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Bayerischer Filmpreis: Weiß-blauer Glamour

Zum 29. Mal wurde der Bayerische Filmpreis in München verliehen. Mit dabei Michael Ballhaus, Martina Geck, Fatih Akin und Oliver Pocher - und eine stern.de-Reporterin außer Dienst. Hier verrät sie, ob sich das Dabeisein auf VIP-Events lohnt.

Von Sylvie-Sophie Schindler, München

Man müsste mit der XXL-Profilierungssucht einer Paris Hilton ausgestattet sein. Bin ich aber nicht. Ich habe auch keinen nackerten Mikro-Hund (oder ist es eine Ratte?), mit dem ich regelmäßig bei gleißendem Scheinwerferlicht Gassi gehen muss. Ich habe mich für ein Leben hinter der Kamera entschieden. So bleiben mir dämliche Fragen erspart, wie sie besonders originelle Journalisten bei Preisverleihungen besonders gerne an Prominente stellen: "Sind Sie aufgeregt?", "Wie geht es Ihnen?", "Woher haben Sie das Kleid?" und nach der Preisverleihung an die Preisträger- "Sind Sie glücklich?" oder wahlweise "Wie fühlen Sie sich jetzt?". Es überrascht wohl niemanden, wenn ich hier anmerke, dass nicht bekannt ist, dass je ein frisch Preisgekrönter geantwortet hätte: "Ich fühle mich hundsmiserabel und spiele mit dem Gedanken, mich sofort von der Großhesseloher Brücke zu stürzen." Es ist natürlich nicht so, dass VIP-Kinogesichter sich jede dahergelaufene Frage gefallen lassen. Solche wie Götz George oder Gunther Sachs lassen es erst gar nicht so weit kommen und brausen im Schumi-Tempo an den Mikrofonen vorbei. Doch auch jemandem wie Heike Makatsch, eigentlich stets lächelnd und très charmant, reißt - verständlicherweise - der Geduldsfaden, wenn extrem engagierte Journalisten Mitte Januar noch wissen wollen, wie sie denn Weihnachten verbracht habe. "Das ist nun wirklich zu lange her. Darauf antworte ich nicht", wehrte die breitmundige Schauspielerin brüsk ab. Das war im Jahr 2006, bei der Verleihung des begehrten Bayerischen Filmpreises - in der typisch weiß-blauen Hybris auch "Bayerischer Oscar" genannt - im Münchner Prinzregententheater.

Bibbergefühl auf dem Nagelbrett

Zwei Jahre später treibt es mich wieder zu diesem traditionellen Glamour-Spektakel. Rosarot-lilafarbene Illumination, Limousinen im Halbminutentakt, hysterisches Blitzlichtgewitter, bleischwere Parfumwolken, raschelnde Roben, einstudiertes Plastiklächeln. Business as usual. Neu ist, dass ich als geladener Gast da bin und nicht als Berichterstatterin. Bin ich jetzt in, weil ich drin bin? Es ist mir piepegal, so egal, wie wenn auf einer Südsee-Insel eine Kokosnuss von der Palme fliegt. Ich hätte auch keinen Wind um die Sache gemacht, hätte nicht die Ressortleiterin es für eine spannende Idee gehalten, mal aus einer anderen Perspektive zu berichten. Was ich mir damit eingebrockt habe, die Einladung überhaupt anzunehmen, wird mir erst klar, als ich nicht wie üblich klammheimlich durch den Seiteneingang schlüpfen darf, sondern den Weg über den roten Teppich nehmen muss, wo sich linkerhand eine Armada von Fotografen aufgebaut hat. Das wirkt so, als hätte "Herr-der-Ringe"-Regisseur Peter Jackson die Kamera-Artisten für die Schlacht von Helms Klamm in Szene gesetzt. Gut, tief durchatmen, ich bin nicht berühmt, man wird mich gewiss nicht "abschießen". Trotzdem, bei jedem Schritt, fühlt es sich so an, als hätte ein Fakir mich aufgefordert, über sein Nagelbrett zu steigen. Ob Martina Gedeck, Matthias Schweighöfer und Co dieses Bibbergefühl kennen?

Moritz Bleibtreu geht zur Herrentoilette

Verstehe einer, warum es 40-Jährige gibt, die sich vor dem Prinzregententheater postieren, um einen Blick auf und ein Autogramm von ihrem Lieblingsstar zu bekommen. Mensch, Leute, Prominente sind auch nur Wesen aus der Gattung Homo sapiens. Jasmin Tabatabai gibt ihren Mantel an der Garderobe ab, Moritz Bleibtreu geht zur Herrentoilette, Doris Dörrie schnäuzt ins Taschentuch, Oliver Pocher zupft an seinem Jackett. Im Foyer verliert sich der Ruhm. Man vertreibt sich die Zeit mit Smalltalk, die Atmosphäre ist unaufgeregt, fast so als sei man auf dem Einwohnermeldeamt, nur eben besonders schick gekleidet. Einzig bei den Damentoiletten geht es hoch her - prophylaktisches "für kleine Mädchen". Denn: laut Einladung darf der Saal während der zweistündigen BR-Liveübertragung nicht verlassen werden.

