"Zum letzten Liebesmahle" Theatergemeinde nimmt von Schlingensief Abschied


Der lange Tisch in der Berliner Volksbühne war noch einmal reich gedeckt mit Brot und Wein für Christoph Schlingensief. "Zum letzten Liebesmahle", wie der im August nur 49-jährig gestorbene Theaterprovokateur und Bayreuther "Parsifal"- Regisseur gerne selbst aus Richard Wagners Oper zitierte.

Der lange Tisch in der Berliner Volksbühne war noch einmal reich gedeckt mit Brot und Wein für Christoph Schlingensief. "Zum letzten Liebesmahle", wie der im August nur 49-jährig gestorbene Theaterprovokateur und Bayreuther "Parsifal"- Regisseur gerne selbst aus Richard Wagners Oper zitierte. Die kirchliche Trauerfeier hatte zwar schon Ende August in seiner Heimatstadt Oberhausen stattgefunden, aber seine Berliner "Theatergemeinde" nahm erst jetzt "standesgemäß" von Schlingensief Abschied - mit einem Theaterfest und einer Langen Nacht.

Es war wie eine postume "Heiligsprechung von St. Christoph von Oberhausen", wie es ein Kritiker formulierte. "Wir trauern um einen der größten Künstler, die je gelebt haben", hieß es auf einem Flugblatt einer Künstlergruppe, die in einer Videoinstallation die "Auspeitschung des Festspielhauses von Bayreuth" zeigte, weil Schlingensief mal gesagt hatte, er habe sich mit seiner Parsifal- Inszenierung in Bayreuth den Krebs geholt.

Die ganze Volksbühne wurde noch einmal zu einer einzigen Schlingensief-Installation voll Artistik, Musik (viel Wagner), Filmen, Installationen (auch an sein geplantes Operndorf in Afrika erinnernd), leibhaftigen Hasen in Käfigen (erinnernd an Schlingensiefs "Hasifal" in seiner heftig umstrittenen Bayreuther Parsifal-Inszenierung), Gesprächen, Speisen und Getränken unter dem Motto "Gedenken 3000" - "Freakstars 3000" hieß eine Schlingensief- Persiflage auf Fernseh-Castingshows - in Frank Castorfs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Hier war Schlingensief als einer der prägenden Regisseure rund zwei Jahrzehnte zuhause. "Nun wird die Volksbühne zum nahezu unfassbaren Ort seiner Verabschiedung", hieß es in der Einladung.

Weit über 1000 Freunde und Weggefährten brachten Brot und Wein für eine lange Abschiedstafel mit. Im benachbarten Filmkunstkino Babylon begann am selben Abend auch eine Schlingensief-Filmretrospektive (bis 16. Januar) mit "Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte neue deutsche Film". Schlingensief-Filme wurden in der gleichen Nacht auch vom RBB- Fernsehen ausgestrahlt.

Volksbühnen-Hausherr Castorf erinnerte an die 15 Produktionen mit Schlingensief an der Volksbühne und an die Hassliebe, die beide miteinander verbunden habe, wie er der Nachrichtenagentur dpa sagte. Dazu gehörten unter anderem "100 Jahre CDU", "Rocky Dutschke '68", "Chance 2000", "Atta Atta" oder "Die Berliner Republik". "Er hat das Haus bis an seine Grenzen gebracht, aber das muss ein guter Theatermann auch. Christoph hatte so viel Wut im Bauch, das war auch produktiv für mein Theater, aber es war dann auch gut für ihn, dass er neue Wege gegangen ist", sagte Castorf.

Erschienen waren zum Theater-Abschiedsfest noch einmal Freunde wie die Grünen-Politikerin Antje Vollmer und die Schauspieler seines Ensembles wie Irm Hermann und Angela Winkler, sein langjähriger Dramaturg Carl Hegemann, außerdem Regisseure wie Jürgen Flimm und Claus Peymann, der Schlingensief einen "genialen Dilettanten" und "großen Entertainer" nannte. "Mein Verständnis von Theater ist das nicht, deswegen kam es auch nie zu einer Zusammenarbeit am Berliner Ensemble, aber er hatte ein sehr gutes Gespür für Zeitfragen", sagte Peymann der dpa.

"Er fehlt mir sehr und auch dieser chaotischen Stadt, er passte gut hierher", meinte Flimm, der mit Schlingensief noch 2008 bei der Ruhrtriennale bei der "Kirche der Angst" zusammengearbeitet hat. Natürlich war auch Schlingensiefs Witwe, die Kostümbildnerin Aino Laberenz, an dem Abend dabei, die sich über den großen Zuspruch der vielen Freunde und Anhänger Schlingensiefs freute. "Es ist, als ob er noch hinter einer Säule steht und das alles mit großer Freude beobachtet. Es hätte ihm gefallen."

Und es wurden auch Spenden gesammelt für Schlingensiefs letztes Projekt, das "Operndorf" im afrikanischen Burkina Faso. Es gibt noch viele unvollendete Schlingensief-Projekte wie zum Beispiel seine geplante Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Kunstbiennale in Venedig 2011. Die ursprünglich in diesem Herbst geplante Veröffentlichung der Memoiren Schlingensiefs ist auf das nächste Jahr verschoben worden, wie der Verlag Kiepenheuer & Witsch mitteilte. Schlingensief hatte das Manuskript nicht mehr vollenden können. "Unter Federführung seiner Frau Aino Laberenz wird das Projekt nun fortgeführt." Ein genauer Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest.

Wilfried Mommert, DPA DPA

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