Die Medienkolumne Invasion der Phrasen


Lässiges Geplapper war einst jugendlichen Radiomoderatoren vorbehalten. Nun scheinen auch seriöse Nachrichtensendungen im Meer der Phrasen zu versinken. Ständig "lehnt sich jemand aus dem Fenster" oder "rudert zurück". Damit soll jetzt "mehr als" Schluss sein.
Von Bernd Gäbler

Ach, wäre es doch schön, wenn einmal jemand all diesen Moderatoren, die sich im Fernsehen tummeln, wenigstens die ein oder andere Basisinformation über die deutsche Sprache und deren Grammatik geben könnte: Dass zum Beispiel auf "Mannschaft" die Verbform im Singular folgt, auch wenn es viele sind, die eine Mannschaft bilden. Oder dass man nicht zum Kollegen überleitet, weil der noch ein paar "sportliche Meldungen" vorliegen hat, wenn dieser dann Meldungen zum Sport vorliest. Oder dass das Wort "Mädchen" in unserer Sprache - man mag es kurios finden - tatsächlich sächlich ist. Benutzt man es, geht der darauf folgende Satz also nicht mit dem Personalpronomen "sie" weiter, sondern mit "es". Das wisse doch jeder? Nein, es vergeht kein Tag im Fernsehen ohne diese Fehler. Wer sich darüber noch aufregt, müsste das Programm als Ohrenfolter empfinden.

Sprachkritik als unzeitgemäße Pedanterie

Wollen wir also nicht unrealistisch oder gar beckmesserisch sein. Wer an der verwendeten Sprache Kritik übt, setzt sich ohnehin dem Verdacht aus, ein konservativer Knochen, ein miesepetriger Pedant oder ein humorloser Zausel zu sein. Zumindest aber keine Ahnung von der Jugend oder der Popkultur zu haben. Sei's drum. Mögen sie reden, wie sie wollen: Im Sat.1-Frühstücksfernsehen, im Morgenmagazin des ZDF, in der WDR-"Lokalzeit", bei "Taff" oder im Sport. Die Hoffnung, das Meer der Phrasen - von der "Seele, die stets baumelt" bis hin zur "Kanzlerin, die zurückrudert" - jemals auszutrocknen, haben wir aufgegeben. In Moderationen und Filmbeiträgen wimmelt es nur so vor "Leidenschaft pur" und Leuten, "die in die Negativschlagzeilen" gerieten.

Früher gab es Ausbilder, die Texte redigierten. In den Redaktionen gab es Fibeln mit Sprach-Leitlinien, sogar Listen mit Ausdrücken, die tunlichst zu vermeiden waren. Heute scheint das Motto "Einfach drauflos quatschen und auch noch Geld dafür kriegen", das die jugendliche Moderatorin Miriam Pielhau einst auf ihre Homepage stellte - universell geworden zu sein. Man könnte darüber lachen, man könnte darüber weinen. Aber in beiden Fällen würden wir uns fühlen, als bestünden wir auf etwas, was doch längst passé ist. Es könnte verzweifelt wirken. Aber das sind wir gar nicht: Wir lassen sie laufen, die Flut der Wörter, der Wendungen und Irrungen, die sich über uns ausschüttet.

Heikler Jugend-Jargon

Nur - und daran halten wir fest - in den Nachrichtensendungen soll es sprachlich nicht so anarchisch zugehen. Die Sprecher sollen eben nicht reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern wie es der Verstand erfordert. Wer von uns ernst genommen werden will, soll auch uns ernst nehmen. Könnte man sich darauf nicht mit den Machern einigen? Caren Miosga hat sicherlich kein Problem mit der Sprache. Tom Buhrow schon eher. Sobald es kompliziert wird, ist "heikel" seine Lieblingsvokabel. Claus Kleber und insbesondere Dunja Hayali empfinden es dagegen als ihre Mission, die Grenzen zwischen ernsten und unterhaltenden Informationen einzureißen und sie tun ihr Bestes, sich dem vermeintlichen Jugend-Jargon anzupassen.

Gerne darf Sprache originell sein - sie soll es sogar sein. Aber schlampig ist eben nicht originell. Eine Verführung mag in den vielen Nebenjobs der Moderatoren liegen, für die es gutes Geld gegen schlechte Vorbereitung gibt. Wenn Tom Buhrow, dessen Haupthaar-Teppich deutlicher zugenommen hat als die Sprachkompetenz, beispielsweise bei der "Jugend forscht"- Preisverleihung in Bremerhaven seiner Assistentin für die unauffällige, aber hilfreiche Mitarbeit danken will, sagt er, diese habe ganz toll "unscheinbar" gearbeitet. In dieser Art liegt er häufig ein bisschen daneben. Sprachliche Präzision ist seine Sache nicht.

Stark nur durch Verstärker

Im Grunde ist es ein riesiger Fortschritt in der Geschichte unseres Landes: Ein Großteil unserer Bevölkerung kann nicht nur sprechen, sondern auch schreiben. Wunderbar! Dass sie uns inzwischen auch alle medial beglücken - nun ja, so ist wohl der Lauf der Dinge, wenn sich immer mehr Medien als "Bürgermedien" verstehen. Natürlich verändert sich dadurch unsere Sprache. Aber könnte man nicht wenigstens versuchen, einen einzigen, letzten Damm noch zu errichten und die beiden folgenden sprachlichen Auswüchse nicht zuzulassen?

Selbst in der ARD-"Tagesschau" vergeht kein Tag mehr ohne das grauenhafte Füllsel "mehr als". Keiner ist einfach nur "erfreut", "zufrieden", "bestürzt", "besorgt" oder "begeistert". Nein, alle sind "mehr als" das. Warum? Weil Autoren, die so texten, ihren eigenen Worten nicht mehr trauen. Sie haben das vage Gefühl, ihren Worten könnten sie mehr Kraft verleihen, wenn sie einen Verstärker vorsetzen. Das ist falsch. Und das wiederum ist eine stärkere Aussage als die Behauptung, sie lägen damit "mehr als falsch".

Mit ebenso großer Begeisterung bedienen sich Moderatoren der Phrase "im Vorfeld". Wie Barbaren arbeiten sie daran, die schönen deutschen Wörter "vor" und "vorher" auszurotten. Alles findet "im Vorfeld" statt. Jüngst gab es eine Ausgabe der "Tagesschau", in der diese Floskel gleich dreimal hintereinander vorkam. Unbewusst wird hier eine vage Ortsbestimmung in eine zeitliche Bestimmung umgemodelt. Denn das Feld ist weit - wann und weshalb da etwas genau stattgefunden hat, muss man beim Überblicken dieser Landschaft nicht wissen. Die Formel passt also wunderbar zum üblichen journalistischen Gestus.

Seriös ohne Floskeln

Liebes "heute-journal", liebe ARD-"Tagesthemen", liebe Frau Slomka, Frau Miosga, Herr Kleber und Herr Buhrow, vielleicht auch Herr Gniffke und Herr Brender als Verantwortliche hinter den Kulissen, könnte man sich nicht auf einen Minimalkonsens einigen? Dieser könnte lauten: Keine seriöse Nachrichtensendung mehr, in der etwas "im Vorfeld" geschehen war oder jemand "mehr als betroffen" ist. Es wäre ein kleiner Schritt für die Menschheit. Man darf gespannt sein: Wann gibt es die erste Sendung, die ganz ohne diese beiden Floskeln auskommt? Der Autor wäre nicht "mehr als zufrieden". Er wäre zufrieden.


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