HOME

SCHIFFSMELDUNGEN: Ein neuer Anfang in Neufundland

Lasse Hallströms Romanverfilmung »Schiffsmeldungen« ist jetzt im Kino. Nicht nur Kevin Spacey und Judi Dench machen den Film sehenswert, die Naturaufnahmen zeigen Neufundland von seiner schönsten rauen Seite.

Dieser nette Kerl namens Quoyle ist leider ein Versager.

Als er endlich mal etwas Glück zu haben scheint, zerplatzt auch das wie eine Seifenblase: Denn die lebenslustige Petal, die Quoyle heiratet und ihm ein Mädchen schenkt, erweist sich als untreue Schlampe. Nach deren Unfalltod bleibt dem gebeutelten Zeitungssetzer nur noch die kleine Tochter Bunny. Mit ihr sucht er im rauen Neufundland, der Heimat seiner Familie, einen neuen Anfang. Gemeinsam mit seiner mürrischen Tante Agnis beziehen Vater und Tochter den alten Familienbesitz - ein marodes Holzhaus auf den Klippen.

Wind, Nebel, Schnee und Regen

gibt es überreichlich auf der dreieckigen Insel vor der nordöstlichen Küste des amerikanischen Kontinents, Sonne hingegen nur selten. Das Haus, in dem Tante Agnis einst aufwuchs, ist mit starken Tauen an allen Seiten befestigt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass es von einem der vielen Stürme weggefegt werden könnte. Quoyle müht sich um eine neue Existenz. Es ist ein kauziger Menschentyp, der dort sein Leben unter harten klimatischen Bedingungen fristet. Mit Glück und zu seiner eigenen Verwunderung wird er schließlich Reporter beim Lokalblättchen, als Redakteur für die Schiffsmeldungen. Damit bekommt er eine eigene Kolumne über Geschichten der anlegenden Boote und deren Besitzer.

Absolute Starbesetzung:

Der Titel dieser Kolumne ist auch der des Films, der ab dem 28.03. im Kino ist: »Schiffsmeldungen«. Der in Hollywood arbeitende schwedische Regisseur Lasse Hallström präsentiert damit die Leinwandversion des Bestsellers von E. Annie Proulx mit absoluter Starbesetzung: Quoyle wird von Oscar-Preisträger Kevin Spacey verkörpert, die ebenfalls bereits mit einem Oscar bedachte britische Charakterdarstellerin Judi Dench spielt Tante Agnis, in der Rolle der unseligen Petal zeigt sich Cate Blanchett von einer ganz neuen Seite. Und die stets so zart wie eisern wirkende Julianne Moore stellt jene Frau dar, der sich Quoyle im Handlungsverlauf behutsam annähern wird. Moore spielt Wavey Prowse, die Mutter eines behinderten Jungen, die mit Vergangenem hadert. Es sind also zwei verletzte Seelen, die sich schließlich zusammenfinden. Aber bis es soweit ist, geschieht noch mancherlei Wunderliches in der neufundländischen Einöde. Hallström hat den Roman von Proulx mit viel Gefühl in Szene gesetzt, in der seiner Heimat verwandten Landschaft fühlt der Regisseur von »Chocolat« sich sichtlich wohl.

Leise Töne überwiegen

Dazu hat er in Spacey den richtigen Schauspieler für die Rolle eines sympathischen Versagers, der beruflich wie privat sein Glück an der Sturmküste doch noch findet. »Schiffsmeldungen« ist ein Film der angenehm leisen Töne, wie in den anderen Literaturverfilmungen Hallströms überwiegt auch in dieser der sanfte Gestus. Im Gegensatz zu »Chocolat« führt das jedoch nicht in kitschige Bereiche, was allein schon die Naturszenerie verhindert.

Was außerdem für den Film spricht ist, dass Proulx selbst den Film für ausgesprochen gelungen hält - auch wenn er nicht ganz der Romanvorlage entspricht.

Niveauvolle Unterhaltung

Natürlich wird es im richtigen Leben viel langweiliger und weniger märchenhaft in Neufundland zugehen. Aber der Film macht doch viel Lust auf eine Begegnung mit diesem eigentlich so ungastlichen Stück Erde, dessen legendäre kulinarische Spezialität Robbenflossenkuchen sein soll. Und wer die Reise unternimmt, wird Ausschau halten nach diesem Quoyle und seiner Wavey, mit der uns das Kino zwei unterhaltsame, niveauvolle Stunden bekannt macht, für die das Eintrittsgeld gut angelegt ist.

Von Wolfgang Hübner, AP