HOME

Kinostart der Terroristenkomödie "Four Lions": Der Terrorist ist ein Scheinriese

Die, die von der diffusen Terrorangst ihrer Mitmenschen profitieren, werden diesen Film ablehnen. Der Rest darf lachen - über eine britische Terrorzelle und über sich selbst. Denn das ist nötig, sagt Regisseur Chris Morris.

Von Sophie Albers

Wenige Tage nach den Anschlägen vom 11.September 2001 hat der damalige US-Präsident George W. Bush den Krieg gegen den Terror ausgerufen, der die ganze Welt überziehen sollte. Um "jede internationale Terrorzelle zu finden, aufzuhalten und zu zerschlagen". Bush wusste damals schon, dass es länger dauern würde ("Die Amerikaner müssen geduldig sein"). Und die Völker der westlichen Welt (auf der "guten" Achse) haben sich in den folgenden zehn Jahren abgefunden mit einem neuen Leben der zunehmenden Überwachung und Durchleuchtung. Man gewöhnt sich schließlich an alles. Da kommt es denen, die Überwachung und Kontrolle weitertreiben wollen, ganz und gar nicht gelegen, dass nun ein Brite mit wirren Locken und spöttischem Lächeln das Drohgemälde der allgegenwärtigen terroristischen Bedrohung nimmt und mit einem kräftgen Anarchie-A übermalt. So ungefähr muss man sich Chris Morris' schwarze Komödie "Four Lions" vorstellen.

Gefährlich normale Menschen

Fünf junge Muslime aus Sheffield beschließen, Dschihadisten zu werden. Sie wollen sich im Namen ihres "heiligen Krieges" in die Luft sprengen und möglichst viele "Ungläubige" mitnehmen. Klingt so gar nicht witzig. Ist es auch nicht. Aber genau in diesem Augenblick macht Morris den Unterschied: Seine Terroristen sind keine Dämonen, die an Überwachungskameras vorbeihuschen, keine eiskalten Killer, die perfide Mordpläne schmieden, keine Monster, deren Tötungsmechanismen unschuldige Passanten nicht entgehen können. Nein, sie sind ... Menschen. Und das ist nach zehn Jahren Anti-Terror-Kampf erstaunlicherweise ein kleiner Skandal. Dazu muss man sich nur ansehen, welche Schwierigkeiten Morris' hatte, den Film zu finanzieren und schließlich auch zeigen zu können.

Omar, der Intellektuelle, Waj, der Vollidiot, Barry, der fanatische Konvertit, Faisal, der Stoffel und Hassan, der gelangweilte Rapper, sind genauso bescheuert, naiv, leidenschaftlich, tragisch und brutal wie alle anderen Menschen auch. Nur entsprechen sie gerade dem Feindbild, auf das sich ein Teil der Welt geeinigt hat. Der Film treibt sie aus dem idyllischen Wohngebiet ins Ausbildungslager nach Pakistan und schließlich zum London-Marathon - in hanebüchenen Kostümen. Antrieb ist immer das, was sie sich gerade unter ihrem Krieg vorstellen.

Der lapidare Terroristen-Alltag

Drei Jahre lang hat Chris Morris recherchiert, mit Terrorismus-Experten, Imamen, der Polizei und Hunderten Muslimen gesprochen. Am Ende stand die Erkenntnis, dass es im Terrorismus "um Ideologie geht - aber auch um Volltrottel". Er habe einst diese Geschichte gelesen von fünf Dschihadisten, die zur Jahrtausendwende ein US-Kriegsschiff in die Luft sprengen wollten. "Vorsichtig ließen sie ihr Boot zu Wasser, packten es mit Sprengstoff voll - und es sank", erzählt Morris im Gespräch mit stern.de. Das der Terroristenalltag genauso lapidar sein könne wie der jedes anderen Menschen, das habe ihn fasziniert. In einer Terrorzelle herrsche die gleiche Gruppendynamik wie in einem Fußballteam: "Es gibt Freundschaft, Neid, Missverständnisse." Weil es Meschen sind. Wenn auch solche, denen es an Menschlichkeit fehlt.

"Four Lions" soll weder Opfer von Terroranschlägen verhöhnen noch Muslime beleidigen. "Die haben am lautesten über den Film gelacht", sagt Morris. "Four Lions" will an unserer in der vergangenen Dekade eingeschliffenen Wahrnehmung und Einschätzung der Welt rütteln. Und Lachen hilft bekanntermaßen, um Verkrampfungen zu lösen.

"Four Lions" ist seit dem 21. April in den Kinos zu sehen. Wenn Sie weniger lachen, aber trotzdem etwas über Menschen lernen möchten, die sich für Gewalt entscheiden, schauen Sie das brillante Drama "Paradise Now".