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"Keine Zeit zu sterben" Der Mann, der 007 war – Daniel Craigs furioser Abgesang auf den Geheimagenten

Daniel Craig in "James Bond: Keine Zeit zu sterben"
Eigentlich wollte er nur entspannt fischen, doch dann musste James Bond (Daniel Craig) wieder einmal die Welt retten.
© 2021 DANJAQ, LLC AND MGM. ALL RIGHTS RESERVED.
Zum fünften und letzten Mal soll er die Welt retten: In "Keine Zeit zu sterben" nimmt Daniel Craig Abschied von James Bond - und vollendet seine radikale Neuerfindung des legendären Geheimagenten.

Die Erwartungen an diesen Film waren schon von vornherein überlebensgroß: In "James Bond: Keine Zeit zu sterben" soll Daniel Craig ein letztes Mal die Welt retten - und das Kinojahr gleich mit, vielleicht sogar den Fortbestand der Institution Kino. Viele rechneten deswegen damit, dass Craig einen spektakulären Schlusspunkt setzt unter seine fünf Einsätze. Ein Finale mit Knall abliefert, das lange in Erinnerung bleiben wird.

Letzteres, so viel lässt sich schon mal verraten, dürfte gelungen sein. Allerdings vermutlich anders, als die meisten gedacht haben.

Denn dieser Film hat wenig von einer knallig-bunten Abschiedsparty. Stattdessen ist der Film von der ersten Minute an in tiefes Moll getaucht. Es hängt eine schwere, dunkle Wolke über dem Geschehen, die sich im Laufe der 163 Minuten allenfalls für kurze Momente verflüchtigen wird. 

James Bond im Liebesurlaub

Zu Beginn sehen wir den Geheimagenten im Liebesurlaub in Italien, zusammen mit der Psychologin Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux), die bereits im vorherigen Abenteuer "Spectre" sein Interesse geweckt hatte. Doch natürlich hält das Glück nicht lange an.

Hier greift der Film zurück auf 2006: In "Casino Royale", dem ersten der fünf Craig-Filme, hatte der notorische Einzelgänger Bond gegen seine Natur einer Frau vertraut - und wurde enttäuscht. Was ihn nur noch zynischer machte.

Nun will er Vesper Lynd vergessen, es noch einmal mit der Liebe versuchen. Doch die traute Zweisamkeit wird schon bald gestört. Bond fühlt sich erneut von einer Frau verraten, verlässt sie und taucht ab. Bleibt fünf Jahre unauffindbar, nicht einmal der britische Geheimdienst kennt seinen Aufenthaltsort.

007 ist jetzt jemand anderes

Schließlich stöbert ihn sein alter Freund Felix Leiter vom CIA auf Jamaika auf, wo der einstige Agent seine Zeit mit Fischen verbringt. Und reaktiviert ihn: Er soll wieder die Welt retten, ein letztes Mal. Die Organisation Spectre hat gefährliche Bio-Erreger gestohlen, mit der sie die massenhaft Menschen auslöschen kann.

Dass die Lage ernst ist, dämmert Bond, als auch die MI6-Mitarbeiterin namens Nomi (Lashana Lynch) auftaucht. Die ist in seiner Abwesenheit zur Doppelnull-Agentin aufgestiegen und hat sein Erbe angetreten: 007 - das ist jetzt sie.

Und James Bond ein zahlenloser Niemand. Der allerdings seine alten Fähigkeiten nicht ganz verlernt hat. Und so geht es von Neuem los: Eine Verfolgungsjagd über mehrere Kontinente, bei dem man als Zuschauer nicht immer sofort versteht, wer jetzt warum wohin fliegt und sich bekriegt. Der Plot wirkt wie die bewusste Parodie auf die zurückliegenden 24 Bond-Abenteuer, deren Inhalt immer wieder aufs Neue aus solchen atemlosen Rennen um die Welt bestand. 

Daniel Craigs radikale Neuerfindung des Geheimagenten

In einer Zeit, da die Klimakatastrophe die Menschheit eingeholt hat, erkennt auch James Bond, dass es so nicht weiter gehen kann. Dass die alten Verhaltensmuster und Rollenbilder nicht mehr funktionieren. Die den Planeten erst in den Schlamassel gebracht haben, aus dem die Menschheit nicht mehr rauszufinden scheint. In einer Szene stehen Bond und sein Chef M (Ralph Fiennes) am Themseufer und sprechen über die Motive des neuesten Fieslings, Lyutsifer Safin (Rami Malek). "Was kann der schon wollen? - Was sie alle wollen." 

