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Kommentar

Schmähgedicht-Affäre: Böhmermann kneift, wenn es drauf ankommt

Gewundert hat es niemanden: Jan Böhmermann klinkt sich vorerst aus. Trotz aller Aufregung eine rundweg falsche Entscheidung. Denn nie wäre ein "Neo Magazin Royale" wichtiger gewesen als jetzt.

Jan Böhmermann schaut unsicher in den Raum

Hätte sich gerade jetzt zeigen müssen: Jan Böhmermann

Jan Böhmermann ist dann mal weg. Menschlich verständlich, denn man kann sich nur schwer vorstellen, was in den Wochen seit seinem Erdogan-Schmähgedicht auf ihn eingeprasselt ist. Trotzdem ist es die falsche Entscheidung. Es ist der nächste Sieg für den türkischen Präsidenten in der so unfassbar überdrehten Satire-Staatsaffäre. Dem Spaßmacher ist das Lachen vergangen - zumindest für den Moment.

Mehr hätte sich Erdogan ja kaum wünschen können. Umso wichtiger, ja nötig, wäre es gewesen, dass Böhmermann gerade jetzt sein Gesicht zeigt. Denn nicht zuletzt das macht die Freiheit der Satire aus, dass sie nicht verstummt, wenn es ernst wird. Selbst ein "Neo Magazin Royale" ohne eine einzige Erwähnung des Erdogan-Ärgers wäre ein starkes Signal gewesen. Man kann sich leicht ausmalen, was passiert wäre: Auftritt Böhmermann, frenetischer Beifall wäre ihm sicher, er setzt sein typisches Grinsen auf und sagt dann nur: "Hashtag heute: #warwas?". Dazu werden türkische Süßigkeiten gereicht. Verschenkt.

Bisher galt: Was soll Böhmermann schon passieren?

So bleibt nicht viel mehr übrig als jener Hedonismus, den Böhmermann wie so manch anderer seiner Zunft nur allzu gern zur Schau stellt - sogar im Moment seines Rückzugs (von wegen sich "in Nordkorea die Sache mit der Presse- und Kunstfreiheit nochmal genau erklären zu lassen"). Er kneift in dem Moment, in dem es wirklich drauf ankommt - und das, obwohl er von allen Seiten Unterstützung erhält. Es ist ja so einfach, in unserer Medien- und Internet-Gesellschaft über alles und jeden zu lästern. Was soll schon passieren? Die, über die da gespottet wird, sind ja oft genug selber im Geschäft, profitieren sogar noch von der Lästerei.

Nun aber - und das trifft ironischerweise Jan Böhmermann und Angela Merkel gleichermaßen - dringt die "böse Außenwelt" in Gestalt von Flüchtlingskrise und Erdogan in unsere Komfortzone ein. Und sie fordert, gänzlich ungewohnt, Konsequenzen ein. Dass Böhmermann just in diesem entscheidenden Moment nicht bereit ist, seine Art der Satire offensiv zu vertreten, ist schwach und enttäuschend. Denn ein Satiriker, der der Macht nicht ins Gesicht lacht, ist letztlich nur ein Hofnarr. Leider.