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Die Medienkolumne: Invasion der Phrasen (Teil 2)

Tagtäglich überfluten uns die Nachrichten mit gedankenlosen Formulierungen und schlechtem Deutsch: Da ist die Rede von "La-Ola-Wellen", "Auto-Korsos" und "vorprogrammierter Spannung". Seit auch das ZDF von "Praktikas" redet, hat stern.de-Kolumnist Bernd Gäbler jegliche Hoffnung für unsere Sprache verloren.

Von Bernd Gäbler

Zur Kolumne "Invasion der Phrasen" vom 4. August gab es viel Zustimmung. Für alle Kritiker sei trotzdem noch einmal klargestellt: Es ging nicht um Sprach-Purismus oder gar um eine deutschtümelnde Verteidigung des Althergebrachten. Sprache verändert sich. Gerne. Wir haben nichts dagegen, wenn dies dem Gegenstand jeweils angemessen ist. Gerne darf die FAZ einmal ein kräftiges "Törötööröö" in die Überschrift mischen, darf im Jugendsender "gedisst" werden, hat keiner etwas gegen Lautmalereien, wie sie schon in den sechziger Jahren in Texten des "New Journalism" üblich waren.

Es geht um etwas anderes: um Sterilität und Phrasen, die uns die Texter gerade im Fernsehen vorsetzen. Sie sind immer Ausdruck von Gedankenlosigkeit. Dabei werden die Macher gut genug bezahlt, um qualifiziert zu sein und sich anzustrengen, wenn sie uns etwas mitzuteilen haben. Ich will folgende Formulierung in keinem einzigen Einspielfilm mehr hören, der für würdig befunden wurde, in der ARD-"Tagesschau" oder in "heute" (ZDF) ausgestrahlt zu werden: "Doch die Idylle trügt" - das tut sie nämlich immer. Gern wird auch am Schluss eines Beitrags verkündet: "Das wird die Zukunft zeigen". Auch dieser Hinweis hat hier nichts zu suchen, weil er so unendlich banal ist. Warum gibt es keinen, der solche Sätze einfach streicht?

Wenn ein Sport-Moderator zum Reporter im Stadion überleitet, heißt es: "Da ist Spannung vorprogrammiert". Während der olympischen Spiele wurde dieser Satz laufend benutzt. Warum nur? Gibt es denn keinen verantwortlichen Redakteur, der den Moderatoren solche Sprachlosigkeit um die Ohren haut? Offenbar ist sich niemand darüber im Klaren, dass das Wort "Programm" auf Deutsch "Vorschrift" bedeutet und dass das Wörtchen "vor" deswegen vor "programmieren" genauso angemessen ist wie das Präfix "neu" beim Renovieren? Wir überhören all diese Dopplungen bereitwillig.

Doppel-Moppel-Welle

Die bei Sport-Reportern so beliebte "La-Ola-Welle" ist nur ein weiteres Beispiel: Nicht nur Waldi Hartmann kommt bei der "Welle-Welle" ins Schwärmen. Warum sprechen so viele, deren Job doch das öffentliche Reden ist, so schlecht Deutsch?

Dass in Ossetien die Unabhängigkeit mit "Auto-Korsos" gefeiert wird, erlaubt der Duden wohl neuerdings. Längst aber ist es üblich geworden, jedwede Pluralbildung durch das Anhängen eines "-s" vorzunehmen. Besorgt um das Sprachvermögen angehender Journalisten, versucht man ja wenigstens in der Ausbildung, das ein oder andere zu korrigieren. Ich jedenfalls bemühe mich darum und falle Seminaristen korrigierend ins Wort, wenn sie stolz von ihren vielen "Praktikas" berichten, verweise auf die lateinischen Pluralbildung beim Neutrum oder zumindest auf Lothar Matthäus, der auch immer ganz begeistert "Internas" ausplauderte. Ein resignierter Kollege wettete neulich, dass alles, was ich noch zu korrigieren versuche, ohnehin demnächst in Nachrichtensendungen auftauchen werde. "Das nicht!", hielt ich empört dagegen, voller Vertrauen auf erfahrende Fachkräfte wenigstens bei ARD und ZDF.

Selbst das ZDF spricht jetzt von "Praktikas"

Mein Vertrauen sank schon, als ich im ZDF-"heute-journal" vom 15. August wieder einmal vernahm, dass "eine Gruppe von Russen nach ... flohen." Auch wenn es mehrere Russen waren: Als Gruppe sind sie Einzahl. Dasselbe gilt für: "Die Mannschaft ist fahrlässig mit den Chancen umgegangen, wenn sie in Ballbesitz waren". Wer will sich da noch über den Satz "Sie zog als Dritte ins Finale ein" aufregen, war doch sicherlich "als Drittschnellste" oder "als Drittplatzierte" gemeint - schließlich qualifizieren sich alle Halbfinalisten stets zum gleichen Zeitpunkt fürs Finale.

Aber da kommt man sich schon kleinkariert vor. Wenn es nur so ungefähr stimmt, reicht es doch längst. Dann aber geschah es: Während der Olympischen Spiele gibt der Moderator zur frühen Stunde an "die heute" ab - unerklärlich, warum er unbedingt eine jobinterne Formulierung verwenden muss. Eine mir bisher nicht ins Auge gefallene junge Dame spricht die Nachrichten. An einer Stelle geht es um den Vorschlag, Langzeitarbeitslose in der Altenpflege einzusetzen. Jemand kritisiert das, weil dazu eine gute Ausbildung nötig sei, "mit ein paar Praktikas" sei es nicht getan, verliest die Dame ohne Stocken. Für sie war der Text selbstverständlich. Mir blieb nur, resignierend das Datum eines weiteren Dammbruchs zu notieren: 16. August, morgens um 9.25 Uhr im ZDF. Soll ich die Studenten jetzt noch korrigieren?

  • Bernd Gäbler