"Wächter der Nacht" Russenkino


Mit der Fantasy-Action-Trilogie "Wächter der Nacht" startet die russische Kinonation eine neue Offensive auf die Leinwände der westlichen Welt. Für Hollywood ein ästhetischer und wirtschaftlicher Alptraum, der die Filmriesen aus allen seichten Illusionen reißt.
Von Andreas Albes

Konstantin Ernst ist kein Mann, der in kleinen Dimensionen denkt. Er lehnt wippend in seinem Ledersessel, blickt über den gut zehn Meter langen Konferenztisch vor sich und zieht an der Zigarette, die ihm seine Sekretärin gerade gebracht hat. "Wächter der Nacht", sagt er, "das ist unser Team gegen Hollywood." Mit seinem fast schulterlangen Haar und dem zu weit aufgeknöpften, über dem Bauch spannenden Hemd sieht Ernst zwar nicht so aus, aber er ist einer der mächtigsten Männer Russlands, Chef des Staatsfernsehens "1. Kanal" und erfolgreichster Filmproduzent.

"Wächter der Nacht" ist Russlands erster Blockbuster. Gedreht nach einem Fantasy-Roman von Sergej Lukjanenko: Der Jahrhunderte andauernde Waffenstillstand zwischen den Mächten der Finsternis und den Mächten des Lichts wird gebrochen; Hexen, Vampire und andere schräge Wesen bekämpfen sich im modernen Moskau. Vor einer Kreml-Kulisse, spielt die Handlung in dreckigen Hausfluren und finsteren Wohnungen. Die Schauspieler sind gut, die Regie exzellent. Einmalig auch das russisch-direkte Product Placement: Erst werden dem Helden von Hand die Eingeweide sortiert, dass das Blut nur so spritzt, dann schwenkt die Kamera auf ein Etikett von Nescafé.

Qualität setzt sich durch

16 Millionen Dollar hat "Wächter der Nacht" an den einheimischen Kinokassen eingespielt und ganz Hollywood hinter sich gelassen: Matrix, Krieg der Sterne, Herr der Ringe. Der Erfolg sprach sich bis nach Amerika durch. 20th Century Fox sicherte sich die internationalen Rechte. Seit dieser Woche ist "Wächter der Nacht" auch in den deutschen Kinos zu sehen - mit 250 Kopien die größte Vermarktung eines ausländischen Films in der 20th Century Fox-Geschichte.

In Russland hat "Wächter der Nacht" längst Kultstatus. Die Webseite brach alle Klick-Rekorde. Die Medien feierten den Film als grandioses Comeback der Kinonation Russland, wo 1968 mit "Krieg und Frieden" der damals teuerste Film der Welt produziert wurde. Sowjetbürger gingen durchschnittlich 20 Mal im Jahr ins Kino - weit mehr als Amerikaner (sechs Mal) und Deutsche (3,6). Jedes noch so kleine Dorf hatte sein eigenes Lichtspielhaus. Dann kamen Perestroika und Kapitalismus. Wo früher Filme liefen, wurden Autos, Fernseher und Videorekorder verkauft. Mitte der 90er war die Zahl der Kinos auf 70 gesunken. Die Russen sahen amerikanische B-Movies im Original mit Untertiteln oder lausig synchronisiert: eine Stimme für alle Darsteller mit dem Tonfall einer Bahnhofsansage.

"Von allen Künsten ist Film für uns die wichtigste"

Karen Shakhnazarov ist Generaldirektor der Moskauer Filmstudios "Mosfilm". Ein zurückhaltender Typ mit zugeknöpftem Polohemd. "Hollywood ist zwar noch eine ganz andere Dimension", sagt er, "aber unser Weg stimmt." Als Shakhnazarov den Job vor sechs Jahren übernahm, wurde auf dem riesigen, mitten in der Stadt gelegenen Gelände noch mit Kameras aus den 70er Jahren gearbeitet, wenn überhaupt gearbeitet wurde. Shakhnazarov überzeugte Investoren von den Gewinnchancen des Filmbusiness. Heute ist "Mosfilm" der modernste Drehplatz Europas. Und Grundlage dafür, dass die Zahl der russischen Spielfilmproduktionen auf 160 pro Jahr gestiegen ist. Mehr als irgendwo sonst in Europa.

"Sogar Amerikaner, Franzosen und Italiener kommen zu uns", sagt Shakhnazarov. "Wir profitieren davon, dass ein Film, der in den USA 50 Millionen kosten würde, in Russland für fünf Millionen produziert wird. Wir können noch Schauspieler einsetzen und Kulissen bauen, wo andere aus Kostengründen auf Computeranimationen zurückgreifen." "Mosfilm" verfügt über einen Fundus aus 700.000 Kostümen, 300.000 Requisiten, 80 Oldtimern und eine Waffenkammer in der selbst Rambo blass werden würde. In einem Edelholzkästchen liegen dort noch zwei blitzende Colts mit Perlmutgriff, die ein US-Präsident dem Kreml mal als Gastgeschenk mitgebracht hatte. "Ich glaube, es war Ford", meint der Archivar. "Aber wir haben für die Dinger keine Verwendung. Es sei denn, die drehen einen russischen Western."

Lenin sagte einmal: "Von allen Künsten ist Film für uns die wichtigste." Offensichtlich erinnerte man sich auch im Kreml an diese Worte.

Sowjetisches Propagandakino rettet die kulturelle Ehre

Ein weiterer Blockbuster des vergangenen Jahres trägt den Titel "Countdown". Er wurde ebenfalls von TV-Chef Ernst produziert. Vorlage war ein Drehbuch, das unter Mitwirkung eines ehemaligen KGB-Offiziers entstand."

