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Interview mit Benno Fürmann: Sein Leben hing am seidenen Faden

"Rammstein"-Videoregisseur Philipp Stölzl hat die Eiger-Tragödie von 1936 verfilmt. In "Nordwand" spielt Benno Fürmann neben Johanna Wokalek und Ulrich Tukur den deutschen Bergsteiger Toni Kurz. Im stern.de-Interview erzählt Fürmann inwiefern ihn das Klettern verändert hat und wie gefährlich die Dreharbeiten wirklich waren.

Herr Fürmann, was ist das für ein Gefühl, zwischen Himmel und Abgrund zu hängen?

Fantastisch! Spannend ist vor allem, wie viel man dabei über Vertrauen lernt. Zugegeben: Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich selber die Kontrolle habe. Aber ich mag es auch, wenn ich diese Kontrolle vollkommen abgebe. Dieses Extrem gibt es beim Klettern. Du vertraust auf das Material, auf deinen Seilpartner. Du hängst in der Luft, guckst diesen kleinen Karabinerhaken 20 Meter über dir an und denkst: Verdammt, du musst mich jetzt halten!

Sie klettern auch privat - Kann man das Klettern mit dem echten Leben vergleichen?

Auf jeden Fall. Du steckst dir ein Ziel und das versuchst du zu erreichen. Je größer deine Willenskraft ist, desto größer sind die Chancen, dass du den Gipfel erreichst. Bergsteigen hat eine große mentale Komponente. Es gibt inzwischen Kletterkurse für Manager. Klettern erzieht dich.

Zu was?

Zur Demut, Gruppenverhalten und zur Notwendigkeit der Fokussierung. Im Hier und Jetzt zu Hause zu sein. Ich stecke mir ein angemessenes Ziel und führe den nächsten dafür nötigen Zug mit aller Konzentration durchzuführen. Die Wichtigkeit der einzelnen Bewegung, eines einzigen Schritts ist etwas, das man hundertprozentig aufs Leben übertragen kann.

Ein Film also, den sich auch Manager angucken sollten...

Auch. Für mich hat der Film vor allem etwas von einem Western: Es geht um vier Jungs, die auszogen, um das Fürchten zu lernen. Vier Jungs, die älter aussehen als sie sind, weil das Leben damals rauer war.

Benno Fürmann - Langweiler oder extremer Typ?

Verschiedene Situationen schreien nach verschiedenen Reaktionen. Ich kann das nicht pauschalisieren. Ich habe Sachen gemacht, die dumm waren und Sachen, die etwas schlauer waren. Irgendwie pendel ich immer noch zwischen diesen beiden Extremen. Ich war aber nie jemand, der stundenlang über das Wasser geredet hat, ohne mal reinzugehen.

Im Film nehmen die beiden Hauptdarsteller für ihre Leidenschaft sogar den Tod in Kauf. Können Sie nachvollziehen, so kompromisslos zu handeln, dass man dafür mit dem Leben bezahlt?

Davon geht man ja selber nicht aus und die Leidenschaft größer sein zu lassen als die Angst, solange man es nicht blauäugig tut, kann ich das durchaus nachvollziehen. Bergsteiger sind sich des Risikos ja durchaus bewusst. Wenn du kletterst fühlst du dich mit jeder Faser deines Körpers lebendig. Die Gefahr macht einen Teil des Reizes am Klettern aus. Jeder muss mit sich selbst vereinbaren, wofür er sein Leben riskiert - da würde ich keine moralischen Maßstäbe ansetzen. Ich persönlich würde mein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Ich habe Familie und würde die Eiger-Nordwand nicht ohne Seil hochklettern, und wenn ich noch so gut klettern könnte! Andere machen das - und die haben auch Familie. Das muss jeder mit sich ausmachen.

Sie haben am Originalschauplatz gedreht. Wie war es, an der Eiger-Nordwand zu hängen, wenn man weiß, wie viele Menschen da bereits ihr Leben gelassen haben?

Die Nordwand hat durchaus etwas Bedrohliches. Wie ein dunkler Kegel, der sich in den Himmel schraubt, steht sie da und kann einen ganz schön einschüchtern. Während der Vorbereitungen für den Film zum ersten Mal an der Wand zu sein, das war ein erhebendes Gefühl. Der Film ist einfach mit Mythen besetzt und mit Tod.

Gab es während der Dreharbeiten brenzlige Situationen?

Eigentlich nicht, wir hatten wirklich fantastische Bergführer. Naja, es gab einen heiklen Moment: Da bin ich runtergeklettert und plötzlich höre ich fünf Meter über mir: "Benno, komm noch mal hoch, du hast das falsche Seil!" Da habe ich gemerkt, wie sehr ich doch an meinem Leben hänge.

Was ist denn Ihre persönliche Nordwand?

Der Versuch in Köln, mit einem befreundeten Regisseur und einem Budget von 300.000 Euro in nur 17 Drehtagen einen Kinofilm zu drehen. Weiter als bis zum Gipfel, also bis zum letzten Drehtag, kann ich gerade nicht denken und ich hoffe, den erreichen wir.

Interview: Katharina Miklis

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