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Kinostart "Harry Potter": Bye, bye, du Held der Nuller!

Was für ein finsteres Jahrzehnt! In den Nullern herrschten Terror, Finanzkrise und Osama bin Laden. Die einzige Lichtgestalt war ein Zauberer: Harry Potter. Jetzt geht er. Und das ist gut so.

Von Florian Güßgen

Wenn die Welt am Abgrund steht, dann ist die Zeit der großen Helden angebrochen, der Endzeitkämpfe. Gut gegen Böse. Ein Klassiker. Die Nullerjahre waren so eine Phase. Fin-de-siècle-Laune, die Jahrtausende wälzten sich um. Am 11. September 2001 stürzten Flugzeuge in das World Trade Center in New York, der Westen erlebte sein Armaggeddon, seine scheinbar finale Schlacht. Das vermeintlich Gute kämpfte gegen das vermeintlich Böse, die Regierungen in Washington, Paris, London und Berlin kämpfen gegen das zynisch-sanfte Gesicht Osama bin Ladens und die Sprenggürtel seiner Al-Kaida-Jünger. Der Rauch, der aus den Zwillingstürmen aufstieg, sollte ein ganzes Jahrzehnt überschatten.

Es ist kein Zufall, dass Harry Potter, der kleine große Zauberer, unsere Lebenswelt in diesen kriegerischen Jahren so entscheidend mitprägte - und von ihr gleichzeitig mitgeprägt wurde. Er verkörperte eine Lichtgestalt, einen Retter eine Rolle, die George W. Bush niemals ausfüllen konnte. In sieben Büchern und acht Filmen ist Potter der Held, der (vorerst) letzte Film - "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 2" - läuft am Donnerstag in Deutschland an. Potter ist Kind und Symbolfigur der Nullerjahre, selbst wenn J.K. Rowling ihn lange vor den epochalen Anschlägen erfunden hat. Und er ist ein Zeitgenosse, der von diesen Jahren ebenfalls verändert wurde: In vielen Facetten spiegelt seine Geschichte, sein Kampf um Sein oder Nichtsein, die Entwicklungen von Politik und Gesellschaft wider.

Die Handlung wurde düsterer und düsterer

Die grundsätzlichen Parallelen liegen auf der Hand: Potter, das Zaubererkind, ist ein Guter, in jeder Situation gestützt von den Freunden, der Streberin Hermine Granger und dem tapsigen Ron Weasley. Und er steht einem gefährlichen, dunklen Gegner gegenüber, einem erst kaum greifbaren, dann scheinbar übermächtigen Feind: Lord Voldemort, dem Osama bin Laden der Zaubererwelt, und seiner finsteren Gefolgschaft, den Todessern. Das Ringen Potters mit "Du-weißt-schon-wem", einer Variante des "Gottseibeiuns", gleicht dem "Krieg" westlicher Staaten gegen den düsteren, oft unfassbar amorphen Terrorismus al Kaidas. Das enge Zusammenspiel von Wirklichkeit und Fiktion lässt sich dabei wunderbar an der Entwicklung Potters ablesen. Waren die ersten Titel - 1997 erschien mit "Harry Potter und der Stein der Weisen" das erste Buch in der englischen Originalausgabe - noch unschuldige, kindlich-zauberhafte Werke, beschrieben sie eine Märchenwelt, die dazu anrührte, dem echten Dasein zu entfliehen, spiegelten die späteren Bände, etwa ab dem 2003 erschienenen "Harry Potter und der Orden des Phönix", eindeutig auch die echte Angst vor dem Terror wider. Potter wurde aus der Traumwelt zurückgeholt und verschmolz mit dem realen Alptraum. Die Handlung wurde zunehmend düsterer. Die Titel verwandelten sich von Kinder- und Jugendbüchern fast in Erwachsenenliteratur. Zielsicher und oft schaurig-grausam steuerten der pubertierende Potter und der düstere Fürst auf ein episches Finale zu.

