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Das Fernsehjahr 2010: Sport statt Innovationen

Die großen Sender wollen im nächsten Jahr vor allem mit Sport punkten - und schicken bewährte Experten ins Rennen. Doch wo bleiben die inhaltlichen Innovationen? Eine Programm-Vorschau.

Von Bernd Gäbler

Für das nächste Fernsehjahr hat der ARD-Programmdirektor Volker Herres ein ambitioniertes Ziel ausgegeben: "Das Erste" soll dem Sender RTL die Marktführerschaft bei den Gesamtzuschauern streitig machen. Worauf baut er dieses Ziel? Auf hervorragende Programmideen? Ein Spielfilmangebot wie nie? Neue Stars? Mitnichten. Er baut auf Sport als den großen Treiber aller TV-Entwicklung, denn 2010 ist wieder ein Sportjahr.

Los geht es mit den Olympischen Winterspielen. 17 Tage lang werden ARD und ZDF abwechselnd insgesamt 221 Stunden live von Skispringen und Biathlon, Bob und Eiskunstlauf berichten. Folgende Armada an "Experten", was im Sport stets ehemalige Athleten sind, flankiert die Übertragung: Katarina Witt, Ricco Groß, Markus Wasmeier, Dieter Thoma, Sven Fischer, Jens Weißflog, Christoph Langen, Gunda Niemann-Stirnemann und Hilde Gerg. So ist eine hinreichend sportimmanente Berichterstattung gesichert. Höchste Einschaltquoten versprechen sich die Macher vom Biathlon, Skispringen und auch wieder vom Eiskunstlauf. Die Stasi-Vergangenheit des "Erfolgs"-Trainers Ingo Steuer ist nun vergeben und vergessen.

Mit den Winterspielen soll es auch einen Technikschub geben: Erstmals wird komplett in HDTV-Standard gesendet. Das soll zum Kauf neuer Endgeräte animieren. Schon 2009 haben die Deutschen über acht Millionen neue Flachbildschirme gekauft. Da die flächendeckende Analog-Abschaltung nun endgültig für 2012 ins Auge gefasst wird, muss die Endgeräte-Flotte bis dahin erneuert sein. Für viele ist auch der Fußball das entscheidende Argument, nun doch den größeren Fernseher mit besserer Bildqualität anzuschaffen.

Der TV-Höhepunkt: die Fußball-WM in Südafrika

Vier Sender übertragen im Sommer einen Monat lang die Fußball-WM, drei Spiele täglich gibt es in der Gruppenphase. Das ZDF überträgt das Eröffnungsspiel und das Finale. Die ARD überträgt das vermutlich entscheidende Gruppenspiel der Deutschen gegen Ghana und Viertel- bzw. Halbfinale mit deutscher Beteiligung. RTL überträgt neun Spiele und baut auf seine populären Kommentatoren Günther Jauch, Jürgen Klopp und Jürgen Klinsmann. Wegen der günstigen Lage Südafrikas ist kein Zeitunterschied zu überbrücken. Alle Spiele überträgt auch der Bezahlsender Sky, das ehemalige Premiere.

Jahr der Entscheidung für Sky

Für diesen Sender kann 2010 ein entscheidendes Jahr werden. Nicht allein mit der Weltmeisterschaft, sondern mehr noch mit dem Bundesliga-Alltag muss der Sender eine Wende schaffen, damit schwarze Zahlen wenigstens am Horizont sichtbar werden. Schon werden die Abos teurer, die angepeilte Ziel von einst vier oder mehr Millionen Abonnenten rückt in weite Ferne. Gelingt Sky kein mit anderen europäischen Ländern vergleichbares Geschäft, kann die gesamte Finanzarchitektur des Profi-Fußballs ins Rutschen geraten.

Eine neue Gebühr

Das Bezahlfernsehen hat es in Deutschland besonders schwer, weil das frei empfangbare gebührenfinanzierte Fernsehen so stark ist. Und hier wird es eine Neuordnung geben, die ARD und ZDF noch einmal strukturell stärken wird. Entweder wird in Zukunft auch für jedes fernsehempfangsfähige Handy oder Laptop eine Gebühr von 5,76 Euro zu entrichten sein oder aus der Gebühr wird eine steuerähnliche "Haushaltsabgabe" werden. Jetzt schon kämpfen die kommerziellen Sender um Kompensationen für diesen strukturellen Nachteil. Einige Verpflichtungen (Pflicht zu Nachrichten und Regionalprogrammen, Angebote "Dritter" und Werbegrenzen) werden vermutlich aufgeweicht werden, da die Werbekrise nicht ausgestanden ist.

Für Sat1 wird es eng

RTL schafft es besser als die Konkurrenz, Programmkosten einzusparen und dennoch die Zuschauerwünsche zu treffen. Am Nachmittag, mit "Help-TV" von "Bauer sucht Frau" bis Peter Zwegat und Casting-Events, ist RTL führend. Das ZDF hat bei Satire-Formaten aufgeholt, bleibt ein großer Förderer des deutschen Films, und zur zweiten Jahreshälfte kommt Jörg Pilawa. Auch mit Hape Kerkeling hat der Sender etwas vor.

Die ARD setzt auf ein paar neue Filme: das historische Porträt "Rommel", die Fiktionalisierung der Finanzkrise "Gier". Und sie erweitert die populären Dienstags-Serien ("Der Dicke"; "Tierärztin Dr. Mertens") um eine weitere: Die Familienserie "Weißensee" spielt zur DDR-Zeit. "Das Erste" belässt es bei Anne Will und Frank Plasberg, der noch stärker auch in die Unterhaltung drängt, und muss die durch Pilawas Senderwechsel verursachte Vorabendlücke schließen. Ein Highlight wird sicher Dominik Grafs achtteilige Mafia-Krimi-Serie "Im Angesicht des Verbrechens".

.Außerdem spricht man in der ARD immer wieder von der "Verjüngung" des Programms, etwa "mit schrägen und jungen Sendungen und Online-Angeboten, Pepp und Tiefgang" (SWR), was sich immer anhört wie "Beat-Gottesdienst". Eng kann es für Sat1 werden. Zwar wurde der Marktanteil etwas verbessert auf über zehn Prozent, die Innovationen (Kerner und Pocher) schlugen aber fehl. Die Verschuldung der Mediengruppe mit 3,5 Mrd. Euro ist so hoch, dass Licht am Ende des Tunnels kaum zu erkennen ist.