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150. Geburtstag von Henry van de Velde Möbel, Kunst und feine Nerven


Er selbst sah sich nie als Jugendstilkünstler: Der Architekt und Designer Henry van de Velde. Doch sein "Neuer Stil" setzte Maßstäbe. Seinen 150. Geburtstag feiert Google mit einem Doodle.

Die Linie ist eine Kraft." Dieser Satz des flämisch-belgischen "Allrounders" Henry van de Velde steht für ein Programm. Vor 150 Jahren, am 3. April 1863, in Antwerpen geboren, hatte der junge Maler bald genug von den dunklen herrschaftlichen Räumen und schweren Möbeln seiner Umgebung. Er ließ sich inspirieren von neuartigen englischen Möbeln und farbenfrohen asiatischen Gebrauchsgegenständen. Der Wechsel von der Malerei zum Kunsthandwerk und Design veränderte nicht nur sein Leben radikal, sein "Neuer Stil" setzte in Europa und darüber hinaus Maßstäbe. Er selbst hat sich nie als Jugendstilkünstler gesehen. Seine Intention war das Gesamtkunstwerk, in dem jedes künstlerische Detail mit seinem Umfeld harmoniert.

Bereits sein erstes, 1895 fertiggestelltes Wohnhaus Bloemenwerf bei Brüssel polarisierte. Staunend, begeistert oder auch entsetzt begutachteten seine Zeitgenossen Haus und Innenausstattung: Bis zu Möbeln, Tapeten, Geschirr und den Kleidern seiner Frau Maria hatte Van de Velde alles in Form und Farben aufeinander abgestimmt. Es folgten Aufträge in Paris und Berlin, wo sein Stern nach der ersten Euphorie bei Künstlern, Bürgerlichen und Industriellen aber zunehmend sank. "Ich will Kunst, will Form, Harmonie, Linie. Staub ist mir ganz egal", erklärte Van de Velde später in Berlin angesichts von Kritik an seinen - damals noch mit vielen Linien verzierten - Möbeln.

Die kleine Residenzstadt Weimar sollte eine erneute Wende bringen: Hier hatte er seine produktivsten Jahre. "Van de Velde ist die große europäische Figur, die hier 15 Jahre lang in Mitteldeutschland gewirkt hat", sagt Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung Weimar, die einen umfangreichen Fundus von Arbeiten und Entwürfen des Belgiers besitzt.

Wegbereiter des Bauhauses

Mit dem 1902 gegründeten Kunstgewerblichen Seminar gelang es ihm, Kunst, Industrie und Handwerk in Praxis und Theorie zu vereinen. Zahlreiche Häuser, von seinem eigenen Wohnhaus "Hohe Pappeln" und dem Nietzsche-Archiv bis zum heutigen Hauptgebäude der Bauhaus-Universität sind Stein gewordene Zeugnisse seines Ideenreichtums. In Gera kündet das Haus Schulenburg und in Chemnitz (Sachsen) das Wohnhaus Esche von seinem Wirken in Mitteldeutschland.

"Van de Velde wurde damit zu einem Wegbereiter der Moderne und des Weimarer Bauhauses", würdigt Thüringens Kulturminister Christoph Matschie (SPD) den Jubilar. Deutschland und Weimar sollten aber auch für düstere Tage im Leben Van de Veldes und seiner Familie stehen. Als Belgier war er während des Ersten Weltkrieges für die Deutschen ein "feindlicher Ausländer", für die Belgier, die von der kaiserlichen deutschen Armee überrannt wurden, hatte er den Ruf eines Kollaborateurs. 1917 verlässt Van de Velde Deutschland, nicht ohne zuvor den Architekten Walter Gropius als seinen Nachfolger in Weimar empfohlen zu haben. 1919 gründete Gropius in den Schulgebäuden Van de Veldes das Staatliche Bauhaus. Es sollte die einflussreichste Architektur -und Designschule des 20. Jahrhunderts weltweit werden.

Kleinstadtgeist in Weimar

In seinen Memoiren, geschrieben in seinen letzten Lebensjahren in der Schweiz, blickt Van de Velde auch verbittert auf die Weimarer Kriegszeit zurück. Heftigen Intrigen aus Künstlerkreisen ausgesetzt, hatte er jedoch zwischen den Fronten keine Wahl als auszuharren. "Ich schauderte vor dem Gefühl völliger Verlassenheit, vor apokalyptischen Visionen, vor der Gefahr des Wahnsinns", zitiert die Autorin Ursula Muscheler in ihrem Buch "Möbel, Kunst und feine Nerven" Van de Velde. Er glaube nicht daran, dass es für ihn, den Belgier und damit Ausländer, in Deutschland jetzt und nach dem Krieg eine Zukunft gebe, schrieb er in einem Brief.

Für Muscheler ist ein "Mann mit weit gesteckten Zielen" in Weimar - einem "Hort abgelebter Tradition und bornierten Kleinstadtgeistes" - fehl am Platz gewesen. Der Weimarer Kunsthistoriker Thomas Föhl widerspricht: Van de Velde habe hier zuletzt eine depressive Schaffenskrise durchlebt.

Van de Velde hatte Deutschland 1917 nahezu mittellos über den Bodensee in Richtung Schweiz verlassen. Später entwarf er ein Privatmuseum in den Niederlanden. 1925 erhielt er eine Professor für Architektur an der Universität Gent und kehrte in die Heimat zurück. 1926 wurde er Direktor des neuen Instituts Supérieur des Arts Décoratifs in Brüssel. Im hohen Alter wirkte er noch an den Weltausstellungen in Paris 1937 und in New York 1939 mit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wegen seiner Tätigkeit unter deutscher Besatzung in Belgien angefeindet, zog er 1947 in die Schweiz und starb 1957 in Zürich.

Antje Lauschner, DPA DPA

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