Tag 7 Karmakar im Kreuzfeuer der Kritik


Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Dies bewahrheitete sich einmal mehr bei der Premiere von "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Über Geschmack lässt sich trefflich streiten. Was der eine Kinokritiker als rundum gelungen bewertet, findet der andere einfach nur grottenschlecht. Was für den einen der beste Auftritt einer Schauspielerin seit langem ist, hält der andere für hölzern. Bei einem großen Filmfestival lässt sich dieses Phänomen besonders gut beobachten, weil einige Berliner Tageszeitungen und ein Fachblatt sich mit so genannten Kritikerspiegeln schmücken. Mehr oder wenige bekannte Filmjournalisten verteilen dort jeden Tag ihre Sternchen, Rauten oder Punkte für die Filme, die im Wettbewerb um einen Goldenen Bären konkurrieren. Und so kann man einmal besonders aktuell miterleben, wie ungrün sich die Kollegen oft sind.

Der Spätwestern "The Missing" mit Cate Blanchett und Tommy Lee Jones? Sehr schlecht meint der Herr von der "Frankfurter Rundschau", ausgezeichnet der Herr vom "Focus". "Samaria" vom Koreaner Kim Ki-duk? Das ist der mit den zwei Schulmädchen, die sich prostituieren? Schlecht finden die Herren vom "Tagesspiegel" und der "Frankfurter Allgemeinen", gut die anderen drei Kollegen. Bei solch einem streitbaren Film über ein empfindliches Thema kann man das als Außenstehender gerade noch nachvollziehen. Doch dass die Frau von der "taz" den wunderbaren "Before Sunset" mit Ethan Hawke und Julie Delpy als sehr schlecht einordnet, während alle anderen Kollegen in höchsten Tönen schwärmen, macht schon etwas nachdenklich.

Der Italiener mag's italienisch

Unter den gleichen Urteilsschwankungen leiden übrigens auch die ausländischen Gäste. Das Serienkiller-Drama "Monster" mit einer umwerfenden und umwerfend hässlichen Charlize Theron? Armselig, winken der Spanier und der Brite ab. Während der Rest Europas lobt. Oder "Primo Amore", die Geschichte einer unfreiwillig magersüchtigen Frau. Exzellent meint der Italiener über den italienischen Film und steht damit ziemlich allein auf weiter Flur.

Im Journalisten-Camp

Was ist bloß los mit diesen Leuten? Zu kurze Nachtruhe, zu viele Filme, Kontaktlinsen verschmiert? Nein, man darf natürlich nicht ungerecht werden. So ist er halt nun mal, der Geschmack, der Sachverstand, oder wie immer man das nennen will. Richtig schön reinigend wäre es doch mal, die ganze Bande in einen Raum zu sperren. Jeder kriegt einen Kugelschreiber, am besten einen mit so einer kleinen Lampe vorne drin, damit man auch im finsteren Saal Notizen machen kann, und eine Julia-Roberts-Biografie in die Hand und los geht's. Du hast doch keine Ahnung von Kino! Wumms. Und du hast Ahnung vom Kino aber sonst von nichts! Stech. Dir hat ja sogar "Bad Boys 2" gefallen! Wisch. Und du verstehst doch nicht mal die englischen Untertitel! Pieks. Wer am längsten durchmobbt, wird zum Dschungelkönig gekürt, oder war das ein anderes Programm?

Gut angelegte Fördergelder

Trefflich uneinig sein kann man auf alle Fälle auch über den ersten deutschen Beitrag im Wettbewerb. "Die Nacht singt ihre Lieder" von Romuald Karmakar. Einen Tag zuvor hatten beim Empfang der Filmstiftung NRW noch die Regisseure von "Good Bye, Lenin!" und "Das Wunder von Bern" stolz wie Oscar ihre Fördergelder zurücküberwiesen. Wegen anhaltendem Erfolg. 2,1 Millionen Euro. Deutsche Filme.

Nun Karmakar. Eine formal strenge, klaustrophobische Tragödie, die in ihrer Ausweg- und Hoffnungslosigkeit wohl auch Fassbinder zum Schlucken gebracht hätte. Karmakar hat ein Theaterstück des Norwegers Jon Fosse nach Berlin-Mitte verpflanzt. Dort eskaliert die Beziehungskrise eines jungen Paares, brillant interpretiert von Frank Giering und Anne Ratte-Polle. Selbst der Besuch eines Technoclubs hilft nicht mehr. Buuuh, tönte es im Berlinale-Palast. Zeitverschwendung, ein Horrorfilm. Andere klatschten und waren schwer verstört von dieser kompromisslosen Erzählweise. Aber Fördergelder wird Karmakar damit wohl nie zurückzahlen müssen. Oder doch? Warten wir einfach auf die Kritikerspiegel von morgen.

Matthias Schmidt

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