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100 Jahre Cézanne: Der Mythos des einsamen Malers

Trotz unzähliger Ausstellungen und unendlicher Regalmeter an Literatur über Paul Cézanne bleibt der französische Maler auch 100 Jahre nach seinem Tod teilweise noch ein Rätsel. Cézanne verkörpert par excellence den Mythos des einsamen Malers.

Er lebte sehr zurückgezogen, war wortkarg und hielt nichts von "Gesprächen über Kunst". Schon zu Lebzeiten galt Cézanne, der am 19. Januar 1839 in der südfranzösischen Stadt Aix-en-Provence geboren wurde und dort am 22. Oktober 1906 starb, als geheimnisumwitterter Mensch. So bezeichnete der Kritiker Arsène Alexandre 1894 ihn als eine "legendäre Person, von der zu sprechen in den Ateliers nie ganz aufgehört wurde, obwohl man nur selten seine Malerei sah und so gut wie den Künstler selbst."

Cézanne datierte seine Werke nicht, was zu heftigen Diskussionen und Widersprüchen innerhalb der Fachwelt führte. Viele der veröffentlichten Texte entstanden posthum aus Erinnerungen an Besuche oder Gespräche heraus oder mit Bezug auf andere Zeitzeugen. So entstanden Wahrheiten und Halbwahrheiten, die die Person Cézanne auch weiterhin mit einigen Geheimnissen umhüllen und zu neuen Veröffentlichungen führen wie die erst vor kurzem im Reclam Verlag erschienene Biografie "Cézanne" von Peter Kropmanns.

Sicher ist, dass Cézanne erst sehr spät zu Erfolg gekommen ist. In der pittoresken Stadt Aix-en-Provence, wo der Sohn eines wohlhabenden Bankiers mehr als 40 Jahre seines künstlerischen Lebens verbrachte, gab es für seine Kunst kaum Verständnis. Erst mit 56 Jahren und durch die von dem Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard im November 1895 organisierte große Einzelausstellung verschaffte er auch bei einem breiteren Publikum einen Namen.

Sein Durchbruch kam sehr spät

Cézanne, der über 900 Gemälde, 600 Aquarelle und 1200 Zeichnungen schuf, war zu Beginn vor allem unter Seinesgleichen ein Begriff. So schrieb Camille Pissarro im Jahr 1895 an seinen Sohn: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es ist, bestimmten Kunstliebhabern, Impressionistenfreunden die Qualitäten Cézannes näher zu bringen. Ich glaube, es müssen erst Jahrhunderte vergehen, bevor man sich dessen bewusst wird."

Inspirierte die Kubisten

Doch die Malerei Cézannes wirkte sich schon früher auf die Entwicklung der Kunst des 20. Jahrhunderts aus. Denn schon ab 1895 begannen sich vor allem jüngere, progressive Künstler für das Werk des Künstlers zu interessieren, der als der "Vater der Modernen" gilt. Seine analytische Methode, die die Naturgestalten in Kugel, Kegel und Zylinder reduzierte und sich am deutlichsten in seinen Ölbildern "Die Badenden" zeigt, inspirierte die Kubisten Pablo Picasso oder Georges Braque.

Die Surrealisten entdeckten 1930 in seinen meist romantischen, voller Leidenschaft gemalten früheren Figurenbilder die Schattenseiten des Malers. Und mit dem Triumphzug der abstrakten Malerei in den 50er und 60er Jahren stand Cézannes Suche nach der Befreiung der Form von ihrer Gegenständlichkeit erneut im Mittelpunkt.

Wettstreit mit Gauguin

Vor dieser Vereinnahmung durch andere Künstler und Kunstrichtungen hatte Cézanne schon zu Lebzeiten Angst. Er beschwerte sich darüber, dass ihm Gauguin seine "kleinen Sensationen" geklaut habe, um sie "in großen Ozeandampfern spazieren zu führen". Und er kritisierte die Symbolisten, weil sie ihn in den Jahren nach 1890 zu ihrem geistigen Vater gemacht hatten.

Die meisten Bilder Cézannes sind in Aix-en-Provence entstanden. "Wenn man dort geboren ist, dann gefällt es einem nirgendwo anders mehr", sagte Cézanne einst. Licht und Landschaft der Provence hatten großen Einfluss auf ihn. So dienten die nur wenige Kilometer von Aix liegenden einstigen Steinbrüche von Bibémus und das grandiose Kalksteinmassiv Sainte-Victoire als Vorlage einiger seiner schönsten und modernsten Werke. "Schauen Sie diesen Sainte Victoire an. Welch ein Schwung, welch ein Verlangen nach Sonne, und welch eine Melancholie am Abend, wenn all diese Schwere wieder herunterfällt", sagte er.

Unter dem Einfluss des Lichtes modellierte er die Farbe zu höchster Feinheit. "Wenn die Farbe ihren ganzen Reichtum entfaltet, ist auch die Form gefunden", sagte Cézanne, dessen Aphorismen und Ratschläge einfach und grundlegend erscheinen. Aber Worte waren für Cézanne nicht maßgebend, sondern einzig und allein die Malerei. Wie Maurice Denis sagte: "Er ist derjenige, der malt."

Sabine Glaubitz/DPA / DPA
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