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Frida Kahlo: Ein Leben voller Schmerz und Lust

Eigentlich war die Diva mit dem Damenbart ein armes Ding. Der Körper kaputt von Unfällen, Krankheit und Drogen, die Seele ständig wund von übergroßer Liebe. Kein Wunder, dass Hollywood ihr ein opulentes Denkmal widmet.

Tragödien sind albern. "Wenn man solche Schmerzen hat, wird man depressiv, verlässt das Bett nicht mehr, wäscht sich nicht mehr. Aber sie", sagt Salma Hayek, "sie stand auf, schmückte ihren zerstörten Körper, dachte Stunden darüber nach, welche Schuhe zu den Bändern und Blumen in ihrem Haar passten. Und dann ging sie nicht etwa zu einer Party, sondern auf den Markt, kaufte ein, kochte, sie hatte Spaß daran zu kochen, und trank und rauchte und sang und feierte ..."

In ihrem Tagebuch hatte Frida Kahlo, fast programmatisch, notiert: "Nichts ist fürs Leben wichtiger als das Lachen. Lachen bedeutet Stärke, Selbstvergessenheit und Leichtigkeit. Tragödien sind dagegen etwas völlig Albernes." Ihr Leben bot Stoff für mehrere Tragödien, seit sie - Frida "Hinkebein", als Kind an Polio erkrankt - bei einem Busunglück fast zu Tode gekommen wäre, durchbohrt von einer Eisenstange, die in der Vagina wieder austrat. Das rechte Bein war elfmal gebrochen, die Wirbelsäule verletzt, der Fuß zermalmt, ihr Becken zerschmettert.

Monatelang und danach immer wieder muss sie liegen, wird in Gips- und Metallkorsette gepresst, an Flaschenzügen aufgehängt, wird operiert, vielleicht 35-mal in ihrem Leben. Damals, mit 18, hat sie begonnen zu malen. Vor dem Unfall wollte sie Medizin studieren, auf ihren Bildern seziert sie den eigenen Körper, ihre verwundete Seele; das rettet sie. Und führt zu der zweiten Katastrophe ihres Lebens, dem Zusammenstoß mit Diego Rivera.

Rivera ist der berühmteste Maler Mexikos, dessen kolossale Revolutionsfresken auch in Moskau und Paris gefeiert werden; sie hatte ihn um ein Urteil über ihre Bilder gebeten, so geht die Legende. 1929 heiratet sie den Mann, der fast doppelt so alt ist wie sie, dreimal so schwer, ein Gargantua, von unersättlichem Appetit auf Frauen. Von diesem Liebesunfall wird sie sich nie mehr erholen: 25 Jahre lang währt die heillose Symbiose zwischen dem Elefanten und der Taube, bis zu ihrem Tod.

Das Weihespiel ihres Nachruhms begann in den Achtzigern, fast 30 Jahre danach. Ihre Bilder, der Kunstgeschichte bis dahin kaum mehr als eine Fußnote wert, diese so intimen wie abweisenden Werke, "beißend und zart", wie Rivera sie nannte, "liebenswürdig wie ein Lächeln und tief grausam wie die Bitternis des Lebens" - sie werden zu Höchstsummen gehandelt: als gemalte Autobiografie. Die Frau, die unter den bauschigen Röcken ihrer Tijuana-Tracht ihr verkrüppeltes Bein verbarg, wurde zur Heldin feministischer Folklore, in ihren Schmerzen glaubte man jedes Wehwehchen leidender Weiblichkeit widerspiegeln zu können.

Sie wurde, weil sie auch noch bisexuell und Kommunistin war, zur Ikone all der Verdammten dieser Erde. Mehr als 100 Bücher sind über sie erschienen, ihre Geschichte wurde vertont, dramatisiert und sogar getanzt, der Modemacher Jean-Paul Gaultier widmete ihr eine Kollektion, Madonna hängte sich ihr Bild "Meine Geburt" übers Bett, und von Postern und Postkarten durchbohrt ihr Blick unter dem schwarzen Augenbrauenbalken heute noch die Töchter und Enkelinnen bewegter Frauen. Im Internet wird sie gar als Göttin verehrt: "Kahloisten haben einen Dress-Code", lautet das erste Gebot, "erlaubt ist nur Kleidung, die sehr sexy und originell ist." Aber wie immer reduziert das Leben diejenigen, die es überlebensgroß werden ließ, am Ende auf das Format einer Briefmarke: zu 34 Cent in den USA.