"Countdown" zeigt die Welt, wie sie Präsident Wladimir Putin gerne hätte. Tschetschenische Rebellen als Teil eines internationalen Terrornetzwerks. Der Anführer trägt Bart und Turban wie Osama bin Laden. In einem Moskauer Zirkus werden Kinder als Geiseln genommen, Bomben hängen über ihren Köpfen. Die Szene sollte an die Geiselnahme im Nord-Ost-Theater erinnern. Sie ähnelte schließlich mehr der Tragödie von Beslan, die sich wenige Wochen vor der Premiere zutrug. In Beslan starben durch das Versagen der Sicherheitskräfte 331 Menschen. Im Kino wurden alle Geiseln dank des heldenhaften Einsatzes eines russischen Agenten gerettet.

Die Armee unterstützte das Action-Spektakel mit acht Hubschraubern, zwei Düsenjägern, vier Iljuschin Transportmaschinen, 15 Lkws, Panzern und dem Einsatz eines Kriegsschiffes. Sechs Polizeiwagen und eine Iljuschin gingen bei den Dreharbeiten zu Bruch. Kurz vor dem Kinostart fiel "Countdown" dann prompt durch die Kreml-Zensur. Der Premiere-Termin geriet in Gefahr, Konstantin Ernst ließ die Werbekampagne stoppen. Etliche Szenen wurden nachbearbeitet. Unter anderem durfte zwei amerikanischen Piloten nicht zu einem geglückten Einsatz gratuliert werden. Und eine Putin-Büste musste aus der Endfassung herausgeschnitten werden. Aber die Kritiker schrieben: "Rückkehr des sowjetischen Propagandakinos."

Der Film "Countdown" spielte 4,6 Millionen Dollar an den Kinokassen ein. Eine Internetzeitung kommentierte den Erfolg mit den Worten: "Das Volk stinkt nicht." Produzent Ernst nimmt die Kritik gelassen: "Patriotisches Kino hilft den Menschen ihr Trauma nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufzuarbeiten." Andrej Plachov, Filmkritiker der Tageszeitung "Kommersant", meint: "Im Kino soll versucht werden, dass schlechte Image des russischen Geheimdienstes zu verbessern und den Tschetschenien-Krieg zu rechtfertigen. Es ist wie in den USA nach dem Vietnam-Krieg. Nur, dass über Vietnam auch Anti-Kriegs-Filme gedreht wurden. Über Tschetschenien nicht."

Zu den weiteren Besonderheiten im russischen Filmbusiness gehört, dass jeder Blockbuster - oft schon bevor er ins Kino kommt - als Raubkopie auf DVD zu haben ist. Nicht unter dem Ladentisch. Sondern für 150 Rubel, rund fünf Euro, bei Straßenhändlern und in ganz normalen Geschäften. Star Wars II wurde als Rohfassung verkauft, in der die Helden mit ihren Laserschwertern noch vor Bluescreen-Hintergrung herumhüpften.

"Wächter der Nacht" soll den kommerziellen Durchbruch schaffen

Russland ist nach China der größte Markt für illegale DVDs. Nach Angaben amerikanischer Raubkopie-Fahnder werden sie in 29 Fabriken hergestellt, die auch lizenzierte CDs und DVDs brennen. Vergangenes Jahr betrug das Verhältnis in Stückzahlen etwa 450 Millionen (illegal) zu 58 Millionen (legal). "Mosfilm"-Direktor Shakhnazarov sagt über die Raubkopierer: "Da hilft nur hartes Durchgreifen der Miliz. Und Gefängnis." Konstantin Ernst meint hingegen: "Wir müssen akzeptieren, dass sich die Leute, vor allem in der Provinz, keine DVDs für 20 Euro leisten können. Außerdem haben wir gegen die Lobby der Piraten keine Chance. Die zahlen hohe Schmiergelder an die Miliz und werden vor jeder Razzia in einer DVD-Brennerei gewarnt." Für "Wächter der Nacht" ging Ernst deshalb einen Deal mit den DVD-Piraten ein. Er überließ ihnen den Vertrieb. Der Preis pro DVD wurde auf salomonische 299 Rubel, zehn Euro, festgesetzt und mit dem Verkauf bis drei Tage nach der Premiere gewartet.

"Wächter der Nacht" soll nun den Durchbruch des kommerziellen russischen Kinos auf dem Weltmarkt schaffen. Für den Oscar wurde er zwar eingereicht, aber nicht nominiert. Dafür fand er auf der diesjährigen Berlinale viel Lob. Ein zweiter Teil ist bereits abgedreht, ein dritter in Planung. 20th Century Fox setzt so große Hoffnungen in den Stoff, dass es eine amerikanische Version mit amerikanischen Schauspielern geben soll. Das Budget hat man auf mindestens 50 Millionen Dollar angesetzt.

Anlass für einen großen Traum

Für Konstantin Ernst ist "Wächter der Nacht" nur der Anfang eines neuen Kinozeitalters. Er träumt von einer Produktion wie einst "Krieg und Frieden", als Regisseur Sergej Bondarchuk 30.000 Rotarmisten aufs Set-Schlachtfeld schickte und 23 Tonnen Sprengstoff verfeuern ließ. "Ein Film über den Zweiten Weltkrieg, wie es ihn noch nie gab", schwärmt Ernst. "Deutsche Darsteller spielen die Deutschen und russische die Russen." Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Piloten, die im Kampf Freunde werden. Wer auf deutscher Seite die Hauptrolle übernehmen soll, weiß Ernst auch schon: "Das muss der Til Schweiger machen."


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