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"The Program" im Kino: Das Doping-Drama um Lance Armstrong

Erst acht Jahre nach seinem letzten Sieg bei der Tour de France legt Lance Armstrong ein Doping-Geständnis ab. Der Spielfilm "The Program" versucht zu zeigen, wie stark verwoben das Lügen-Netz des Radsportlers war.

Ben Foster als Lance Armstrong in "The Program"

Schauspieler Ben Foster strampelt als Lance Armstrong im Film "The Program - Um jeden Preis", der am Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft

Radsport-Filme dürften vor allem ein Vergnügen für ambitionierte Pedaltreter sein. Wer sich unter sengender Sonne den Berg hochgequält und stundenlang auf dem harten Sattel Kilometer frisst, wird das Rad-Fieber verstehen. Einsame Kämpfer, schwitzende Asphalthelden, von Anstrengung verzerrte Gesichter - in seinem neuen Film "Um jeden Preis" setzt Stephen Frears ("Mein wunderbarer Waschsalon") ganz auf die Faszination des Radsports.

In der Saga über den Aufstieg und Fall von Lance Armstrong, dem siebenfachen Tour-de-France-Sieger und überführten Doper, spielt der Brite mit jenen Bildern, wie sie wohl nur der Radsport produziert. Doch Frears, dem mit "The Queen" ein packendes Drama über die britische Monarchie gelang, will auch hier an der Zeitgeschichte mitschreiben.

Ben Foster als Lance Armstrong in "The Program"


Reporter gegen Radrennfahrer

"The Program" heißt der Film im englischen Original. Tatsächlich hatten Armstrong und seine Helfer ein Doping-System ausgetüftelt und damit jahrelang die Kontrollen ausgehebelt. Wie im Rennen von Hase und Igel waren Armstrong und seine Kollegen den Inspektoren zunächst immer einen Schritt voraus.

Lange konnten betrügende Radprofis auf das stille Einverständnis der Sportfunktionäre setzen, die beide Augen zudrückten. Schon früh spürten aber Journalisten, dass da etwas nicht stimmen konnte. Schließlich kam die Justiz dem systematischen Betrug auf die Spur.

Vertuschen, leugnen, lügen - die Armstrong-Story hat alle Zutaten für einen Krimi. Frears stützt sich auf einen Tatsachenroman des Briten David Walsh. Der Investigativ-Reporter der "Sunday Times" hatte Lance Armstrong früh als vielversprechendes Talent ausgemacht und baute zu ihm eine gute Arbeitsbeziehung auf. Doch irgendwann merkte auch Walsh, dass bei Armstrong etwas zu gut lief, um wahr zu sein. Über knapp 100 Minuten entfaltet Frears das Duell zwischen Walsh (Chris O'Dowd) und Armstrong (Ben Foster).

Dopingarzt Ferrari macht Armstrong unbesiegbar

Zunächst kauft Armstrong das Dopingmittel EPO in einer Apotheke, ein Jahr später gewinnt er sein erstes großes Rennen in Europa. Der Aufstieg des Amerikaners wird dann durch seine Hodenkrebs-Erkrankung gestoppt. Ein Gespräch mit einem Arzt wird ihm zum Verhängnis: In Anwesenheit seines Freundes und Teamkollegen Frankie Andreu und dessen Frau Betsy gesteht Armstrong, schon früh gedopt zu haben. Betsy wird später im Verfahren der US-Justiz zur Kronzeugin gegen Armstrong. 


Doch dann nimmt Doping-Arzt Ferrari (gespielt von Guillaume Canet) Armstrong unter seine Fittiche. Der Italiener tüftelt einen Cocktail aus, der bei Blut- und Urintests nicht auffallen soll. 1999 gewinnt Armstrong seine erste Tour de France. Walsh zweifelt immer stärker - so schnell nach seiner Krebserkrankung scheint der Sportler in Bestform zu sein. Armstrong wird zum Idol für Millionen und zum lukrativen Werbezugpferd. Sieben Mal gewinnt er die Frankreich-Rundfahrt - bis sein Teamkollege Floyd Landis auspackt.

Doku statt Drama

Der Fall Armstrong ist heute weitgehend aufgearbeitet. In der US-Talkshow von Oprah Winfrey legte der Amerikaner ein Doping-Geständnis ab, die US-Antidoping-Behörde USADA hat ihn auf Lebenszeit gesperrt, seine Tour-Titel sind weg. Was interessierte Frears so sehr an der Affäre?

Zwar gelingt es Ben Foster, Armstrong glaubwürdig als schillernd-verbissenen Aufsteiger zu spielen. Doch sonst bleibt das Drama merkwürdig hölzern, die Geschichte blutarm. In sperrigen Dialogen versuchen Frears und Drehbuchautor John Hodge, die Hintergründe des Doping-Systems für jeden verständlich zu erklären. Doch warum der maßlos ambitionierte Armstrong immer tiefer in das Lügennetz versinkt, bleibt auch danach ein Rätsel. Mit einem Dokumentarfilm wäre Frears dem Thema wohl eher gerecht geworden.

jho/Esteban Enge / DPA