Die Monarchie lebt

Ade, Demokratie, grüß Gott, Monarchie: Während die einen in den prunkvollen Zuschauersaal strömen, werden die anderen im Foyer vor den Fernsehern geparkt. Luxusklasse versus Holzklasse, wie einst auf der "Titanic". Apropos, ein Eisberg wäre sehr willkommen: im Saal ist es höllenheiß, ich sitze direkt unter einem Scheinwerfer, in der Reihe vor mir anscheinend der gesamte Freundeskreis von Ralf Westhoff - was erst klar wird, als die sich die Kehle aus dem Leib jubeln, als der Regisseur und Drehbuchautor für "Shoppen" den Porzellan-Pierrot (kitschig, aber so sieht er eben aus, der Bayerische Filmpreis) in der Kategorie "Nachwuchsregie- und Drehbuch" erhält. Fatih Akin bekommt auch ohne angekarrte Freunde tosenden Applaus - er wird für "Auf der anderen Seite" für die beste Regie geehrt. Laudator Moritz Bleibtreu gratuliert sogar auf Türkisch, ein anerkennendes Raunen geht durch den Saal, während Fatih Akin seinem langjährigen Kumpel auf die Schulter klopft und scherzhaft kommentiert: "Das war bestes Sendung-mit-der-Maus-Türkisch." Elmar Wepper erhält den Preis als bester Darsteller inklusive Freudentränen von Bruder Fritz Wepper, Martina Gedeck zeigt tiefen Ausschnitt und große Begeisterung, als sie für "Eine schöne Bescherung" als beste Darstellerin ausgezeichnet wird, weitere Preise bekommen unter anderem Doris Dörrie (Regie: "Kirschblüten-Hanami"), Pepe Danquart (Dokumentarfilm: "Am Limit"), Detlev Buck (Kinderfilm: "Hände weg von Mississippi") und Michael "Bully" Herbig (Publikumspreis: "Lissi und der wilde Kaiser.").

Einzige Highlights: Oliver Pocher und Michael Ballhaus

Wer jetzt ob dieser Aufzählung schon gähnt, Entschuldigung, aber: spannender war es vor Ort auch nicht. Einzige Highlights: Laudator Oliver Pocher, der wie gewohnt als Fließbandproduzent von Kalauern brilliert und Ehrenpreis-Gewinner Michael Ballhaus, legendärer Kameramann und der wohl sympathischste Mensch des Abends. Er bekannte: "Ich bin für jeden Tag dankbar, an dem ich arbeiten kann." Und: "Ich habe einfach nur viel Glück gehabt." Nicht minder sympathisch als dessen Laudator, der bayerische Oberboss Günther Beckstein, der sich ganz in der Tradition der Stoiberischen Versprecher-Ära zeigte und lobte, Ballhaus hätte mit so großen Regisseuren wie Fassbinder, Coppola und "Skorkäse" gedreht. Wie gut, dass Martin Scorsese erst zur Berlinale anreist.

Nahkampf und Buffetschlacht gegen die Monotonie

Und wo blieben die großen Skandale? Die gab es nicht, nicht mal hinter den Kulissen. Ach, ja, Uwe Ochsenknecht hat mal an seinem Ohr gezupft, Maria Schrader hat sich mal in das Lockenhaar gegriffen und Uschi Glas hat ständig gelächelt, als spiele sie gerade die Hauptrolle in einem Heimatfilm - wenigstens in ihrem Aufreger-Badeanzug hätte sie doch aufkreuzen können. In solchen Momenten unterdrückt man ein Gähnen und sehnt sich nach einem wie Klaus Kinski. Also machte ich es wie die anderen, mal da ein bisschen quatschen und mal dort und vertrieb mir ansonsten die Monotonie mit Nahkampf - im Gartensaal des Prinzregententheater standen die Leute so dicht, dass man kaum atmen konnte - und Buffetschlacht um Forellenfilet, Schweinsbraten, Schupfnudeln und Kraut. Auf das georderte Schälchen mit Reis musste ich allerdings extra lange warten, weil Bully Herbig dazwischen funkte - ohne sich anzustellen - und seinen Hunger anmeldete. Und weil der Küchenjunge ein Riesenfan von Bully war und merkwürdigerweise nicht von mir, wurde "Le Herbig" zuerst bedient. Mit verheerenden Folgen für den Küchenjungen, der sich anschließend gar nicht mehr beruhigen konnte. "Ich glaubs ja nicht, der Bully, ist das geil", wiederholte er wieder und wieder, als hätte seine Sprachplatte einen Sprung.

Alles nur Gerüchte

Gegen Mitternacht war die Veranstaltung so gut wie gelaufen. Die Nacht durchmachen war nicht - und da fehlte wohl auch jedem die Lust dazu. Nur Ausgeschlafene machen heute, Samstag, nicht schlapp: denn die Feierkondition der Prominenz wird erneut und härter denn je auf die Probe gestellt, beim Deutschen Filmball im Hotel Bayerischer Hof in München. Ob man da vielleicht auch dabei sein sollte? Ach, was, das sind alles nur Gerüchte, dieses aufgeputschte Gerede um VIP-Events. Selbst Klassentreffen sind aufregender. Wer es nicht glaubt, kann das ja gerne überprüfen und sich eine Einladung zu einem Was-auch-immer-Promi-Stelldichein organisieren. Bis dahin - ich bleibe heute zuhause.

  • Sylvie-Sophie Schindler