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Honorare der TV-Stars: Unser Fernsehen und das liebe Geld

Die Frontleute des Fernsehens verdienen sehr viel Geld - sie können ihre Popularität versilbern. Darauf neidisch zu sein, ist einfach. Um berechtigte Kritik äußern zu können, muss man verstehen, was hinter den Summen steckt.

Eine Medienkolumne von Bernd Gäbler

Groß sind die Summen, wenn es ums Fernsehen geht: 450.000 Euro jährlich erhält Monika Lierhaus als neue Werbebotschafterin der ARD-Fernsehlotterie. Günther Jauchs Vertrag mit dem Ersten für seine am 11. September startende ARD-Sonntags-Talkshow spült - so wird kolportiert - 10,5 Millionen Euro pro Staffel und Jahr in die Kassen seiner Firma I&U. Allein für die Moderation werden Thomas Gottschalk bei "Wetten, dass..?" pro Sendung 100.000 Euro vom ZDF überwiesen. Carmen Nebel wechselte einst unter Verdoppelung ihres Produktionsetats auf 20 Millionen Euro von der ARD zum ZDF. Claus Kleber, der wohl teuerste Nachrichtenmann, bezieht vom ZDF vermutlich 480.000 Euro jährlich. Und jetzt auch noch das: Für 185 Millionen Euro bindet die ProsiebenSat1 Media AG Stefan Raab und dessen Firma Raab TV für weitere fünf Jahre an sich. Das klingt wie eine unverständlich hohe, ja horrende Summe.

Für welche Leistung fließt das Geld?

Um zu sortieren, welche Summe was bedeutet, ist zunächst einmal wichtig, exakt zu wissen, für was eigentlich bezahlt wird. Nur die Moderation? Die redaktionelle Leistung eines Teams oder eine komplett fertig gestellte Sendung? Stefan Raab erhält 37 Millionen Euro im Jahr und liefert dafür: jede Woche vier Ausgaben von "TV total" ab, dazu "Schlag den Raab", "Schlag den Star", "Wok-WM", "Stock Car Crash Challenge", "Turmspringen" und viele andere mehr. Fast jeden zweiten Samstag ist er mit einer Unterhaltungssendung zu sehen, liefert dem Sender noch den "Bundesvision Songcontest", "Pokern", diverse "Highlight"-Sendungen und Lena-Auftritte zu - und produziert diese Sendungen mit seiner Firma als Komplett-Produkt. Bei der Mutterfirma Brainpool, an der Stefan Raab auch noch 12,5 Prozent hält, sieht es aus wie bei einem kleinen Sender: Von den Studios bis hin zu Maske und Catering ist alles vorhanden. Der Sender kauft ein fertiges Produkt.

In anderen Fällen dagegen ist vom Sender hauptsächlich die redaktionelle Leistung outgesourct worden. Günther Jauchs Firma I&U sieht aus wie eine über mehrere Stockwerke verteilte Redaktion, die gar nicht so viele TV-spezifische Einrichtungen unterhält. Produziert werden die Sendungen in der Regel im Studiogelände in Köln-Hürth. Für die Talkshow im Ersten wird er ab Herbst nach Berlin gehen. 10,5 Millionen Euro für eine wöchentliche Talkshow sind auch deshalb viel Geld, weil die Gäste in politischen Runden nichts kosten und weil viele der Einspieler, deren Herstellung ansonsten recht teuer ist, aus ARD-Archivmaterial bestehen werden. 4487 Euro pro Minute wird der dann teuerste öffentlich-rechtliche Talk kosten. Das war bisher "Anne Will" mit einem Minutenpreis von 3164 Euro - "Menschen bei Maischberger" kostet rund die Hälfte. Die Redaktion ist auch nur halb so groß.

Die Redaktion von "Maybrit Illner" ist nicht in einer senderunabhängigen Produktionsfirma organisiert; die ZDF-Tochterfirma Doc.station sichert die Studioproduktion. Man wird nicht falsch liegen, veranschlagt man für die reine Moderationsleistung einen Satz von 15 bis 20.000 Euro. Weil die Sender damit das Risiko verlagern, während die Protagonisten direkt von ihrem eigenen Erfolg profitieren, sind die meisten TV-Stars - ob Talker oder Entertainer - inzwischen Unternehmer in eigener Sache geworden. In den jährlichen Pauschal-Etat ist eine Gewinn-Marge eingerechnet. Durch einfache Maßnahmen (Einsparungen bei Mitarbeitern, Gäste-Honoraren und weniger Einspielfilme) kann diese zusätzlich gesteuert werden.

Wer hat welche Rechte?

Um die einzelnen Summen wirklich beurteilen zu können, muss auch folgende Frage beachtet werden: Welche Rechte haben die Sender an den Produkten, die sie einkaufen? Bekannt ist, dass Raabs Mutterfirma Brainpool gerne Rechte behält, also billiger verkauft als andere, dafür aber den eventuellen Weiterverkauf, Marketing und Merchandising in eigener Hand behält. Bei privaten Sendern kann es auch eine Aufteilung der Werbeeinnahmen geben. Eine "Wok-WM" ist zum Beispiel offiziell die TV-Übertragung eines unabhängigen Events. Der Sender profitiert von den geschalteten Werbezeiten - von der Bandenwerbung wiederum profitiert der Veranstalter selbst.

Zu kritisieren ist nicht, dass die guten und besonders bekannten TV-Stars viel verdienen. Sicher sind Jauch, Gottschalk, Raab oder Harald Schmidt längst Millionäre. Ihr Einkommen bewegt sich aber im Rahmen dessen, was für Showstars oder die obere Riege der Profi-Fußballer üblich ist. Von Summen, die aus dem US-TV-Geschäft bekannt geworden sind - so verdiente die US-Talkerin Nr. 1 Oprah Winfrey laut Forbes allein zwischen Juni 2009 und Juni 2010 315 Millionen US-Dollar - ist der deutsche Markt weit entfernt.

Zu kritisieren ist vielmehr:

  • Wenn ausufernde Honorare für einzelne Stars hinter angeblichen Produktionskosten versteckt werden.
  • Wenn die großen Summen für wenige Stars zunehmend erkauft werden durch Honorar-Kürzungen und miese Arbeitsbedingungen für das Gros der produzierenden Journalisten in den Sendern und die "Freien" um sie herum. Gerade öffentlich-rechtliche Sender drohen an diesen inneren Spannungen gelegentlich fast zu zerreißen.
  • Wenn die Protagonisten verschachtelte Firmen-Imperien besitzen mit Sub- oder Tochterfirmen auf Guernsey oder den Cayman Islands.
  • Wenn die Sender kaum noch selber Fernsehen herstellen, sondern sich darauf spezialisieren, nur noch zugelieferte Programme zusammenzustellen, zu verpacken, Marketing, PR und Werbung zu betreiben und die eigene "Marke" zu pflegen. Gerade für öffentlich-rechtliche Sender ist das zu wenig. Diese "Selbstentleerung" wird sich nachhaltig rächen.