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International Film Festival: Die Filmwelt trifft sich in Toronto

Die Löwen in Venedig sind vergeben, jetzt geht es in Kanada weiter. Beim Toronto International Film Festival stehen 112 Weltpremieren an. Als Eröffnungsfilm hatten sich die Organisatoren etwas Besonderes ausgesucht: einen Hockey-Musicalfilm.

Von Bernd Teichmann

Hamburg. Alte Elbbrücken. Containerhafen. Das fing ja schon mal gut an. Die ersten Bilder, die einem hier auf die Netzhaut geworfen wurden, zeigten die über 6000 Kilometer entfernte Heimat. Die Szenen stammten aus dem schwedisch-deutschen Thriller "Easy Money", der zum Teil an der Elbe gedreht worden ist. Ein Zufall natürlich, aber ein schöner.

Ansonsten geschieht beim Toronto International Film Festival (TIFF) so gut wie nichts zufällig. Entspannt, hervorragend organisiert und überschwemmt von knapp 2000 ehrenamtlichen Helfern aller Altersgruppen in orangefarbenen T-Shirts, Volunteers genannt, surrt die TIFF-Maschine wieder auf Hochtouren: Die 35. Auflage hat ganz besondere Dimensionen, und das nicht nur, weil es ein Jubiläum ist. Am Sonntag ist das Festival ganz offiziell in die Bell Light Box umgezogen, was mit einer großen Block-Party, bei der unter anderem K'naan, somalisch-kanadischer Rapper und Komponist der Fußball-WM-Hymne "Wavin' Flag" auftrat, gefeiert wurde.

Mutig: Ein Hockey-Musical zur Eröffnung

Die neue Heimat im Entertainment District, Downtown, King Street, ist der glas- und betongewordene Traum eines jeden Festivalleiters. Ein eigenes Epizentrum mit fünf State of the Art-Kinos, Restaurants, Galerien, einer Bibliothek, Seminarräumen und Büros. "Ich fühle mich wie Captain Kirk, dem gerade die Schlüssel zur Enterprise übergeben worden sind", frohlockte Festivalchef Piers Handling über sein 196 Millionen Dollar teures Multimedia-Raumschiff, dessen Entstehung zu bedeutenden Teilen dem "Ghostbusters"-Regisseur und Torontonian Ivan Reitman mitsamt Familie zu verdanken ist. Zusammen mit der Baufirma Daniels Corporation spendete der Clan allein rund 22 Millionen Dollar. Als großes Dankeschön taufte die Stadt die Ecke King Street/John Street zum Reitman Square um - künftig wohl eine der wichtigsten Adressen im internationalen Filmfestival-Zirkus.

Nicht nur der neue Prachtpalast dürfte bei diversen Festivalkonkurrenten sachtes, neidgeplagtes Zähneknirschen hervorrufen. Auch in Sachen Film-Angebot und Star-Aufkommen nimmt das "Festival of the Festivals", wie es bis 1994 hieß, mal wieder die Pole Position ein: Clint Eastwood, Robert Redford, Robert De Niro, Natalie Portman, Woody Allen, Catherine Deneuve, Helen Mirren, Keira Knighley, Tom Tykwer oder Clive Owen, um nur zwei Handvoll zu nennen, beehren mit ihren aktuellen Projekten den roten Teppich. Insgesamt 247 Produktionen, davon 112 Weltpremieren und das "Best of" aus Cannes, Venedig und anderen Festivals, haben Handling und sein Ko-Direktor Cameron Bailey versammelt.

Es spricht für das Selbstbewusstsein dieser Veranstaltung, sich zum 35. Geburtstag einen Eröffnungsfilm zu schenken, der in Toronto von einem geborenen Torontonian gedreht wurde und außerdem noch eine gut gelaunte Komödie ist, die als erstes Eishockey-Musical in die Kino-Historie eingehen wird. Michael McGowans sportives Singspiel "Score: A Hockey Musical" erzählt vom jungen Spross einer Hippie-Familie, der auf dem Eis für Furore sorgt, aber die für eine große Karriere nötige Prügelfreudigkeit vermissen lässt: Er ist Pazifist. Der Schwank mit der "Grease"-Ikone Olivia Newton-John und Gastauftritten von Nelly Furtado und Kanadas Eishockey-Legende Wayne Gretzky, war der perfekte Gute-Laune-Appetizer.