Verwunderlich ist, dass Frida Kahlo erst jetzt in Hollywood angekommen ist. Fast acht Jahre musste Salma Hayek ("Hollywoods schönster Busen") kämpfen, bis ihr gelang, woran die ungleich Berühmteren, Madonna und Jennifer Lopez, scheiterten, die ebenfalls Ansprüche auf die Kahlo erhoben hatten. "Wer will schon eine Liebesgeschichte zwischen einem fetten Mann und einem behaarten Krüppel sehen?", sagt sie gern. "Einen Film über eine Lesbierin im Rollstuhl?" Aber sie betrieb ihre unmöglich scheinende Mission mit staunenswerter Beharrlichkeit, gründete eine Produktionsfirma und konnte das einflussreiche Ministudio Miramax überzeugen.

Von Dolores Olmedo, der Erbwalterin Kahlos und Riveras, erkämpfte sie sich das Recht, Bilder der beiden im Film zu zeigen und nachzustellen, sie gewann die Theatermacherin Julie Taymor, die den "König der Löwen" am Broadway inszeniert hat, als Regisseurin und, für Nebenrollen, Freunde wie Antonio Banderas, Ashley Judd und Edward Norton. Von Norton, ihrem Lebensgefährten, ist auch die Endfassung des - auf Hayden Herreras grundlegender Biografie von 1983 beruhenden - Drehbuchs.

Frida ist die Rolle ihres Lebens, das 16-jährige wilde Mädchen wie die 47-Jährige mit den matt gewordenen Augen. Hayeks Frida ist eine vor Energie sprühende, fast robuste Frau, die ihr Gipskorsett trägt wie eine Designer-Korsage und sich, wider alle orthopädische Wahrscheinlichkeit, im Tango biegt: eine Frida, die vielleicht viel zu schön und nur ein wenig zu geheimnislos ist. Eine kleine Kämpferin - wie Hayek selbst, die behütete Tochter eines libanesischen Unternehmers und einer mexikanischen Opernsängerin, ehemalige Klosterschülerin, die ihr Studium abbrach, um Schauspielerin zu werden.

Als Hauptdarstellerin einer "telenovela" war sie in Mexiko ein Star, ehe sie 1991 nach Hollywood ging - wo Latinas allenfalls als Hausmädchen oder Huren eine Rolle spielten. Aber irgendwann arbeitete sie mit Quentin Tarantino in "From Dusk Till Dawn", auch wenn sie dafür mit einem Python um den Hals strippen musste; trat auf in Filmen von Steven Soderbergh und Mike Figgis. Und mit ihrer Frida furiosa ist die 36-Jährige nun sogar für den Oscar nominiert.

"Wir wollten Frida und Diego nicht als heilige Monster darstellen", sagt Julie Taymor, "sondern als gewöhnliche Menschen mit ihrer Gier, ihrem Leid, ihrer Lust." Statt einer "Königin der Leiden" wollte sie vor allem die große Liebende Frida zeigen, die ihrem "Froschkönig" mit den vorstehenden Augen fast alles verzeiht - Diego von der hässlichen Gestalt, der die Hosen stets bis zur Brust ziehen musste.

Denn weil er berühmt war und dazu wohl auch charmant, wollte ihn mehr als eine wachküssen. Seine Unfähigkeit zur Treue ließ er sich sogar ärztlich attestieren. Er war ein Lügenbaron und Publicity-Künstler, der sich selbst aus der Kommunistischen Partei ausschloss, weil er für die Kapitalisten malte, und, als er für Rockefeller arbeitete, ein Porträt von Lenin ins Bild schmuggelte. "Wenn er sie betrog", sagt Salma Hayek, "dann betrog sie ihn eben auch, manchmal stahl sie ihm sogar seine Geliebten." Ihre bekannteste Affäre war die mit Leo Trotzki.

"Die Liebe zwischen Frida und Diego war eine ständige Herausforderung", so Hayek, "und am Ende war es eine bedingungslose Liebe." Auch dass er ein Verhältnis mit ihrer Schwester Cristina begann, hat sie ihm verziehen, genauso wie die Scheidung, die er 1939 verlangte; ein Jahr später heiraten sie zum zweiten Mal. Übrigens, erzählt Julie Taymor, habe Bill Clinton gesagt, "Frida" sei sein Lieblingsfilm. Und auch der von Hillary.