Alles schon gesehen, alles schon mal gewesen: Fiennes wirkt nicht nur in dieser Szene müde wie der Gott Wotan im "Ring des Nibelungen", der sein Geschöpf ein letztes Mal losschickt, um dem Planeten Erlösung zu verschaffen. Nicht nur wegen der gewaltigen Dauer dieses längsten Bond-Films aller Zeiten weist "Keine Zeit zu sterben" Parallelen auf zu Richard Wagners "Götterdämmerung". Es ist die gesamte Atmosphäre: Der Film schafft es, den Zuschauer rund drei Stunden in einer düsteren, dem Untergang geweihten Stimmung zu halten, der die ersehnte Erlösung immer weiter hinauszögert. Der Weltenbrand kann am Ende zwar abgewendet werden - aber nicht jeder Gott wird ungeschoren davonkommen.

Das ist vielleicht nicht, was Hardcore-Fans erwartet haben, ist aber in seiner Machart äußerst kunstvoll und einzigartig. Denn Cary Fukunaga (Regie und Drehbuch) sowie Purvis & Wade und Phoebe Waller-Bridge (Drehbuch) ist zweierlei gelungen: Zum einen schaffen sie es durch unzählige Bezüge auf die vorherigen Filme Craigs, seine fünf Einsätze als ein zusammenhängendes Schaffen darzustellen. Gewissermaßen als ein Gesamtkunstwerk.

"Keine Zeit zu sterben" vollendet, was 2006 mit "Casino Royale" begann: Der Neuerfindung der Figur des Geheimagenten, die aus einer unendlich fernen Ära kommt: 1962 befand sich die Welt im Kalten Krieg und das Patriarchiat saß noch fest im Sattel. Doch die Welt hat sich verändert, und mit ihr die Menschen: Das hat Daniel Craig auch im Laufe seiner fünf Filme erkannt - und daraus seine Schlüsse gezogen. Wie radikal die sind, das wird in diesem Finale deutlich, das die Figur buchstäblich Grenzen überschreiten lässt. 

"Keine Zeit zu sterben" beschließt die Craig-Jahre

"Keine Zeit zu sterben" beschließt aber nicht nur die Pentalogie der Craig-Jahre, er spannt einen weiten Bogen, der ihn mit der Historie der 25 James-Bond-Filme verbindet. Das Finale etwa spielt - eine Reminiszenz an den ersten Einsatz in "James Bond jagt Dr. No" - auf einer abgelegenen Insel. Einziger Unterschied: Damals bestand die Gefahr in Radioaktivität - heute sind es Biowaffen. Die feindliche Geheimorganisation hieß aber damals wie heute: Spectre.

Noch deutlicher wird die Verortung in der Filmgeschichte mit dem Einsatz von Louis Armstrongs "We Have All The Time In The World", das im Soundtrack motivisch verarbeitet wird und im Abspann sogar in voller Länge erklingt. Ganz sicher keine zufällige Wahl: Es war der Song zu George Lazenbys einzigem Einsatz "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" - in dem sich der Frauenheld bändigen ließ und heiratete.

Léa Seydoux in "Keine Zeit zu sterben"
Die Psychologin Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux) erfährt in "Keine Zeit zu sterben" einiges über ihre eigene Vergangenheit.
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Die Wandlung von Craigs Figur ist ganz ähnlich. Liebe und Vertrauen - das sind auch seine Themen. Nebenbei entsteht hier erstmals in der Geschichte ein fast gleichwertiger Charakter neben James Bond: Die von Léa Seydoux gespielte Madeleine Swann wird dreidimensional. Bereits in "Spectre" war sie als starke, eigenständige Persönlichkeit eingeführt worden - nun bekomme sie eine eigene Geschichte. Eine eigene Vergangenheit, eigene Traumata und Verletzungen, die sie erst zur idealen und einzig denkbaren Partnerin von Bond machen.

Der beste Film der Bond-Reihe

Auch damit entfernt sich dieser Film von früheren Teilen dieser Agentenreihe, wo Frauen bestenfalls als optische Zierde für den Zuschauer und als Zeitvertreib für James Bond dienten.

"Keine Zeit zu sterben" wird das Publikum spalten. Daniel Craig selbst hält diesen Film für seinen besten aus der Reihe - ein Urteil, dem man unumwunden zustimmen kann. Dagegen wird nicht jeder mögen, wie radikal der Schauspieler den früheren Helden umgebaut hat.

Craig wird das egal sein. Er hat schon bei seinem ersten Einsatz "Casino Royale" deutlich zu verstehen gegeben, was er von der Meinung anderer hält: "Do I look like I give a damn?"


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