Medienkolumne Zart wie Krupp-Stahl


7,35 Millionen Zuschauer wollten am Sonntagabend die lahme erste Folge des ZDF-Dreiteilers "Krupp - eine deutsche Familie" sehen. Die Produktion ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Fernsehen unsere Vergangenheit entsorgt.
Von Bernd Gäbler

Dallas in Zeitlupe. Das Thema ist groß, entsprechend muss der Aufwand sein: 88 Drehtage, 68 Schauspieler, 123 Kleindarsteller, 2007 Komparsen, 112 Motive, 68 Drehorte - so lautet die Rekordbilanz des ZDF. 11,4 Millionen Euro kostete es, bis "Krupp - eine deutsche Familie" auf 3 mal 90 Minuten TV-Movie gebannt war.

Der erste Teil, der am Sonntagabend zu sehen war, kam dennoch schwer in Gang. Im wesentlichen bestand er aus einer Reihung schwergewichtiger Dialoge. Der heutige zweite Teil hängt besonders durch; im dritten wird gestorben.

Die "dramaturgische Klammer", so nennt es Regisseur Carlo Rola, ist das Erinnern der strenge Herrin Bertha Krupp im Jahr 1957 auf ihrem Sterbebett. In bestem Frauenzeitschriften-Jargon heißt es, dass die strenge Bertha sich am Ende gegenüber ihrem Hausmädchen noch einmal "öffnet". Dies dehnt sich schier endlos über die drei Folgen. Iris Berben spielt diese dominante Mutter Krupp als alles dominierende Hauptrolle. Durch den Kunstgriff des gedehnten Erinnerns wird chronologisches Erzählen vermieden. Das führt allerdings zu ständigen, wenig motivierten Zeitsprüngen. Am Ende als es zum theatralischen Sterben vor dem Spiegel geht, rollen die stärksten Szenen ihres Lebens noch einmal vor Berthas Auge ab.

"Stahl. Macht. Leidenschaft" - so lautet die Werbebotschaft zum pompösen Epos. Aber was genau ist der Gegenstand dieses Fernsehfilms? Die Dynastie Krupp? Die Bindung an die jeweils herrschenden Mächte? Die psychologischen Binnenkonflikte? Das ZDF will nicht weniger, als eine Vermittlung von Nationalgeschichte und Familienschicksal. Für dieses Programm allerdings fehlt es an Haltung. Der Film will irgendwie alles, darum wird aus ihm nichts. Vor allem nämlich will er eins: familienfreundlich erzählen.

Mutter-Sohn-Verhältnis als Zentralachse der Weltgeschichte

Zu loben sind Ausstattung und Kostüme, allenthalben rattern Kutschen und Oldtimer durch das Bild, die ausladenden Damenhüte wippen, der Drehort Burg Nordhorn sieht tatsächlich aus wie Villa Hügel, wo ständig jemand vor- und abfährt: Der Kaiser, Hitler, Väter, Söhne und nicht geliebte Schwiegertöchter. Das alles ist auch schön fotografiert.

Drehbuch und Dramaturgie aber vermochten sich nicht auf einen Gegenstand zu fokussieren. Endgültig deutlich wird dies am Mittwoch im dritten Teil. Weil er nicht weiß, was er eigentlich erzählt, konnte sich der Regisseur auch nicht für einen Schluss, etwa den Tod Bertha Krupps, entscheiden, sondern hat gleich drei: auch Alfried muss noch sterben und - weil der Film sich immer wieder gern im Schwulen optisch sonnt - muss auch Jetsetter Arndt von Bohlen und Halbach (Nikolai Kinski) noch ein wenig mit getuschten Wimpern im Straßenkreuzer cruisen.

"Alles so schön schwul hier" - das sagt der Film häufiger. Angelehnt an Luchino Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung "Tod in Venedig" schmachtet Fritz Krupp in strahlend hellem Sommeranzug auf Capri den gut gebauten Fischerjungs hinterher. Obwohl er sich inhaltlich milde gibt, ist das Verhältnis zur Homosexualität eins der optischen Ausbeutung.

Aber eine Zentralachse der Erzählung gibt es doch: das Mutter-Sohn-Verhältnis zwischen Bertha Krupp und ihrem zum Erben erkorenen ältesten Sohn Alfried (Benjamin Sadler). Dessen strenge Disziplinierung bewundert der Film heimlich. Er suggeriert: So entsteht Verantwortung. Folglich gehört Versöhnungs-Kitsch unbedingt dazu. "Krupp - eine deutsche Familie" - das ist wie "Dallas" in Kostüm und Zeitlupe.

Hitlers Hinterkopf

Das Mutter-Sohn-Verhältnis saugt alles Zeitgeschehen in sich auf. Ignoriert wird die deutsche Geschichte keineswegs. Im Gegenteil: Fast alles kommt vor. Der Kaiser, seine Flottenpolitik, die dicke Bertha, Verdun, Hitler, Arbeiter und Klassenkampf wie aus einem Bilderbuch und sogar KZ-Häftlinge. Da aber wird es doch recht dünn. Dass Krupp zu den ersten deutschen Großindustriellen gehört, die schon ab 1931 Hitler fördern, wird nicht sonderlich betont, das leidige Thema Zwangsarbeit marginalisiert. Zwar will Bertha Hitler zunächst nicht empfangen, ist später aber stolz wie Bolle, als ihr Gatte Gustav das goldene Parteiabzeichen erhält.

Kein Bruno Ganz, kein Tobias Moretti oder Helge Schneider taucht auf. Der Film verschont uns zum Glück mit weiteren Hitler-Darstellern. Vom Führer sehen wir nur den Hinterkopf. Aber leider ist das Bild der Schrecken des Faschismus ähnlich unscharf. Richtig schlimm wird der Zweite Weltkrieg erst, als Essen bombardiert wird. Ohnehin hat Bertha Krupp in dieser Zeit vor allem damit zu tun, die Ehe ihres stets elegant rauchenden Sohnes zu zerstören.

TV als bilderreiche Anstalt zur Geschichts-Entsorgung

Sein Werk dürfe ja nicht zu einer Geschichtsstunde "verkommen", hat Regisseur Carlo Rola verkündet. Das ist ihm gelungen. Die äußere Entwicklung soll sich innerhalb der Familie spiegeln. Das ist nicht gelungen. Nicht Krieg oder Klassenkampf treiben die Geschichte, sondern Küchenpsychologie. Schuld und Sühne schrumpfen auf Familienmaß.

Viele Hollywood-Filme, ja sogar das TV-kompatible "Holocaust" haben schon gezeigt, dass es möglich ist, Geschichte zu personalisieren und dramatisch zu verdichten. Carlo Rola aber kapituliert vor der Real-Geschichte. Sie wird ersetzt durch Freud für Anfänger, also banalisiert. Schrecken und Entsetzen werden den Zuschauern nicht zugemutet, also nicht zugetraut. Dem opulenten Bildermedium Fernsehen kommt damit heute eine ähnliche Funktion zu wie den bebilderten Volksbibeln im späten Mittelalter. Es schafft Mythen und lenkt Erinnerung in verträgliche Bahnen. Für einen Mythos "Krupp" ist das langatmige ZDF-Drama zu wenig berührend, zu ungelenk. Die deutsche Vergangenheit aber macht es erträglich.


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