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Die Medienkolumne: Die treffende Satire zur Obama-Ära

Wie nur soll man US-Präsident Barack Obama satirisch beikommen? Schon im Wahlkampf haben es viele vergeblich versucht. Mit subtiler Präzision schafft bisher nur einer die Satire zur neuen Ära: "The Daily Show mit Jon Stewart".

Von Bernd Gäbler

Eingeweihte kennen Jon Stewart. Es gibt Fernseh-Junkies, die wissen alles über Jon Stewart. Sie kennen seine ersten Schritte auf MTV und CNN, wissen, dass er von Dave Letterman gefördert wurde und wie er die Oscar-Verleihung moderiert hat. Das wird er bald wieder tun. Auch für die Programmmacher, Show-Planer und Witze-Schreiber renne ich mit einer Empfehlung von Jon Stewart längst offen stehende Türen ein. Aber ich will nicht erneut generell das Programm "The Daily Show with Jon Stewart" empfehlen, sondern auf eine aktuelle Besonderheit hinweisen: Es ist die einzige Comedy-Show, der es jetzt schon gelingt, einen treffenden satirischen Ton für die Ära Obama zu finden.

Satire in Zeiten des US-Wahlkampfes

Während des US-Wahlkampfes zeigte sich rasch, dass das gar nicht so einfach ist. Zu leicht steht auch der Satiriker als simpler Spielverderber da, der den Menschen die - gelegentlich durchaus naive - Hoffnung nicht gönnt. Statt Satire entsteht so Zynismus. Der Satiriker ist dann einer, der ganz simpel immer dagegen ist. Viele haben es auch derb versucht: mit etwas Frauenfeindlichkeit gegen Hillary Clinton; mit ein paar Witzen über alte Männer zu McCain und mit ein wenig Kratzen an den Rändern zum Rassismus in Bezug auf Barack Obama. Es zog nicht. Das trug dazu bei, dass Sarah Palin, die Vize-Präsidentschaftskandidatin der US-Republikaner unumstritten zum Satire-Star des US-Wahlkampfes wurde.

Jetzt aber gibt es kein Ausweichen mehr: Obama ist zum 44. Präsidenten gewählt worden, er ist vereidigt, er hat nicht weniger angekündigt als den Beginn einer neuen Ära, eines "Remaking of America". Wie damit umgehen, ohne plump, platt, gar reaktionär oder hoffnungslos zu wirken?

Die ersten acht Minuten vom 20. Januar

Wer einen Eindruck davon gewinnen will, wie gute Satire in so einer komplizierten Situation sein kann, sollte im Netz unbedingt noch einmal etwa acht Minuten von "The Daily Show with Jon Stewart" (www.thedailyshow.com) genießen - und zwar die Ausgabe vom 20. Januar, die unter dem Motto "Changefest '09" stand. Jon Stewart unternimmt hier nicht weniger als eine wunderbare Dekonstruktion der Inaugurationsfeier Barack Obamas, die allzu sehr pathetisch aufgeblasen war. Wie er die peinlichen Reimversuche der Prediger und Gastredner freundlich auf Pilcher-Niveau zurückführt, wie er einzelne Gäste - von Jimmy Carter bis Bush sen. - ebenso respektlos wie treffend charakterisiert, wie er Dick Cheney im Rollstuhl mit "Dr. Strangelove" (so lautet der Originaltitel des Filmes "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben") parallelisierte - dazu gehören Biss, Bildung und genaue Beobachtung. Und das schafft das Team der US-Sendung alles bereits am Tag der Amtseinführung, während es hierzulande so scheint, als sei außer einigen Plattheiten über Mundwinkel und Frisur immer noch kein treffender Ton für Angela Merkel gefunden worden. Obamas Rede selbst war keine Regierungserklärung, sondern eine ans nationale Selbstverständnis appellierende Predigt.

Jon Stewart tat zunächst nichts als sich selbst ganz aufgeregt und jubelbereit zu zeigen, ließ dazu alle Passagen, in denen Obama düstere Krisen-Szenarien der US-Gesellschaft ausmalte, die von verfehlter Wirtschaftspolitik, schlechten Schulen, mieser Ausbildung oder katastrophaler Krankenversicherung handelten, geradlinig aneinander schneiden und rollte dann seine Tröte resigniert ein. Herrlich! Da zerplatzten Seifenblasen. Aber es ging weiter! Bald schon sprach er Obama-Sätze im Bush-Slang nach und führte dann im flotten Zusammenschnitt gnadenlos nahezu identische Obama-Bush-Passagen vor. Jason Jones, der als spezieller "White House Correspondent" der Show agiert und damit zugleich alle klassischen "Ich-stehe-hier-vor-dem-Weißen-Haus-und-darf-einen-Aufsager-machen"-Wichtigtuer persifliert, erläuterte dann genau die Unterschiede: Jetzt sind es eben die Worte des magischen Wort-Zauberers Barack Obama! Auf seiner letzten Pressekonferenz im Irak wurde George W. Bush mit einem Schuh beworfen. Nun hatte Jason Jones einen Schuh in der Hand. Natürlich wirft er nicht.

Soweit die Beschreibung; nun das Lob: es war wunderbar, weil so gut beobachtet; es war befreiend, weil etwas artikuliert wurde, was man selbst bis dahin nur als vages Unwohlsein an der pompösen Amtseinführung empfunden hatte; es machte Spaß und war zugleich viel kabarettistischer als jede Ausgabe vom ARD-"Scheibenwischer". Was eingestanden sei: Die englische Sprache begünstigt eine positive Wertung, da das eigene Sprachvermögen bedeutend weniger differenziert ist als in der Muttersprache und man jeweils froh ist, wenn man eine Pointe verstanden hat.

Am Wochenende auf CNN

Der deutsche Ableger des US-Senders "Comedy Central" sendet Jon Stewart zu später Stunde (sonntags 22.45 Uhr, Wiederholung: Sonntagnacht 1.15 Uhr, Freitagnacht 4.40 Uhr ) in einer so genannten "Global Edition", einem Highlight-Zusammenschnitt von vier Ausgaben. Das ist nicht schlecht, da uns die Interviews mit den Studio-Gästen in der Regel ohnehin wenig sagen. Auch auf CNN International ist die Global Edition zu sehen. Vielleicht erhält die Sendung hierzulande ja noch den Rang, den sie bei Insidern längst hat.