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Eckart von Hirschhausen: Der Glücks-Keks

Es gibt kein Entrinnen. Der "Glücks-Doktor" Eckart von Hirschhausen schreibt nicht nur Bestseller, verkauft "Glücks-Boxen", tritt in jeder Fernsehsendung auf und moderiert eine Talk-Sendung im NDR. Wie die ARD jetzt bekannt gab, bekommt er künftig zwei große Fernsehshows.

Von Bernd Gäbler

Es war einmal ein etwas ungewöhnlicher Comedian. Er wirkte etwas ernsthafter als die anderen. Er trug keine bunten Klamotten. Er trug ein Köfferchen bei sich, dem er gerne ein Modell des menschlichen Gehirns entnahm. Sein Humor bestand nicht aus Schenkelklopfern, sondern war verschmitzt. Gelegentlich wirkte sein Auftritt etwas unsicher, fast immer ein wenig distanziert. Für seine Pointen verarbeitete er medizinisches Wissen, etwas Neurologie und viel Freud. Sie wirkten fundiert. Er selbst war nicht nur freundlich, sondern beglaubigte seine Auffassung vom Glück durch das eigene Leben. Für den Bühnenspaß hatte der promovierte Mediziner Eckart von Hirschhausen seine Karriere aufgegeben.

Die Masche mit dem Glück


Freundlich ist Eckart von Hirschhausen immer noch. Seine Funktion aber hat sich gewandelt. Aus dem Kleindarsteller ist ein kalkulierter Konsens-Konzern geworden. Wie mit einer Überdosis Moltofill füllt er eine Marktlücke, die groß ist wie ein Scheunentor, mit allerlei Tipps und Versprechen. Die Marktlücke heißt "Glück". Wer wollte es nicht? Zumindest danach streben? Hier gibt es ein riesiges Feld brachliegender Bedürfnisse. Seit Eckart von Hirschhausen diesem Thema nicht nur ein Bühnenprogramm gewidmet, sondern auch einen eingängigen Bestseller hinterher geschrieben hat, wohnt er die meiste Zeit im Fernsehen. Als Quizgast und in Talkshows erzählt er seitdem, wie toll er es findet, dass das Streben nach Glück ("pursuit of happiness") in der US-Verfassung verankert ist; dass man lieber eine schöne Reise buchen soll als ein teures Auto anzuschaffen; dass es zwar schön sein kann im Grünen zu wohnen, man aber sich aber lieber den Ärger morgens im Stau ersparen soll.

Studenten rät er, Probieren sei die beste Strategie zur Studienfachwahl, in der "Bunten" gibt er für Weihnachten den Tipp: "Erlebnisse bleiben länger im Gedächtnis als Dinge". Jedesmal vertritt er gerade soviel Post-Materialismus, dass es niemandem wehtut. Wo die Wertpapiere verfallen sind, boomen eben die Werte - Eckart von Hirschhausen profitiert davon. Er ist ein Freundlichkeits-Apostel der Mittelschicht. "Glück kommt selten allein" - das weiß inzwischen jeder. Und Frauen, die sich Postkarten kaufen mit dem Aufdruck "Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum" nicken ihm begeistert zu. Sehr gerne wird sein "Glücks-Buch" verschenkt. Dann dient es als "Glück-Wunsch" und gilt nahezu universell als gute Geschenkidee.

Inzwischen ist die Produktpalette erweitert. Für 19,95 Euro gibt es auch die "Box zum Buch" mit Tagebuch, Teebeutel und "Wunder"-Tasse, die sich füllt, wenn man etwas hinein tut. Statt dieses Kalauers könnte da auch gleich stehen: Wer das kauft, ist doof. Fehlt nur noch, dass bald eine Eckart-von-Hirschhausen-Glückskeks-Fabrik feierlich eröffnet wird. Glückskekse zum Selberbacken gibt es schon. Bekanntlich sind Glücks-Kekse innen ein wenig hohl, haben aber immer einen Spruch parat.

Eine Zeit lang wirkte Eckart von Hirschhausen auch bei Harald Schmidt mit. Da wurden Grenzen sichtbar. Er bot Auszüge aus seinem Bühnenprogramm dar, die aber immer ein wenig aufgesagt wirkten. Eine geschmeidige Integration gelang nicht, stets wirkte der Medizin-Comedian ein wenig deplatziert. Inzwischen ist Eckart von Hirschhausen, der Krawattenmann des Jahres 2009, an der Seite von Bettina Tietjen auch Gastgeber einer Talk-Show im NDR. Bisher wird hier vor allem deutlich, was er nicht kann: andere mit ernsthaftem Interesse sachlich befragen. Unbedingt will er Harmonie verströmen, kriecht in seine Gäste hinein, biedert sich an. Der routinierte Talk-Gast ist nicht unbedingt auch ein cleverer Gastgeber.

Show


Jetzt reicht auch der eigene TV-Talk nicht mehr. Aus dem schon omnipräsenten Comedian und Talker soll auch noch ein Showmaster werden. Neben dem Morgenmagazin-Mann Sven Lorig soll Eckart von Hirschhausen die Lücke füllen, die Jörg Pilawas Wechsel zum ZDF in der ARD-Unterhaltung reißt. Dahinter steckt der Gedanke, an den Shows selbst möglichst wenig zu verändern, nur den einen stets freundlichen Konsens-Stifter durch den nächsten zu ersetzen. Mit "Frag' doch mal die Maus" ist es der ARD gelungen, eine starke Marke vom Kinderprogramm in die Prime-Time zu transferieren. Mit der Maus wird Erklärung und freundliche Pädagogik assoziiert. Diesen Gedanken könnte man auch für kluge und witzige Erwachsenen-Unterhaltung übernehmen. Der ARD aber dient die "Maus" vor allem als Legitimation zur Infantilisierung des Publikums via Quiz-Show. Daneben wird von Horschhausen "Das fantastische Quiz vom Körper und Menschen" moderieren.

Hübsch, wenn das auch noch ein bekannter Glücks-Onkel befördert. Dabei ist Show-Master gar nicht so einfach. Aber vielleicht wächst ja nicht nur die Leber mit ihren Aufgaben. Möglicherweise muss auch nur jemand Eckart von Hirschhausen erklären, dass Glück nicht darin besteht, jeden Job anzunehmen, den das Fernsehen einem bieten.