Mit surrealistischen Collagen - King Kong Rivera stürzt vom Empire State Building - und lebenden Bildern versucht der Film, die Seelenlandschaften der Kahlo zu illustrieren, erzählt dazwischen brav eine historische Anekdote nach der anderen herunter und ist doch am besten, wo er opulent, pittoresk und fast naiv ist, in Farbenrausch und Musik schwelgt.

Denn diese Verächterin der Tragödie war eine Diva ihrer eigenen Dramen - eine Mythomanin, pathetisch, herrisch und verzweifelt, eine wunderbare Hysterikerin, die aus Not und Lust ihre eigene Legende geschaffen hat. Ihre Bilder sind, auch wenn sie das Persönlichste darzustellen scheinen - Schmerz und Trauer, sogar ihre Fehlgeburten -, Votivtafeln gleich, in der Starre des Ausdrucks, der sorgfältigen Anordnung.

Sie male keine Träume, sondern ihre Wirklichkeit, hatte sie gesagt. Aber ihre Selbstporträts, selbst die anrührendsten von der Frau mit dem Dornenhalsband, zeigen die Maske, manchmal Fratze dieser Wirklichkeit, oft voll beißendem Witz. Sogar die Augenbrauen und der Damenbart, heute fast so etwas wie ihr Logo, waren eine Übertreibung, auf Fotos viel harmloser.

Ihr Geburtsjahr hat die Tochter einer Mexikanerin und eines deutsch-ungarischen Juden gefälscht, von 1907 zu 1910, dem Beginn der mexikanischen Revolution. Wenn sie schon, gefangen in ihrem zerstörten Körper, sich selbst nicht ändern konnte, so doch die Welt. Vielleicht war die eifrige und eifernde Kommunistin im Grunde politisch naiv. In ihrem Haus in Coyoacán, dem Blauen Haus, in dem sie geboren wurde und starb, steht neben dem Rollstuhl, auf den sie nach der Amputation ihres rechten Beins 1953 angewiesen war, ein unvollendetes Bild von Stalin, den die einstige Trotzkistin zum Schluss wie einen Heiligen verehrte.

Das Haus, Pilgerstätte aller Kahloisten, Sammelsurium von Kunsthandwerk und Kitsch, Gesamtkunstwerk einer Exzentrikerin, musste ihr mehr und mehr die Welt ersetzen. So war sie durch New York, durch Paris gegangen in ihrem grellbunten Kostüm, mit ihrem schweren Schmuck, die Haare zur Krone geflochten, eine Exotin, die die Blicke der anderen herauszwingt, die ihr den Spiegel ersetzen, mit dem sie so lange allein gewesen war. "Sie war verliebt in das Leben", sagt Salma Hayek, "das war ihre größte Liebe." Ihre Kunst? Oft spielt sie die Naive im Schatten des großen Rivera, die Amateurmalerin, die sich gleichwohl von Picasso und Kandinsky bewundern lässt - und die Dualität ihres Wesens malt in "Die beiden Fridas".

Als sie 1953 ihre erste Einzelausstellung in Mexiko hat, lässt sie sich, bereits todkrank, von Alkohol und Betäubungsmitteln ganz zerfressen, im Sanitätswagen zur Galerie bringen, um dort, in ihrem Baldachinbett, Hof zu halten. Eine Frau, "schillernd zwischen absoluter Reinheit und völliger Durchtriebenheit", hatte André Breton einst geschwärmt, "ein farbiges Band um eine Bombe".

Ihre Krankenhausaufenthalte gestaltet sie wie Partys, sogar ihre Liebhaber empfing sie gelegentlich im Hospitalbett. Vielleicht waren einige ihre Operationen sogar überflüssig, das glaubte selbst ihr langjähriger Arzt und Freund: Ihre Schmerzen waren so authentisch wie das Bedürfnis, sie auszubeuten. "Vielleicht war Frida Kahlos größte Liebe", sagt Julie Taymor, "Frida Kahlo."

Sie starb an einer Lungenembolie - oder an einer Überdosis. Ihr Leichnam wurde eingeäschert. Das Krematorium war alt und primitiv, die Prozedur dauerte an die vier Stunden. Als sich das Tor der Verbrennungsanlage endlich öffnete und der Wagen mit ihrer Asche herausrollte, behielt diese für Sekunden die Kontur ihres Körpers: ein silbriges Skelett aus Asche. "Ich necke den Tod und lache ihn aus", hatte sie einmal gesagt.

Annette Meyhöfer