Überirdisch: Javier Bardem und Natalie Portman

Seit seiner Gründung 1976 hat sich Toronto nicht nur als weltweit wichtigstes Festival neben Berlin, Cannes und Venedig etabliert. Es ist auch der inoffizielle Auftakt zur sogenannten Award Season. Ein Großteil der Produktionen, die bei den nächsten Golden Globes und Oscars eine Rolle spielen könnten, werden hier gezeigt. So etwa Ben Afflecks zweite, erneut in Boston inszenierte Regiearbeit "The Town". Im Zentrum dieser Light Version von Michael Manns "Heat" mit Lokalkolorit und vertrackter Love Story steht eine Viererbande von Bankräubern, die beim ersten Fischzug des Films eine Angestellte kurz als Geisel nehmen. Der von Regisseur Affleck selbst gespielte Mastermind der Gang verliebt sich in die ahnungslose Frau, was dessen Kumpel Jem gar nicht gerne sieht - aus Angst verpfiffen zu werden. Das Drama um die Entscheidung zwischen Liebe und Loyalität ist ein spannender Sozial-Thriller mit einer qualitativ leichten Schieflage zwischen den smart komponierten Action-Szenen und teilweise etwas holprig daherkommenden emotionalen Momenten.

Preisverdächtig sind auch die Leistungen des Spaniers Javier Bardem und Natalie Portman in ihren neuen Filmen. Bardem liefert in Alejandro Gonzaléz Iñárritus "Biutiful" erneut eine überirdische Vorstellung ab, die bereits in Cannes mit dem Darstellerpreis honoriert wurde. Das fein geflochtene, im rauheren Teil Barcelonas angesiedelte Drama über gescheiterte Träume, Tod und Abhängigkeiten erzählt von Uxbal, der sich mit seinen zwei geliebten Kindern, einer verantwortungslosen Ex-Frau und seinen halbseidenen Geschäften im Milieu illegaler Einwanderer durch den Alltag kämpft. Als er erfährt, dass er Krebs und nur noch wenige Monate zu leben hat, bekommt die ohnehin schon triste Sozialstudie allerdings einen Leidensdrall, der auf eine Distanz von 148 Minuten doch etwas sehr viel Geduld einfordert.

Portman als Primaballerina mit Wahnvorstellungen

Eine noch furiosere Tour de Force legt Natalie Portman in dem düsteren Ballett-Horror-Stück "Black Swan" hin, in dem sie ihr braves Image von Regisseur Darren Aronofsky ("The Wrestler") systematisch zertrümmern lässt. Als verspannte Primaballerina Nina, die einer neuen New Yorker "Schwanensee"-Inszenierung sowohl den weißen als auch den schwarzen Schwan tanzen soll, durchlebt sie beim Aufspüren ihrer Abgründe die Hölle. Bedrängt von ihrer protektionistischen Mutter, dem charismatischen Spielleiter (gespielt von Vincent Cassell) und ihrer verführerischen Bühnenrivalin, steigert sie sich in eine Paranoia. Realität und Wahnvorstellungen verfließen zunehmend. Auch wenn Aronofsky dafür das eine oder andere mal zu tief in die psychologische Krawall-Trickkiste greift - selbst Ballett-Hasser können sich dem Sog dieses Films nicht verweigern.

Drei bis vier Filme pro Tag, Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalls relativ gering - Fazit der ersten TIFF-Tage im Speziellen und Credo des Festivals im Allgemeinen. Man könnte jetzt noch über "Never Let Me Go" mit Carey Mulligan und Keira Knightley schreiben, die diskussionswürdige Verfilmung von Kazuo Ishiguros Zukunftsvision, in der Klone als Organspender herangezüchtet werden.

Oder über "Let Me In", Matt Reeves gelungenes US-Remake des originellen schwedischen Vampir-Gruslers "So finster die Nacht". Über Guillaume Canets wunderbare Tragikomödie "Les petits mouchoirs" mit François Cluzet und Marion Cotillard über eine Gruppe Freunde und ihre denkwürdigen Ferien an der Atlantikküste. Oder über Ryan Reynolds, der in "Buried" anderthalb Stunden unter der Erde in einem Holzsarg feststeckt. Geht aber nicht. Die nächste Vorführung steht nämlich schon wieder an. Manchmal kann Stress auch Spaß machen.