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Cannes-Tagebuch Wir fordern: Goldene Palme für Fatih


Der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Auf der anderen Seite" des Hamburger Regisseurs Fatih Akin hat die ausländischen Kritiker begeistert - und die Deutschen sind mächtig stolz auf ihren Vorzeige-Filmemacher.
Von Matthias Schmidt

Breaking News aus Cannes: Fatih Akin ist auf der Titelseite! Auf der Titelseite der Festivalausgabe der legendären US-Branchenbibel "Variety". Auf der Titelseite der kostenlosen Lokalzeitung "Metro". Und bei der Weltpremiere seines neuen Werkes "Auf der anderen Seite" gab es am Ende gleich dreimal herzlichen Beifall. Fatih, Fatih über alles ...

Die gesamte deutsche Presse, die Kulturpolitiker (derzeitiger Lieblingssatz: Der deutsche Film ist wieder wettbewerbsfähig), die Filmförderer: Alle sind sie zur Zeit sehr, sehr stolz, dass mal wieder einer von uns um die Goldene Palme kämpft. Wie Akin so schön auf seiner Pressekonferenz schwärmte: In der Jury zu sitzen, wie vor zwei Jahren, das sei doch nur ein Freundschaftsspiel. Aber im Wettbewerb um den Weltpokal des Kinos: "Als würden wir gegen Brasilien spielen."

Ausländische Kritiker sind von Akins Film begeistert

Aber erst mal zum Film, der übrigens wirklich sehr gut bei den ausländischen Kritikern ankam, während die einheimischen ein wenig skeptischer sind. "Auf der anderen Seite" erzählt von sechs Menschen, die das Schicksal "Babel"-mäßig zusammenschweißt, auch wenn sie das bis über den Schluss hinaus noch nicht einmal wissen.

Da ist ein Germanistik-Professor, dessen türkischer Vater sich eine türkische Prostituierte als Haus- und Sexmaus hält. Da ist eine politische Aktivistin aus Istanbul, die nach Deutschland flieht, sich dort in eine blonde Deutsche verliebt und kurzerhand bei ihr und ihrer sorgenvollen Mutter einzieht. Zwei mörderische Unfälle bringen dieses sowieso schon gefährlich konstruierte Mobile ins Schwingen, einzelne Teile berühren sich, verknoten sich und am Ende gibt es ein neues wundersames Ganzes, irgendwo zwischen Multikulti, Familienfrieden und Gib dem Tod eine Chance.

Besetzt mit für die deutschen Normalkinogänger fast völlig unbekannten Gesichtern (Ausnahme: Die Fassbinder-Muse Hanna Schygulla als Muttertier), drehte Akin auf deutsch, englisch und viel türkisch, vor allem in Istanbul und ein wenig in Bremen und Hamburg. Seine präzis beschriebenen Figuren, die unaufgeregte Inszenierung, die nicht immer alles erklären muss, machen "Auf der anderen Seite" zu einem sehr viel reiferen Film als der jugendliche Überschwung des genauso großartigen "Gegen die Wand". Ein Preis-Kandidat? Warum eigentlich nicht. Wir sind schließlich wettbewerbsfähig…

Gelungene deutsche Beiträge

Auch in den anderen Sektionen des Festivals können dieses Jahr gelungene deutsche Beiträge entdeckt werden: "Am Ende kommen Touristen" über einen Zivi in Auschwitz oder das beunruhigende Ehedrama "Gegenüber". Was sonst noch neu ist im Jubiläumsjahr von Cannes?

Nun, das Schlangestehen in der Knallsonne währt noch länger. Die Rempeleien und Beschimpfungen, um in die starbesetzten Pressekonferenzen zu kommen, sind noch rabiater. Die Ordner, Ausweiskontrollierer und Taschendurchsucher haben neue Anzüge bekommen. Eine Art helles Beigegrau, kombiniert mit unfassbar scheußlichen Polohemden inklusive Reißverschluss. Vielleicht sollten die Verantwortlichen mal über einen neuen Mode-Sponsor nachdenken. Es gibt außerdem einen neuen Kinosaal, eine Zeltkonstruktion auf der Terrasse zwischen Mittelmeer und Festival-Palast. Auch wenn die Klimaanlage zuweilen etwas störend rauscht: eine dringend nötige Kino-Alternative.

Und es gibt tatsächlich, geschätzte 30 Jahre nach den ersten Waldsterbensfällen, einen rührenden Versuch, Papier zu recyclen. All die Info-Blätter, Branchen-Verlautbarungen, Pressehefte und Gratiszeitungen sollen nun in ein paar fahrbare, grüne Container. Der Amerikanische Pavillon hat sogar ein 40-köpfiges "Green Team" eingestellt, das täglich durch den Filmmarkt, große Hotels und andere Brennpunkte der Umweltbelastung streift, um Wiederverwertbares einzusammeln.

In Cineastenkreisen so beliebt: der Scheißfilm

Was sich dagegen nicht geändert hat: Auch dieses Jahr gibt es im Wettbewerb wieder eine Perle. Eine Perle, man müsste treffender wahrscheinlich von einem Klostein sprechen, des gerade in Cineastenkreisen so beliebten Genre des Scheißfilms. Sprich: bewusste Langsamkeit, bewusst kryptische, oder noch besser gar keine Handlung, gerne beruhend auf einer intellektuellen Vorlage, in Schwarzweiß gedreht und mit komplett sinnlosen Großaufnahmen. Auf deutsch: ein echter Langweiler, Kunst um der Kunst willen, aber das wäre schon geschmeichelt.

Diesmal trifft das alles ziemlich genau auf den Wettbewerbsbeitrag "The Man From London" zu. Die Verfilmung, man mag es kaum glauben, des gleichnamigen Romans von George Simenon durch den 52-jährigen Ungarn Béla Tarr. Eine-Ko-Produktion mit deutschem Geld, wir hoffen, das hat keinen Einfluss auf unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Tarr schafft es, einer eigentlich recht spannenden Kriminalgeschichte um einen Koffer voller englischer Pfund-Scheine, der in die Hände eines schlecht gelaunten Hafen-Nachtwächters fällt, durch endlose, unmotivierte Kamerafahrten und Stand-Einstellungen, jedwede Dynamik auszutreiben. Schauspieler, die minutenlang ausdruckslos in die Leere starren und der bizarre Auftritt einer keifenden Tilda Swinton tun ihr Übriges. Auf Kritikerdeutsch heißt das dann wohl: Der Regisseur war an Zuspitzung nicht interessiert.

Wir dagegen schon. Wir fordern: Goldene Palme für Fatih. Dafür recyclen wir schon seit Jahrzehnten Papier und Hugo Boss würde auch wirklich schöne Anzüge machen.


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