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"Hitler und die Deutschen": Ein Führer aus der Hefe des Volkes

Das Deutsche Historische Museum Berlin sucht nach Antworten auf die Frage, wie ein ganzes Volk einem Diktator und dessen Vernichtungspolitik verfallen konnte. Eine Hitler-Austellung ist in Deutschland eine Seltenheit

Von Anja Lösel

Wie konnte so einer zum Führer werden? Hitler, dieser "Mann aus der Hefe des Volkes, der ein verurteilter Krimineller" war. Hans Ottomeyer, Direktor des Deutschen Historischen Museums, hat sich das wieder und wieder gefragt. Eine Ausstellung in seinem Haus soll nun Klarheit bringen. Es ist, man mag es kaum glauben, erst die zweite Ausstellung in Deutschland, die den Namen Hitler im Titel trägt. Die erste fand 1994 in München statt und durfte nicht nach Berlin wandern, obwohl das ursprünglich geplant war. Zu groß war die Angst, dass die falschen, sprich rechtsradikalen Besucher angezogen werden könnten.

Nun holt Berlin nach, was es vor 16 Jahren versäumte. "Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen", heißt die Schau. Einen Anlass dafür gibt es nicht, weder einen Jahrestag noch neue Forschungsergebnisse. Aber weil das Deutsche Historische Museum eine der größten Sammlungen von Dokumenten und Gegenständen aus der NS-Zeit in seinen Depots hütet, sah Ottomeyer wohl den Augenblick gekommen, die auch mal vorzuzeigen und zu erklären "wie Hitler aus der Politik seiner Zeit entstanden ist".

Hinter dem "Führer"

Hans-Ulrich Thamer, Historiker an der Universität Münster und Kurator der Ausstellung, hat an den Eingang drei riesige Hitlerfotos gestellt. Auf Gaze gedruckt ist der Diktator als junger Soldat zu sehen, als mächtiger "Führer" und als Totenkopf-Fratze mit Schnurrbart und Haartolle. Alle paar Sekunden ändert sich die Beleuchtung, dann scheinen hinter den Porträts andere Bilder auf: von der Krise, die Hitlers Erfolg möglich machte, von Arbeitslosen und Obdachlosen. Von Paraden und Massenbegeisterung. Und von Zerstörung, Gewalt und Mord. Viele der Bilder hat man schon mal so oder ähnlich gesehen. Aber sie müssen wohl immer und immer wieder gezeigt werden, um das Grauen nicht vergessen zu lassen. Und um sich die selbst die Frage zu stellen: Wie hätte ich mich damals verhalten? Wenn die Ausstellung das schafft, dann ist sie sinnvoll. Eine Vitrine mit 32 unterschiedlichen Uniformen trägt dazu eher wenig bei. Genauso wenig wie Telefone, VW-Modelle und gläsernes Geschirr des Bauhäuslers Wilhelm Wagenfeld, das dokumentieren soll, dass die Hitlerzeit auch "modern" war und nicht nur völkisch-hinterwäldlerisch.

Der Mann, der Chaplins Bärtchen stahl

Sehr gut dagegen die Gegenüberstellung von Hitlers Reden und Charlie Chaplins grandioser Parodie im Film "Der große Diktator". Hier wird plötzlich klar, dass die Parodie gar keine war, denn Hitler verzog das Gesicht tatsächlich ständig zur Fratze, rollte mit den Augen und dehnte das "rrrrr" lang und länger - genau wie Chaplin. Kaum mehr nachvollziehbar, wie Hitler mit solchen Reden Millionen von Deutschen begeistern konnte. Thamer hofft hier "auf den politischen Lerneffekt". Absichtlich hat der Kurator sich "nicht eingelassen auf die bizarre Persönlichkeit Hitlers". Der war bekanntlich Vegetarier und überzeugter Nichtraucher, "aus heutiger Sicht also ein Gutmensch". Ein bisschen mehr hätte man davon aber gern erfahren.

Viele kuriose Ausstellungs-Stücke zeigen, wie sehr die Nazi-Ideologie in den Alltag eingedrungen war. Etwa die stolze Ankündigung eines Händlers, nun endlich "arische Ostereier" anbieten zu können, die "nur durch arische Hände gegangen" sind. Oder ein rotes Lampion mit Hakenkreuz. Ein "Führer-Quartett". Ein Kinderbrief an den "lieben Herrn Hitler", in dem eine 13jährige versichert: "Hier in Liebenberg sind auch 90 % Nazis". Und ein Wandbehang der "Evangelischen Frauenhilfe" mit gestickten Hitlerjungen, SA-Männern und BDM-Mädchen, angeordnet in Kreuzform und ausgeschmückt mit den Worten des Vaterunsers und einem fetten Hakenkreuz.

Wunderbar ein Hitler-Steckbrief aus den USA, der den Diktator in sechs verschiedenen möglichen Verkleidungen zeigt: mit Vollbart, mit Brille, glattrasiert, mit Glatze oder mit gegeltem Haar. Nicht wieder zu erkennen. So hätte er also auch aussehen können.

Die Frage der Fragen

Dass Hitler seine Faszination in der Nachkriegszeit nie verloren hat, zeigen 45 Titelbilder, die der Spiegel dem Phänomen gewidmet hat. Seit den 90er Jahren gab es sogar eines pro Jahr. Alle erzielten besonders hohe Verkaufszahlen. Und natürlich dürfen auch die gefälschten Hitler-Tagebücher nicht fehlen, samt Remington-Schreibmaschine, auf der sie getippt wurden, und dem Original stern-Titel. Unter all den Seltsamkeiten leuchtet ein kleines Gemälde auf beeindruckende Weise heraus. Der Maler Klaus Richter hat es 1941 angefertigt, nachdem er Adolf Hitler im Sommer auf der Wolfsschanze besuchen und ihn dort beobachten und skizzieren konnte. Es zeigt den Diktator als gebrochenen Menschen, mit irrem Blick, aufgedunsen, wahnsinnig. Das fertige Gemälde, eine Vision des Untergangs, bekam Hitler nie zu sehen, erst nach 1945 wurde es öffentlich gezeigt. Das schreckliche Ende war also vorauszusehen gewesen. Warum nur haben trotzdem alle so lange mitgemacht? Auch noch, als das Verderben und der Wahnsinn schon zu erkennen waren? Das ist die Frage der Fragen. Sie ist nicht neu, und doch muss sie immer wieder gestellt werden. Dafür ist diese Ausstellung gut. Sie ist keine große Ausstellung, aber doch eine wichtige.

Berlin, Deutsches Historisches Museum, 15. Oktober bis 6. Februar