr in Begriffen wie "super", "mega" oder "hammermäßig". Was sie dringend nötig hätten, wäre ein Sprach-Coaching.

"Hochbegabtenförderung" nennt Juliana Alon den Casting-Zirkus. Die Kölner Psychologin, eine für ihre Zunft ungewöhnlich lebenskluge Person, steht im Hintergrund bereit, wenn die Kandidaten unter Stress geraten, "bin wie das Netz für Seiltänzer". Aber veritable Psychodramen spielen sich gar nicht ab, außer im Fall Judith. Als "sehr professionell, nie größenwahnsinnig" erlebt Frau Alon ihre Schützlinge. "Hier ist ein ernsthaftes Sängerpotenzial, das Angebote sucht. Hier sind mutige junge Leute, die ihre Rolle im Leben suchen und sich dafür verausgaben wie 1000-Meter-Läufer – ist doch wunderbar, oder?" Keinem der Teilnehmer drohe der Zusammenbruch, wenn er rausfliegt: "Auch dann finden die sich noch gut." Die Psychologin hat starke emotionale Bindungen innerhalb der Gruppe ausgemacht. "Es ist eine Art Kriegssituation", sagt die Psychologin. "Der Stress, die Schlaflosigkeit, die vielen Kameras, Menschen und Eindrücke, die auf sie einstürmen – all das schweißt zusammen." Wie lange wohl noch? Bei der letzten Sendung begann der Kitt bereits zu bröseln. Kein einziges Tränchen rann, als Judith Abschied nahm. Sobald die Gruppe auf vier, fünf Kandidaten abgeschmolzen ist, werde offene Rivalität durchbrechen, prophezeien Show-Experten. Und die Journaille freut sich schon auf Schmutzwäsche.

Zum Schluss, lieber Gesangverein, eine Gutenachtgeschichte. Es war einmal ein lustiges Kerlchen, das kam in ein Studio geschneit. 18 Jahr', fettiges Haar, in der Hand eine abgegriffene Gitarre. Verdruckst im Habitus, Hunger im Blick. Sänger sei er, erklärte der Junge frech. Wie er klänge, wollte man wissen. Wie wer? Er, megacool: Ich klinge überhaupt nicht wie jemand anders.

Fand auch der Studioboss, als er den Jungen hörte. Er nahm ihn unter Vertrag. Das war vor einem halben Jahrhundert in Memphis, Tennessee. Das Kerlchen hieß Elvis Aaron Presley, verkaufte mehr als eine Milliarde Platten und wurde The King. Aber der König ward sehr einsam und unglücklich und dick und nahm viel zu früh ein hässliches Ende auf dem Badezimmerflur. Ist das, ihr Lucky Loser, nicht megatröstlich?

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(