"Rowling beschreibt Paranoia und Panik"

Es ist dabei keineswegs aus der Luft gegriffen, dass der Kampf gegen den Terror Rowling tatsächlich inspirierte. Schon 2005 notierte das US-Online-Magazin "Slate", dass der sechste, 2005 erschienene Band "Harry Potter und der Halbblutprinz" von den Folgen der Anschläge des 11. September 2001 beeinflusst worden sei. Es gebe Parallelen, etwa zwischen den von Angst befeuerten repressiven Maßnahmen westlicher Regierungen und den Maßnahmen, die das Zaubereiministerium gegen mutmaßliche Voldemort-Sympathisanten ergriff, schrieb die "Slate"-Autorin. Denn es war nicht nur in den USA so, dass die Angst die Freiheit fraß. Auch das Zaubereiministerium schickte im Kampf gegen die Todesser Unschuldige ins Gefängnis zu den furchterregenden Dementoren nach Askaban, verschickte Pamphlete, die Maßnahmen empfahlen, wie man sein Heim und seine Familie gegen die dunklen Kräfte schützen könne, beschnitt Freiheiten, vermeintlich zum Wohle der Sicherheit. Die Wissenschaftlerin Judith Rauhofer von der britischen University of Central Lancashire veröffentlichte 2007 sogar einen wissenschaftlichen Vergleich zwischen den Anti-Terror-Maßnahmen der britischen Regierung und dem Anti-Voldemort-Kampf des Zaubereiministeriums. Ihre These lautete: "Rowling beschreibt die britischen Post-9/11-Erfahrungen, Paranoia und Panik, sowohl auf Seiten der Öffentlichkeit als auch auf Seiten der herrschenden Klasse mit einem zielsicheren Instinkt für besondere Beobachtungen."

"Es endet alles"

Nun also beendet der letzte Film die Potter-Saga. Mit dem Satz "Es endet alles" wird das Werk auf den Werbepostern bedeutungsschwanger aufgetrommelt. Es ist ein Film, der sehr stark an den letzten Teil der Filmtrilogie "Herr der Ringe" aus dem Jahr 2003 erinnert: Ein einziges, groß inszeniertes düsteres, pseudo-kathartisches Gehaue mit großen Gefühlen, einem vorab bekannten Happy End - und wenig Raum fürs Subtile. Aber gleichzeitig stimmt es schon. Es endet alles. Etwas mehr als zwei Monate nach der Tötung Osama bin Ladens wird auch die Geschichte von Voldemort und Harry Potter abgeschlossen. Es scheint, als finde das Jahrzehnt des Terrors im Jahr 2011, kurz vor dem 10. Jahrestag der Anschläge, auf allen Wahrnehmungsebenen ein Ende. Barack Obama, dessen möchtegern-messianische Aura Spötter gerne mit Potters fiktiver Aura vergleichen, erschießt den Al-Kaida-Führer, Potter besiegt Voldemort - und überlebt. Kreise werden geschlossen - und überschneiden sich. Im Internet kursiert entsprechend seit Anfang Mai ein so genanntes Mem, ein Poster, auf dem Osama bin Ladens Gesicht mit dem nasenlosen Gesicht Voldemorts aus den Filmen verschmolzen wird: "Vor zehn Jahren veränderte sein Terror die Welt", steht auf dem Poster zu lesen. Und: "Nach 10 Jahren in einem Versteck ist er endlich weg."

Ob diese zufällige Gleichzeitigkeit tatsächlich einen tieferen Sinn hat, sei dahingestellt. Sicher ist nur, dass bin Ladens und auch Potters Verschwinden den Weg frei macht für etwas Neues - und auch für andere Helden. In der arabischen Welt hat der Frühling neue, freundliche Heroen und Symbolfiguren hervorgebracht, Helden des Aufbruchs. Wie sich diese schönere, aber auch kompliziertere Welt in der Literatur und im Kino niederschlagen wird, ist dagegen noch offen. Welche Helden werden wohl hier die Bühne betreten, jetzt, da der jüngste Tag vorbei ist? Was aus Harry Potter wird, nimmt der letzte Film dabei freundlicherweise vorweg: Er wird Familienvater und sieht nach einem gehörigen Zeitsprung aus wie ein etwas steifer Sozialkundelehrer. Was für eine Entwicklungsgeschichte. Was für eine schöne, neue Zeit. Bye, bye, du Held der Nuller. Es ist gut, dass du uns verlässt.