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BMW und Mercedes: Zwangspakt der Scheinriesen

Eine Liebesehe ist es nicht: Um den wirtschaftlichen Sturz ins Bodenlose zu verhindern, will Daimler-Chef Dieter Zetsche mit BMW zusammen arbeiten. Doch wie weit können Stern und Doppelniere aufeinander zu gehen, ohne ihren Charakter zu verlieren? Eine Analyse von Gernot Kramper

Mercedes und BMW sind Fixpunkte im Himmel der Automobilträume. In Punkto Image sind beide Giganten, aber je näher man hinschaut, umso mehr schrumpfen die Riesen. Der Größe des Namens entspricht aber nicht die Größe der Firmen, darum wollen und müssen beide enger zusammenrücken, das hat die FAS am Wochenende berichtet. Tatsächlich erzwingt die aktuelle Lage die Kooperation, denn gerade die erlösstarken, großen Fahrzeuge lassen sich zurzeit kaum noch absetzen.

Sofort hört man Klagelaute, dass ein BMW ein BMW bleiben müsse und eine S-Klasse ein reinrassiger Mercedes. Dahinter steckt die nostalgische Idee, dass ein Auto im Großen und Ganzen von einer Firma entwickelt und gebaut wird. Wer daran glaubt, träumt auch noch von der Zeit, als ein Volkswagen immer in Wolfsburg montiert wurde. Ein großer Teil des Produkts Autos stammt dabei längst nicht von der eigenen Marke sondern von Zulieferern. Darunter sind Firmen, deren Namen dem Endkunden meist gar nichts sagen. Im ersten Schritt der angedachten Premiumkooperation wird es darum gehen, eine höhere Marktmacht bei den Zulieferern zu mobilisieren - ganz simpel durch höhere Stückzahlen.

Denn daran hapert es. Andere Premiummarken wie Lexus (Toyota) und Infinity (Nissan) satteln auf der Nachfragemacht riesiger Konzerne auf, die Einzelkämpfer Mercedes und BMW können das nicht. Dabei haben sie den Angreifer, der es erfolgreich anders macht, direkt vor den Toren: Audi ist in den letzten Jahren erfolgreich in die Premiumgruppe eingebrochen und profitiert dabei massiv vom Autouniversum der Volkswagen AG. Imagenachteile durch Konzerntöchter wie Skoda oder Seat behinderten den Siegeszug von Audi offenkundig nicht.

Stärkung des Einkaufs

Von Zulieferern stammen zahlreiche Bauteile und Baugruppen, die der Fahrer kaum mit dem Markenimage in Verbindung bringt. Damit wird die Kooperation von BMW und Mercedes beginnen. Das können Dinge sein, die der Kunde kaum zu Gesicht bekommt, wie Dämmstoffe, Fensterheber oder Schlösser. Aber auch Systeme, die bereits zum technischen Antrieb gehören, stammen nur selten vom Autohersteller. Und welcher Endkunde wird es bemerken, wenn künftig in einem Mercedes und einem BMW baugleiche Anlasser, Wasserpumpen und Kühlkompressoren arbeiten?

Dabei gehen bestehende Kooperationen längst über die Zone "unverdächtige" Teile hinaus. Selbst das Herz eines BMWs muss kein Bayerngewächs sein. BMW lässt Vierzylinder-Benzin-Motoren in einer Kooperation von PSA fertigen. Über den Anteil der Partner am Motoren-Know-How lässt sich streiten, Fakt ist aber, dass in einem BMW oder einem Mini der gleiche Motor wie in einem Peugeot arbeitet. Da diese Motoren zum Besten gehören, das es auf dem Markt gibt, liegt kein Nachteil in dieser Kooperation. Warum sollte so etwas nicht zwischen Mercedes und BMW möglich sein?

Fieser Crash beim Driften

Skeptische Techniker

Das Problem ist, dass es in beiden Marken eine starke Technikerfraktion gibt, die der Zusammenarbeit mit dem benachbarten Erzrivalen skeptisch gegenübersteht. Belächeln darf man den Eigensinn der Techniker nicht. Gerade im Fall Mercedes macht diese Technikkompetenz den Kern der Markenstärke aus, nur ihr ist es zu verdanken, dass die Firma den irrwitzigen Ausflug der Schremppschen Welt AG weitgehend unbeschadet überstanden hat.

Sicher wird man daher auch in Zukunft keine S-Klasse erleben, unter deren Stern ein verkleideter Siebener daherkommt. Doch BMW und Mercedes bauen nicht nur Traumwagen der Oberklasse, auch bei den Premiumherstellern macht die Masse das Geschäft. Und da liegt gerade bei Mercedes einiges im Argen. A- und B-Klasse gelten seit Jahren als Sorgenkinder. Das "einzigartige" Fahrzeugkonzept macht sich vielleicht in der Werbung ganz gut, führt aber dazu, dass hier in einem preissensiblen Segment automobile Solitäre zu unvertretbaren Kosten hergestellt werden. In diesem Bereich oder bei denkbaren Fahrzeuggrößen unterhalb der Kompaktklasse sind weitreichende Gemeinschaftsprojekte durchaus denkbar. Bereits im letzten Jahr haben BMW und Fiat erklärt, man könne den Mini und Modelle von Alfa Romeo auf einer einheitlichen Plattform aufbauen und dabei auch Komponenten gemeinsam anfertigen. Der Zwang zum Zusammengehen ist also da. Und wenn die BMW-Welt gemeinsame Fahrzeuge mit einem Partner wie Fiat erträgt, sollte es keine Hindernisse in einer Zusammenarbeit mit Mercedes geben. Der einzige Grund wäre tatsächlich die liebgewonnene Erbrivalität der Marken.

Die Kernfrage der geplanten Edel-Kooperation wird daher nicht sein, ob man durch einen gemeinsamen Einkauf ein paar Cent an der Kofferraumauskleidung einsparen kann. Viel entscheidender wird es sein, ob es gelingt, die technische Potenzial beider Marken gemeinsam auszuschöpfen. Denn nur wenn es zu einem produktiven Miteinander der Technikerkulturen von BMW und Mercedes kommt, könnte man auf Dauer den technischen Vorsprung gegenüber den Mitbewerbern halten und auch finanzieren.

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